Seefeld – der zweite Tag

Seefeld – der zweite Tag

Der Weg hoch aufs Seefeld zwischen Habkern und Innereriz, zwischen den Sieben Hengsten und dem Hohgant fühlte ich noch deutlich in den Knochen, während ich so dasass, am Ziel angelangt und die Ruhe der Dämmerung geniessend.

 

Nachdem die letzte meiner 120 Aufnahmen aufgenommen war, verpackte ich die Kamera wie alles andere an Ausrüstung im Rucksack. Inzwischen war es richtig dunkel. Die Sonne war schon seit fast zwei Stunden hinter der Erde verschwunden, der Mond noch weit von seinem aufgehen entfernt. Es war zu dunkel für weitere Aufnahmen, diese wundervolle Umgebung wäre nicht mehr sichtbar gewesen, höchstens noch als Silhouetten gegenüber dem leicht helleren Himmel.
Ich hörte der Stille zu, bis ich einschlief.

Es folgte eine dunkle Nacht voller Sterne und dem gelegentlichen Röhren des Hirsches, welches – mal weiter weg, mal ganz nah – die vollkommene Stille unterbrach und mich ab und zu aufschrecken liess. Ich beobachtete dann die sich über mir zu drehen scheinende Milchstrasse und sah manche Sternschnuppe. Irgendwann stieg der Mond empor und beleuchtete die gesamte Szenerie mit seinem fahlen Licht. Die Nacht war kalt und feucht, aber ich war dick eingepackt und hatte es wohlig warm.

Viele Stunden später – immerhin war es bereits Ende September, die Nächte waren schon viel länger geworden – erblickte ich am Horizont den ersten zaghaft heller werdenden Streifen – der neue Tag kündigte sich an. Und er sagte mir noch etwas anderes: Der Sonnenaufgang könnte richtig schön werden. Und so schaute ich der zunehmenden Helligkeit zu, bis mich die Vorfreude auf einen warmen Tee aus der Wärme trieb. Eigentlich erwartete ich eine deutlich kältere Umgebung, doch der nach wie vor vollkommen fehlende Wind war von Vorteil – immerhin förderte er so nicht auch noch die Auskühlung durch Verdunstung des Taus.

Und so holte ich – aufgewärmt durch den Tee – die benötigte Ausrüstung aus ihren Säcken mit Rollverschluss, welche sie über Nacht sicher und trocken aufbewahrten… Stellte das Stativ auf, fixierte die Kamera wieder darauf und fotografierte den noch ganz jungen, gerade erst beginnenden Tag.

Ein neuer Tag bricht heran

 

Während ich da so sass, den Tau von der exponierten Ausrüstung schüttelte oder klopfte, schaute ich den restlichen Tee trinkend dem weiteren Aufsteigen der Sonne zu. Noch war sie hinter den Bergen versteckt, doch allmählich berührten die ersten Sonnenstrahlen die höchsten Gipfel. Und es war nur eine Frage von wenigen Minuten, bis die ersten Strahlen auch bei mir den Hang erreichen würden.

Die Alpen im ersten Sonnenlicht

Sonnenaufgang über den Alpen

 

Das Sonnenlicht flutete den Hang um mich herum und vertrieb die letzten Überreste der Nacht. Meine Sachen waren bereits gepackt. Die Kamera verblieb auf dem Stativ, denn ich wusste genau, dass der Abstieg noch viele Gelegenheiten bieten wird, einfach anzuhalten und zu fotografieren.

Ich wählte (wählte? In diesem Fall eine elegante Umschreibung für “in diese Richtung hätte ich den selben Weg ohnehin nicht mehr gefunden”) einen anderen Weg hinab, da ich genau wusste, in welcher groben Richtung ich wieder auf den rotweissen Bergwanderweg – der durchs Seefeld und an den Sieben Hengsten vorbeiführt – treffen würde.
Unterwegs musste ich immer wieder stehen bleiben, mich fasziniert umsehen. Während die Sonne im Osten allmählich weiter aufstieg, stieg ich mit gleicher Geschwindigkeit den Hang hinab. Der Augenblick, wenn die ersten Sonnenstrahlen sichtbar werden, währte dadurch fast vierzig Minuten. Überall dort wo ich gerade ankam, erreichte auch die Sonne erstmals an diesem Tag den Grund.

Und immer wieder hielt ich an, machte eine Pause und schaute mich um. Egal in welche Richtung ich schaute, was ich sah war wundervoll. Und so gestaltete sich der anfängliche Abstieg bis zum Weg sehr langsam und umständlich durch das Stativ, das ich einfach immer wieder hinstellen und die Szenerie um mich herum fotografieren musste.

Sonnenaufgang zwischen Nadelwald und Moorwiesen

 

Nach einiger Zeit erreichte ich den Bergwanderweg und folgte ihm. Er führte mich weg vom Seefeld, weiter durch die wieder zahlreicher werdenden Bäume, über Wiesen und steile Abhänge. Ab und zu begegnete ich auch ein paar inzwischen verlassenen Häusern. Wo vor wenigen Tagen noch Leben herrschte, war jetzt ebenfalls wieder Stille eingekehrt. Bis der Mensch und mit ihm die Tiere im nächsten Jahr wieder anreisen, um den Sommer in dieser tollen Umgebung zu verbringen.

Auf dem Rückweg vom Seefeld durch Wiesen und Wälder

Wanderweg durch den lichten Nadelwald

 

Ich näherte mich langsam aber sicher wieder dem Grünenbergpass, was bedeutete, dass ich das Seefeld bald schon verlassen würde und den grössten Teil bereits hinter mir hatte. Ruhig und zufrieden wanderte ich auf dem inzwischen keineswegs mehr steilen Wanderweg entlang, mich immer wieder umschauend, staunend und mich darüber freuend, genau in dem Moment an diesem Ort sein zu können.

Der Abstieg verlief wie erwartet sehr einfach und schnell. Und so war ich dann auch schnell wieder beim Parkplatz, wo am Tag zuvor mein Ausflug begann. Zufrieden schaute ich noch mehrmals zurück und begab mich wieder zurück in die Welt der Menschen.

Auf dem Weg hinab ins Eriztal

 

 

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Seefeld – erster Tag

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