Seefeld – erster Tag.

Seefeld – erster Tag.

In einem vergangenen Post (Suchen und Finden) habe ich bereits meine Eindrücke beim ersten Besuch der Umgebung beschrieben. Nun, am Wochenende des 24. Septembers, war das Wetter völlig anders. Weit und breit keine Wolken mehr. Sonnenschein, warm und ein wunderbar frühherbstlicher Tag. Ich entschied mich relativ spontan, den Versuch zu wagen und zu meinem eigentlichen, ursprünglichen Ziel zu gelangen: dem Seefeld.

Gegen 14h – relativ spät, sollte ich doch noch an eine Umkehr denken – liess ich den Parkplatz bei Innereriz hinter mir, auf dem Rücken mein voll gepackter Rucksack (Dinge für eine Übernachtung, Essen & Trinken und warme Kleidung für die Nacht, zusammen mit all der Fotoausrüstung haben nun mal ihr Gewicht, das mitgetragen werden will), und begann mit dem Aufstieg. Zuerst hiess es, die Passhöhe des Grünenbergpasses zu erreichen, welcher Eriz mit Habkern verbindet. Ein schöner, breiter Weg führt anfangs an zwei, drei Bauernhäusern vorbei. Doch diese waren schon fast vollständig verlassen. Wo letztes mal noch Hühner zufrieden in der Bergwiese umhergackerten, war jetzt nur noch Stille. Am selben Tag war Alpabzug, die Kühe kamen also bunt geschmückt von den Bergen zurück in tiefere Gebiete. Die kleineren Tiere dürften wohl schon in den Tagen zuvor ihr Sommerquartier verlassen haben.
Und so ging es für mich weiter durch noch frische Spuren geschäftigen Treibens. Kuhfladen und vereinzelte, vom bunten Kopfschmuck der Kühe abgerissene Blüten lagen noch unverwelkt und frisch auf dem Weg; zeugten davon, dass hier vor kurzem noch richtig viel los gewesen sein musste.

Auf dem Weg zum Grünenbergpass

 

Ich stieg weiter hinauf. Der Weg führte mich durch die bereits vom letzten Besuch bekannte Schafweide, doch diesmal stand das grosse Gittertor offen. Auch hier war das Sommerquartier kurz vorher bereits aufgegeben worden. Und je weiter ich dem Weg folgte, desto steiniger wurde er. Wie ich bereits von meinem letzten Besuch wusste: Langsam veränderte sich das Landschaftsbild, und die Nadelwälder drängten die Wiesen immer weiter zurück. Der Weg wurde steiler und mir kamen ab und zu Wanderer entgegen, allesamt auf der Rückkehr ins Tal.

Nachdem die Passhöhe des Grünenbergpasses auf 1555m erreicht war, bog ich von der Passstrasse ab und folgte einem inzwischen rotweissen Wanderweg. Schon kurz nach der Abzweigung befand ich mich mitten in einem völlig anders aussehenden Gelände. Zuvor prägten engstehende Nadelbäume, viel Geröll und steile Hänge das Bild. Doch jetzt waren weit und breit keine steilen Hänge mehr zu sehen. Stattdessen blickte ich über weite, völlig flache Felder, umrandet von Nadelbaumgruppen mit Unterwuchs aus dicken, grünleuchtenden Moospolstern und viel Farn und Heidelbeersträuchern. Und die Wiesen hatten ebenfalls ihre Farbe verändert. Inzwischen leuchtete das Gras im Sonnenlicht rot-orange und nicht mehr saftig grün. Der erste Hinweis darauf, dass ich mich am Rande des Moores befand, auf dessen Suche ich war.

Auf dem Weg ins Seefeld

 

Immer noch nicht sicher, ob ich mein Ziel überhaupt erreichen oder doch noch umdrehen werde, drang ich weiter in diese Landschaft vor. Der rotweisse Wanderweg bewies schon bald, dass er seine Farbmarkierung nicht zu Unrecht besass, als es an manchen Steilhängen von Stein zu Stein hinauf führte. Kein Problem für Menschen mit guten Schuhen und etwas Erfahrung darin auf Steinen herumzulaufen, aber ein eindeutiges Zeichen dafür, dass das rot-weiss gerechtfertigt war.

Die Berner Alpen hinter Nadelwäldern

 

Kurze, steile Passagen wechselten sich mit grossen, relativ flachen Moorwiesenflächen ab. Und langsam stieg ich immer weiter durchs Seefeld hoch. Zwischen den sich wieder lichtenden Nadelbäumen sah ich immer öfters die charakteristischen Spitzen des Wetterhorns, Schreckhorns und des Finsteraarhorns hindurchblitzen. Wenig später gesellten sich auch die Spitzen von Eiger, Mönch und Jungfrau dazu.
Ein paar stehengelassene Pfosten eines Weidezauns zeugten davon, dass vor kurzem auch hier noch munter gegrast wurde. Doch auch hier war alles verlassen.

Allmählich änderte sich die Landschaft um mich herum abermals. Die Nadelbäume standen lichter, die Baumgruppen wurden kleiner und die Hänge wieder steiler. Und überall wo das Wetter und die Zeit den dünnen Erdbelag abgetragen hatte, konnte man den darunterliegenden Fels sehen. Manchmal trocken, manchmal nass glitzernd, wenn ein kleines Rinnsal über ihn hinwegfloss.

Moorwiesen, Felsen und Nadelwald

 

Die Sonne senkte sich immer weiter, und irgendwann war mir klar, dass ich jetzt zurückkehren musste, wenn ich nicht bleiben wollen würde. Mich mitten in einer solchen Landschaft befindend, war die Entscheidung sehr einfach: Ich würde selbstverständlich hier in der Nähe des Seefelds bleiben und das letzte Licht des Tages ausnutzen, sowie die danach folgende Nacht. Und der nächste Tag würde schon kurz darauf wieder anbrechen, mit Sonnenstrahlen die direkt auf diese Umgebung treffen sollten. Ich war gespannt und hoffte auf eine klare Nacht, während ich weiterhin meinen Weg zwischen Felsen, Nadelbäumen und nassen Flächen hindurch suchte.
Und ganz langsam wurden die Schatten länger, das Licht immer wärmer. Es wurde Abend.

Berner Alpen und Nadelwälder

 

Es war an der Zeit, meinen endgültigen Standort im Seefeld zu suchen. Oder befand ich mich doch nur an dessen Rand? Dort, wo ich die Kamera später in der Dämmerung aufbauen würde, nach Sonnenuntergang. Und wo ich dann darauf warten würde, dass die Zeit vergeht, sich die Sterne bewegen und über die berner Alpen im Hintergrund hinwegziehen. So machte ich mich auf die Suche nach dem perfekten Ort. Ich stieg von Felsfläche zu Felsfläche – immerhin wollte ich einen stabilen Stand fürs Stativ und erinnerte mich noch allzu gut an ein Malheur von letzthin. Das wollte ich nicht nochmals erleben, und ich wollte es auch möglichst trocken haben, während die Kamera ihre Arbeit erledigte. Nach längerer Suche entdeckte ich endlich eine Felsfläche, die geeignet schien. Von dort aus hatte ich eine gute Sicht auf die vereisten Gipfel vor mir, und hatte keine störenden Elemente mehrim Vordergrund.

Doch dann geschah etwas, womit ich nicht mehr gerechnet hatte. Wolken drückten sich von Nordwesten her an die Berge und zogen durchs Seefeld und die vor mir liegende Landschaft hindurch. Sie kamen so schnell, dass ich innerhalb von wenigen Sekunden nicht mehr in einem sonnendurchfluteten, orangefarbenen Licht sass, sondern in blauem, sich kalt anfühlenden Nebel.

Nebel zieht auf

 

Die Wolken zogen unheimlich schnell vorbei. Erst nahmen sie mir die Sicht auf den Hohgant (welcher im linken Bilddrittel zu sehen gewesen wäre), kurz darauf auch die Sicht auf die restlichen Berggipfel. Ich deckte meine Ausrüstung ab, um sie vor den unzähligen Wassertröpfchen zu schützen, welche die Wolken auf dem Weg vorbei an allem hinterliessen. Ruhig sass ich da, abwartend und fasziniert beobachtend. Es wurde ganz still um mich herum am Seefeld. Oder fiel mir die Stille womöglich erst jetzt auf? Jetzt, als auch ich nur noch still dasass ohne Geräusche zu erzeugen?

 

Die Stille blieb. Doch je später es wurde, desto deutlicher deutlicher hörte ich einen Hirschen irgendwo in der Ferne röhren. Ich setzte mich mit dem Blick zum Schreckkorn hin, packte meine Ausrüstung aus fixierte die bisher lose an meiner Schulter baumelnde Kamera am Stativ, richtete sie aus und… Wartete. Ich stellte die Kamera auf eine vollkommen offene Blende von f/4.0, drehte den ISO auf 500 hoch, die Verschlusszeit auf 30s. Ruhig und entspannt beobachtete ich das letzte Sonnenlicht an den vereisten Berggipfeln vor mir, bis schlussendlich auch das verschwand.
Was blieb, war die absolute Stille. Kein Wind, kein Rascheln, kein Vogelgezwitscher und keine Grillen. Nichts war zu hören. Auch kein Zivilisationslärm, keine Kuhglocken. Es war so unglaublich still, dass das einzig hörbare meine eigenen Geräusche waren. Atmung, Puls… Und ab und zu das entfernte Röhren des Hirsches.

Als die Dämmerung langsam zur Nacht überging, die ersten Sterne sichtbar wurden und das letzte Licht noch die Westflanken der Gipfel vor mir erhellte, begann ich mit den Aufnahmen. Eine Stunde lang hörte ich alle dreissig Sekunden den Spiegel klacken. Dann, etwa 120 Aufnahmen später, war es an der Zeit, die Kamera im Rucksack sicher und vor Tau geschützt unterzubringen und mich für die Nacht fertig zu machen. Vor mir lagen viele Stunden Dunkelheit und – so klar wie der Himmel war – Kälte.

Berner Alpen und Sternstrichspuren

 

Was zuvor geschah: Suchen und finden

Weiterlesen: Der zweite Tag im Seefeld

 

 

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