Selbes Motiv = Langeweile?

Selbes Motiv = Langeweile?

Ganz in meiner Nähe – ich muss lediglich über ein paar Hügel und durch ein paar Wälder – liegt ein kleiner See in einer Ebene die darauf hindeutet, dass dieser See wohl vor vielen Jahrhunderten deutlich grösser gewesen sein muss. Doch jetzt wird diese Fläche landwirtschaftlich genutzt und nur noch die schwarze Erde zeugt sonst noch davon, dass hier mal mehr gewesen sein muss. Ein weiterer, noch kleinerer See liegt etwas weiter westlich. Doch der ist nicht nur kleiner, sondern auch rundherum stark bewachsen. Die Hauptrolle in diesem Beitrag sollte hingegen der Lac de Seedorf spielen, der grössere der beiden.
Mit seiner Grösse von etwa 450 x 300m (Quelle:meteorit.org), seiner unauffälligen Lage, unauffälligen Flora und Fauna ist er… Einfach einer von vielen, und dürfte für viele wohl auch relativ unbekannt bleiben. Besonders weil kein Weg um ihn herum führt, kein Parkplatz in der Nähe ist und kein Weg direkt hin führt.
Aber er hat etwas anderes, was ihn für meine direkte Umgebung einzigartig macht: Freie Sicht nach Westen. Deswegen ging und werde ich auch in Zukunft im kälteren Halbjahr immer wieder gerne dort hin gehen.

Fotografieren am Lac de Seedorf

 

Wird das nicht irgendwann langweilig? Immer vom selben Ort aus in die selbe Richtung fotografieren? Selbes Ufer, selbe Bäume? Nun… Nein. Überhaupt nicht. Das liegt zum einen daran, dass ich ihn im Sommerhalbjahr meide, weil in dieser Zeit Störche am Ufer nesten. Zum anderen an der immer wieder überraschend anderen Stimmung vor Ort. Abend für Abend ist die Stimmung völlig anders. Und besonders im Winter, wenn die hochstehenden, dünnen Eiskristallschleier vorbeiziehen und durch ihre Höhe ganz besonders stark leuchten, weit nach Sonnenuntergang, wenn das letzte Licht nur noch sie trifft, es am Boden aber bereits deutlich dunkler ist.
Je nach Wolkenform entsteht eine völlig unterschiedliche Stimmung, je nach Höhe ein anderer Farbton nach Sonnenuntergang, und je nach Dichte eine sich stark unterscheidende Helligkeit und Einfärbung der Umgebung.

 

Das letzte Licht des Tages über dem See

Sonnenuntergang über dem Lac de Seedorf

Diese beiden Fotos habe ich beide am selben Standort am Lac de Seedorf innerhalb einer Woche an zwei unterschiedlichen Abenden gemacht. Die Bewölkung war anders, wodurch sich gleich die gesamte Stimmung verändern konnte. Auf dem oberen Foto reflektieren lediglich ein paar wenige Wolken das äusserst langwellige, rote Licht der bereits untergegangenen Sonne. Dadurch änderte sich in punkto Farbtemperatur in der gesamten Szene relativ wenig. Das kühle Blau des Himmels dominiert die Szene, die Kontraste sind relativ stark und die Szenerie auf der Erde sehr dunkel, verglichen mit dem dank fehlender Bewölkung noch hell leuchtenden Himmel.
Es war auch kein Wind zu spüren, was man der Seeoberfläche ansieht. Ruhig, fast so glatt wie ein Spiegel. Lediglich im hinteren Bereich sieht man die hellen Streifen, die auf eine leichte Kräuselung der Oberfläche hindeuten, erzeugt durch auf die Seeoberfläche treffenden Wind.

Und im darunterliegenden Foto? Selber Platz, selbe Blickrichtung, selbe Jahreszeit. Und doch, völlig andere Stimmung. Die Bewölkung war stärker, dadurch konnte viel mehr Sonnenlicht aufgenommen und nach unten hin zum Betrachter – in diesem Fall also meine Kamera – gelenkt werden. Und dank des Bodennebels am anderen Ufer versank auch die Umgebung nicht einfach in einem einheitlichen Schwarz, sondern bekam ebenfalls noch viel Struktur. Und der Wind der sich auf der Wasseroberfläche bemerkbar macht, war ebenfalls gleichmässiger und generell überall zu sehen.

Und wenn wir schon gerade beim Thema Nebel sind: Manchmal ist der Nebel auch so dicht, dass man das andere Ufer gar nicht sieht. Und plötzlich erkennt man Dinge, die einem sonst nicht aufgefallen wären. Bäume, die sonst in der Struktur des Hintergrunds einfach verschwunden wären, treten hervor und werden überhaupt erst klar und deutlich erkennbar, gegenüber dem einheitlichen Hintergrund hervorragend abgesetzt. Der Blick verlagert sich mit der Sichtweite.

Nebel am Lac de Seedorf

 

Natürlich war ich mir manchmal nicht sicher, ob ich schon wieder dort hin gehen sollte. Wieder einen Abend am Lac de Seedorf verbringen bis es dunkel ist? Wieder in der Kälte herumstehen und darauf hoffen, dass etwas neues geschieht… Wohlwissend, dass manche Wolkenformen nun mal manches nicht zulassen? Und doch ging ich meistens wieder genau dort hin. Einfach weil ich dieses Gefühl hatte, noch nicht alles gesehen zu haben. Und was soll ich sagen? Schlussendlich war es immer genau so. Jedes mal waren wieder andere Elemente miteinander kombiniert, der Blick auf ein anderes Detail gerichtet. Wo bei Nebel der Blick in die Ferne versperrt blieb, konnte er bei klarem Wetter und relativ kontrastarmen Sonnenuntergang auch mal mit grösserer Brennweite in die Ferne schweifen und dort nach Details suchen, wie in diesem Fall dieser Baum mit dem Dorf im Hintergrund, umgeben von langsam aufsteigendem Bodennebel. Sicher wird man die einzelnen Elemente sofort wiedererkennen. Der grosse Baum, die Häuser, die Form der Hügel im Hintergrund, usw. Sie sind sogar immer noch an der selben Stelle, nichts hat sich verändert. Und doch hat sich absolut alles verändert.

Nebel bei Prèz-vers-Noréaz und dem Lac de Seedorf

 

Oft sass ich dort und beobachtete die Wolken, versuchte zu erahnen was als nächstes geschieht, welche Farben der Himmel in ein paar Minuten annehmen wird und wie lange sich das Sonnenlicht darin hält, bis es von irgend einem Hindernis blockiert wird und die Wolken im Blickfeld innerhalb kürzester Zeit völlig ergrauen. Irgendwann entwickelt man ein Gespür dafür. Weiss, in welcher Höhe die Wolken etwa sein müssen um eine bestimmte Helligkeit zu erreichen nach Sonnenuntergang, usw. Und doch wurde ich immer wieder aufs neue überrascht. An diesem Abend zum Beispiel rechnete ich nicht mit einem solchen Farbspiel am Himmel. Sicher hoffte ich darauf, war mir aber überhaupt nicht sicher, ob solche Farben überhaupt möglich waren. Ich erkannte in der Bewölkung durchaus ein gewisses Potenzial, aber auch die Gefahr, plötzlich im Westen zuzumachen und dadurch die Farben zu blockieren. Das hätte einen äusserst farblosen Sonnenuntergang ergeben. Aber ich habe bestimmt nicht damit gerechnet, einige Minuten später ein riesiges V am Himmel zu sehen, im See gespiegelt zu einem X werdend, mit dem charakteristischen Baum direkt in dessen Mitte. Und ich hätte es definitiv verpasst, wäre ich nicht wieder vor Ort gewesen.

Lac de Seedorf im Sonnenuntergang

 

Worauf ich schlussendlich hinaus will: Ich kenne diesen Drang unbedingt neue Orte zu finden sehr gut. Man will spektakuläres sehen, man will beeindruckende Gegenden, neue Orte und faszinierende Landstriche. Und vergisst dabei völlig, dass jeder Ort ein solcher Ort sein kann. Ganz besonders Orte, die man bereits seit langem kennt. Dort ist die Wahrscheinlichkeit sogar am grössten, relativ schnell zu einem wunderbaren Foto zu kommen, das einem wirklich gut gefällt… Ohne dabei viel Reisezeit und Geld zu investieren. Und das schöne daran: Es braucht Zeit, folglich Geduld. Man fährt zurück, wird langsamer und beobachtet. Und wenn es passt, wird der Auslöser gedrückt. Wenn nicht… Eben wieder zusammengepackt. Ruhig und zufrieden, nicht frustriert weil nichts daraus wurde. Auch einfach weil man keine allzu riesigen Strapazen auf sich genommen hat dafür. Weil es ein Ort um die Ecke ist, und man danach noch zuhause in aller Ruhe abendessen kann. Oder natürlich die entstandenen Fotos sichten.

Man wird irgendwann den Charakter des Ortes kennen und die veränderlichen Anzeichen vor Ort lesen können. Wie ein Spurenleser aus einem Chaos am Boden eine ganze Geschichte herauslesen kann. Und so wird aus Bewölkung ebenfalls eine Geschichte. Eine, die vom Sonnenuntergang (oder -aufgang, ist ja schlussendlich egal) erzählt, von dessen Farben und Intensität, ja sogar von dessen Dauer.

 

Genau deshalb werde ich auch in Zukunft immer mal wieder an diesen kleinen See in der Nähe gehen, den ich schon so gut kenne und so oft fotografiert habe. Weil… Es eben doch jedes mal anders ist. Immer. Ich kann wirklich nur empfehlen das gleiche zu tun, und manche Orte immer mal wieder aufzusuchen. Zu unterschiedlichen Tageszeiten, anderem Wetter, anderen Jahreszeiten oder auch einfach nur mit einem leicht anderen Blickwinkel. Es ist unglaublich wieviele gute Motive sich innerhalb eines kleinen Fleckchens befinden. Sogar so viele, dass man eigentlich gar nie das gesamte Potenzial des Ortes ausgeschöpft haben kann.

Prèz-vers-Noréaz und der Lac de Seedorf im Winter

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