Steine und Sterne

Steine und Sterne

Wenn der Mond zunimmt und sein Licht in den südlichen Nachthimmel reflektiert, werden Fotos von Sternen in dieser Richtung schwierig. Durch seine massive Leuchtkraft überdeckt er nahezu jeden Stern in seiner Umgebung. Und seine Umgebung bedeutete gestern so ziemlich den gesamten südlichen Himmelsbereich. Die Atmosphäre scheint zur Zeit stark mit Pollen und Staub verunreinigt zu sein, weswegen der Lichtschein des Mondes so stark und so weit um ihn herum zu sehen war. Doch ein Ort an der Sense schien gut geeignet.

Also, was tun wenn der Süden ausfällt, weil der Halbmond (dessen Lichtintensität immerhin noch etwas mehr als 10% des Vollmondes besitzt, was aber schon vollkommen ausreicht, um fast alle anderen Sterne zu überdecken) genau auf der Milchstrasse sitzend am Südhimmel vorbeizieht, man aber dennoch Sterne fotografieren möchte? Sterne sind auch in allen anderen Himmelsrichtungen zu finden, darum hiess es für mich: Ab an einen schönen Ort und nach Norden oder Nordosten fotografieren.

Mein Ziel war die Sense, ein Fluss im Kanton Freiburg. Und zwar in der Nähe von Plaffeien, wo die Sonne noch spät am Abend das breite, steinige Flussbett erreicht, ich eine gute Sicht nach Norden und Osten habe, und gleichzeitig keine allzu starke Lichtverschmutzung herrscht. Der Platz war dank Google Earth schnell gefunden. Das Ziel kennend, wusste ich nun was ich mitnehmen muss.

Und so packte ich wieder einmal den Rucksack. Die leichteren Dinge wie Schlafsack und Isomatte blieben zuhause… Und alle schweren Gegenstände wanderten wieder in den Rucksack hinein. Meine Kamera, das Stativ, Zubehör wie Ersatzakku, Fernauslöser und Kabel schlichen in einem wasserfesten Packsack mit Rollverschluss (solange ich nichts noch leichteres, flexibleres und gleicherart sicheres finde, bleiben die Dinger meine Favoriten wenn es darum geht, irgendwas schnell und gemessen am Gewicht sicher zu verstauen) hinein in den Rucksack oder wurden zumindest rangehängt wie das Stativ oder eine Taschenlampe (mit einem leichten, kleinen Karabiner am Tragegurt des Rucksacks befestigt, ist so eine Taschenlampe äusserst nützlich!). Ich dachte mir, dass ich nicht das maximalmögliche Licht einfangen muss für die gewünschte Aufnahme, also liess ich mein derzeitiges Immerdrauf-Objektiv, das 17-40mm f/4.0L auf der Kamera. Sicherheitshalber kam noch ein 40mm Festbrennweitenobjektiv mit einer Offenblende von f/2.8 mit in den Rucksack, falls 40mm vollkommen ausreichen sollten, die Blende von f/4.0 hingegen nicht. Weil, sicher ist sicher. Man will ja nicht Licht und damit Zeit vergeuden. Auch wenn solche Ausflüge per se keine Zeitverschwendung sind – selbst wenn kein Foto dabei entstehen sollte – ist man immerhin draussen gewesen, mitten in einer tollen Landschaft.

Und so ging es los.

Sonnenuntergang im freiburger Oberland

Im Westen war ein wundervoller Sonnenuntergang zu sehen, während wir in die entgegengesetzte Richtung fuhren; hinein in die freiburger Voralpen. Die hohen Eiskristallwolken leuchteten im Licht der sich langsam verabschiedenden Sonne und ich war mir für einen kurzen Augenblick nicht mehr sicher, ob ich die richtige Richtung eingeschlagen hatte. Die Farben sahen herrlich aus. Ein gefährlicher Moment. Allzu schnell wirft man die Pläne über Bord und will dann kurzfristig alles umgestalten, nur weil da am Horizont ein Fleckchen Farbe ist. Aber dieses Fleckchen wird schon bald weg sein. Spätestens dann, wenn man dort ankommt wo man kurzfristig hingehen wollte. Und das wars dann, die Strafe der Ungeduld.
Also ging es weiter. Aus den sanften Hügeln des freiburger Umlandes wurden höhere Hügel, Anfänge von Bergen… Und dann bei Plaffeien war sie endlich sichtbar, links von der zum Schwarzsee führenden Strasse, unten in ihrem breiten, steinigen Bett fliessend. Die Sense, rauh und rauschend, das Flussbett von Schwemmholz geschmückt, von Pionierpflanzen besiedelt und diese wiederum von abertausenden Mücken bewohnt. Aber die sind höchstens dann ein Problem, wenn sie sich auf die Frontlinse setzen. Für alles andere gibt es Insektensprays.
Sonnenuntergang an der Sense bei PlaffeienVor Ort angekommen, bot sich mir ein unerwartetes Bild. Der bereits dank Satellitenaufnahmen (ein Hoch auf sowas! Man kann es verschreien und als Sicherheitsrisiko, etc. bezeichnen. Aber eins muss man Google Earth, usw. lassen: Es ist halt schon verdammt praktisch.) bekannte Parkplatz war leer. Ich rechnete mit gemütlich bis in die Nacht hinein bleibenden Familien oder Gruppen von Freunden, dort parkend und ein paar Meter weiter im Flussbett grillend und spielend. Aber nein, es war still. Und leer. Weit und breit kein Mensch. Ein ausgetretener Pfad im Flussbett zeugte von regem Fussverkehr tagsüber, aber jetzt, kurz vor Sonnenuntergang war nichts mehr davon zu sehen.
Die Steine im Bett der Sense gaben die geringer werdende Restwärme ab die sie tagsüber gesammelt hatten, und im Norden begannen die Wolken im roten Sonnenlicht zu leuchten. Ich suchte mir ein hübsches Plätzchen im schnell abnehmenden Restlicht und baute die Kamera ein erstes mal auf. Nur ein Test, nur… Mal sehen. Der Ausschnitt gefiel, der Himmel ebenfalls. Was heisst hier gefiel. Der Himmel war grandios. Tiefblau, absolut klar und nur am Horizont ein paar hohe, feine Wolkenschleier die sich kaum zu bewegen schienen.
Doch irgendwie störte mich der Blickwinkel. Da war eine über das Flussbett gespannte Leitung mitten im Bild. Und das Wasser im Vordergrund – irgend ein kleiner, langsamfliessender Seitenarm der Sense – war auch nicht genau das, was ich wollte. Also suchte ich nach Alternativen, suchte die Umgebung ab. Wo steht ein spannendes Objekt, das sich als Vordergrund eignen würde? Ich erspähte zwei alte, tote Baumstämme, die in den Himmel ragten. Aber, sollte ich wirklich alles dort hinüber schleppen und neu aufbauen?

Während ich überlegte, nahm ich den Gaskocher hervor und machte mir darauf Wasser warm.
Der Wind im oberen Teil des Mittellaufs eines Flusses ist zumindest hier in der Gegend sehr berechenbar. Tagsüber wenn die Sonne die Umgebung aufheizt, zieht ein warmer Wind entgegen der Fliessrichtung zu den Bergen hin, wo er dann aufsteigt. Abends hingegen, wenn der Heizkörper Sonne verschwindet, dreht sich die Situation um und der Wind kommt kalt in Fliessrichtung von den Bergen herab. Deshalb war ich schon vorsorglich in dickere Kleidung gepackt, und deshalb machte ich mir Wasser warm.

Sterne und Steine - ein Gaskocher an der SenseUnd während ich da sass und über dieses und jenes nachdachte, über passende Standorte, hübsche Vordergrundobjekte, sinnige und unsinnige Blickwinkel, Blickrichtungen und dergleichen, fiel mir auf einmal der Gaskocher auf. Sein bläuliches Licht erhellte die Steine rundherum, und im Hintergrund tauchten immer mehr Sterne auf. Langsam war es dunkel genug um sie gut sehen zu können. Einzig der Mond in meinem Rücken leuchtete das Flussbett der Sense aus und die vorhin noch weit entfernten Wolken krochen langsam über mich hinweg.

Da fiel mir auf, dass ich das Motiv des Abends schon die längste Zeit mit mir herumgetragen hatte und jetzt sogar direkt vor mir stand, heiss und mit blauer Flamme brennend, mein Wasser aufwärmend.
Diesen Gaskocher wollte ich im Vordergrund. Und vor allem sein Lichtschein. Und im Hintergrund die Sterne.

Ich liess das 40mm f/2.8 im Rucksack und behielt das bereits befestigte 17-40mm Objektiv auf der Kamera. Die Blende von f/4.0 sollte dafür vollkommen reichen. Zuviele Sterne im Himmel sind bei Sternstrichspuren oft verwirrend und zu aggressiv. Es gilt, die richtige Mischung zu finden. Nicht zuviele, damit der Himmel nicht zu unruhig und aggressiv wird, aber auch nicht zu wenige. Dadurch würde er wiederum langweilig und leer aussehen. Aber damit musste ich mich nicht weiter befassen, f/4.0 erwies sich als optimal an diesem Abend. Mit einem ISO von 500 war ich ebenfalls bestens bedient und brauchte mir dadurch auch überhaupt keine Gedanken um allfälliges, störendes Bildrauschen zu machen.

Da ich diesmal völlig bewusst und absichtlich eine Strichbildung bei den Sternen erzeugen wollte, versuchte ich eine möglichst grosse Brennweite zu nutzen, ohne allzu viel Bildausschnitt einbüssen zu müssen. Ich blieb bei 24mm, um all die gewünschten Bereiche noch in Gänze im Sucher sehen zu können.

Und so setzte mich mit dem Fernauslöser daneben… Und dann machte es alle dreissig Sekunden klack. Bild für Bild… für Bild. 130 Aufnahmen lang.

Während ich da so sass, wärmte ich nochmals Wasser auf (warum auch nicht, sich schnell bewegende, dunkle Objekte stören ja die Aufnahme im Himmel nicht. Und der Rest würde ohnehin weggeschnitten werden) und beging einen richtig dummen Fehler: Ich liess den Kunststoffbecher im Edelmetalltopf stehen. Irgendwann nahm ich das Wasser vom Kocher und bemerkte mein Missgeschick – es roch verdächtig nach verbranntem Plastik. Und siehe da, tatsächlich. Der Becherboden war angeschmolzen und hatte zwei grosse Löcher. Hurra, das brandneue (ha… nicht witzig!) Kochgeschirr zerstört! Kurz dadurch frustriert, wollte ich beinahe abbrechen und nach Hause gehen. Doch irgendwie konnte ich mich mit etwas Mühe doch davon überzeugen, einfach sitzen zu bleiben. Zum Glück.

Zuhause angekommen, musste ich erst die einzelnen Aufnahmen miteinander verbinden. Gesagt, getan. Alle Aufnahmen wurden als Ebenen ins Bildbearbeitungsprogramm geladen und auf “Aufhellen” gestellt, damit sich die kurzen Sternstriche aneinanderreihen… Und so entstand aus vielen einzelnen Aufnahmen eine lange abgebildete Zeitspanne… Jetzt musste nur noch der Vordergrund scharf werden – durch die offene Blende war dieser natürlich unscharf. Also wurde einfach die erste Aufnahme schnell per Ebenenmaske eingepasst, und schon war auch dieser letzte, wichtige Punkt durch. Denn auf dieser war einzig der Kocher und die Umgebung scharf.

Ein durchaus erfolgreicher Abend ging damit frühmorgens um halb drei Uhr zu Ende.

 

Sternstrichspuren und Gaskocher an der Sense

 

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