Suchen und finden

Suchen und finden

Vor einiger Zeit entdeckte ich beim Durchstreifen der Satellitenfotos auf Google Earth eine wunderbare Gegend im Berner Oberland. Mein Interesse war sofort geweckt, und so suchte ich gleich eine Möglichkeit, schnellstmöglich dort hin gelangen zu können. Jeder wird es kennen – man sieht etwas und will sofort hin, aber ganz so einfach gestaltet es sich dann meist nicht.

Ich sah bereits die Fotos vor mir, die Landschaften und all die Möglichkeiten, wenn… Ja, wenn denn das Wetter mitspielt. Jetzt kommt der Herbst, und genau diese Jahreszeit wollte ich da oben fotografieren. Bloss… Das Wetter spielte nicht mit. Statt goldenes Herbstlicht gab es wolkenverhangene Berge, grau-nasse Düsternis und von weiter Sicht konnte man nur träumen. Zudem war Regen vorhergesagt, und das für die ganzen nächsten Tage.
Vielleicht wäre der eine oder andere einfach zuhause geblieben. Aber mir war nicht danach, im Gegenteil. Ich wollte genau dieses Wetter vor Ort erleben und mal die Umgebung anschauen, damit ich dann – später, wenn das Wetter passt – gleich genau weiss wo ich hin will, wo ich hin sollte, wo ich auf keinen Fall langgehen sollte und welche Hindernisse sich auf dem Weg dort hin auftürmen.

Und so ging es los. Durch Bern hindurch über den Ostring, weiter Richtung Thun, die Wolken wurden immer dunkler und hingen immer tiefer. Nachdem auch Steffisburg hinter mir lag, ging es Kurve um Kurve immer weiter in die Höhe, immer tiefer hinein in eines der unzähligen Täler in der Gegend, näher an die Wolken. Einige Zeit später begleiteten mich aus einer Bäckerei auf dem Weg mitgenommene Schinkencroissants… Verpflegung für unterwegs.

Auf dem Weg ins Eriztal

Wieder ging es Kurve um Kurve. Aus Hügeln wurden Berge, aus vereinzelten Baumgruppen zwischen Feldern zusammenhängende Wälder. Die Laubbäume wichen zurück, die Nadelbäume veränderten das Landschaftsbild. Und immer wieder sah man zwischen den Wolkenfetzen die eine oder andere Felswand aufragen, bevor sie wieder zwischen Nadelwald und Wolken verschwand.
Und so ging es weiter. Immer tiefer hinein in diese Welt, die langsam vollständig von Wolken, Bergen, Wäldern und Wiesen beherrscht wurde.

Wolken an den Bergen

Irgendwann war der Parkplatz erreicht, den ich bisher nur von Google Earth her kannte. Zu Fuss ging es den immer kleiner werdenden Weg entlang, der schon kurz nach dem Parkplatz deutlich steiler wurde. Bergseits gingen Hänge in bewachsene Steilhänge und schlussendlich in nackten Fels über, während man talwärts immer wieder das laute Plätschern von kleinen Wasserfällen hören konnte. Der Untergrund wurde nach und nach deutlich steiniger und ich bemerkte kaum, dass sich der anfangs noch durchgehende Weg allmählich in zwei Fahrspuren aufteilte, mittig immer stärker von Gras bewachsen…

Gemeinsam mit mir stiegen auch die Wolken an den selben Hängen auf, dadurch war es beinahe windstill. Und je höher ich stieg, desto kleiner wurde der Abstand zwischen mir und den Wolken, bis ich irgendwann mittendrin war. Umgeben von Wolken, die den selben Weg zu gehen schienen.
Beim letzten Bauernhaus begegnete mir ein Hund, kam bellend angerannt und nach einer kurzen Begrüssung wies er den weiteren Weg, vorneweggehend und so weit begleitend, bis er sich dazu entschied, sich nicht noch weiter von seinem Zuhause zu entfernen. Ich folgte derweil weiter dem steiler und steiniger werdenden Pfad, hinein in die wolkenverhangenen Wälder.

Jetzt waren sie es, die meine direkte Umgebung beherrschten. Rundherum Nadelbäume, Felsblöcke und überall dichtes, leuchtendgrünes Moos. Und immer wieder kleine Bäche, die gemütlich durch den Wald plätscherten, bis sich die Erde irgendwo auftat, tiefe, senkrechte Gräben entstanden und sie über die Felsen nach unten stürzten. Tief hinunter ins Ungewisse. So tief, dass ich den Grund nicht vollständig erkennen konnte, ohne mich über die Kante zu lehnen. Und überall die schroffen Felsen unter Moospolstern, ebenfalls mit tiefen Rissen, die zum Teil vom Moos überwuchert waren, wie von Schnee bedeckte Gletscherspalten, die auf einen unvorsichtigen Tritt warten…

Felskluft im alten Bergwald

Und da wurde mir langsam klar, dass ich mein ursprüngliches Ziel gar nicht mehr wirklich erreichen wollte. Ich war umgeben von einem düsteren und zugleich wundervoll lebendig grünen Wald, mit Schluchten, Wasserfällen, Moos und Farn und der einen oder anderen Höhle. So änderte sich langsam mein Ziel für diesen Tag – ich hatte es bereits gefunden, auf dem Weg zu einem ganz anderen Fleckchen. Darum war es auch nicht erstaunlich, dass meine Gehgeschwindigkeit immer geringer wurde, ich immer länger stehen blieb, mich umsah und irgendwann – nur noch ein paar hundert Meter von meinem Ziel entfernt – einfach umdrehte… Und mich wieder an den Abstieg machte, um mich wieder mit diesem Wald und den dazwischen langkriechenden Wolken zu umgeben… Und den Wassertropfen zuzuhören, die überall von den Bäumen tropften, ohne dass es regnete.

Auf dem Rückweg lockerte sich die Wolkendecke etwas, die Wolkenfetzen wurden kompakter, ihre Ränder schärfer. Und dazwischen tauchten nun auch vermehrt die schroffen Felsen rund um mich herum auf; mir vor Augen führend, dass ich mich tatsächlich schon in steilem, bergigem Gelände bewegte, und nicht in einem feuchten Auenwald im Flachland.

Wolken am Berghang

So ging für mich dieser Ausflug zu Ende. Was ich suchte, habe ich zwar nicht sehen können, aber dafür Dinge erlebt, die ich nicht gesehen hätte, wenn ich stur mein Ziel verfolgt hätte. Manchmal ist das ursprüngliche Ziel eben nichts weiter als der Weg zum tatsächlichen Ziel.
Und ich werde wieder hingehn.

Was ich auch getan habe:

Seefeld – erster Tag

Seefeld – zweiter Tag

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