Getrieben von der inneren Unruhe

Getrieben von der inneren Unruhe

So gut wie jeder wird es kennen: Man möchte hinaus in die Natur um schöne Fotos zu machen, aber irgendwie… Funktioniert es nicht so wie man es gerne hätte. Entweder funktioniert das Wetter nicht, oder der Ort, der Blickwinkel oder sonst irgend etwas. Kurz: Man ist nicht zufrieden mit dem Ergebnis, nicht glücklich mit dem Ort, nicht einverstanden mit dem Licht. Und wird ruhelos, manchmal gar unzufrieden.

Und sich davor schützen kann man nicht. Selbst wenn man an einem wundervollen Ort steht und durchaus etwas daraus machen könnte – stimmt die eigene Einstellung nicht mehr, weil die vorgefundene Situation nicht mit der Erwartungshaltung zusammenpasst, kann die Stimmung schnell drehen und man hängt in der Luft, weiss nicht mehr so recht was man nun fotografieren könnte. Tunnelblickeffekt, Frustration.

 

Es war ein nebelloser, wolkenloser Donnerstag. Ich wachte kurz vor Sonnenaufgang auf, blickte aus dem Fenster und fühlte mich wohl. Kein Nebel, also gab es auch keinen Grund zu hetzen und schnellstmöglich aus dem Haus zu verschwinden. Das wäre ohnehin nicht möglich gewesen – den Morgen über war ich gebunden und konnte nicht weg. Deshalb war ich ganz froh über das langweilige, wunderschön sonnige Herbstwetter… Und entspannte mich. Vor mir lag ein ruhiger, gemütlicher Morgen ohne Stress und Hektik… Ja selbst ohne die geringste Anstrengung.

So dachte ich zumindest. Kurz vor zehn Uhr kroch eine Nebelwand auf mich zu. So dick wie man sie sich nur vorstellen kann. Sie kroch aus Richtung der grossen Seen heran, überstieg mehrere Hügel, füllte die Täler dazwischen mit dickem Nebel, bis sie auch hier angelangte. Und dann begann es. Diese innere Unruhe, das “Ich muss raus!”. Ich wartete ungeduldig bis gegen Mittag, machte mir schnell etwas zu Essen und packte dann hastig meine Sachen. Ich hatte bereits ein klares Ziel vor Augen, und wollte schneller dort sein, als der Nebel sich von diesem Fleckchen Natur verabschieden würde. Und so zog ich los. Leicht durch mich selbst gehetzt, auf dem Weg an einen Bach in der Nähe, den ich im Nebel fotografieren wollte. Unterwegs konnte ich mich nicht so recht zwischen Vorfreude, Hoffnung auf Nebel und vorauseilende Unzufriedenheit entscheiden, falls der Nebel schon weg sein sollte. Ich hatte ja keine Ahnung, wohin mich diese innere Unruhe, dieser Drang den richtigen Moment zu finden und zu fotografieren noch führen würde.

Bei Grolley am BachCanon EOS 5D Mk III | Canon EF 17-40mm f/4.0 L USM | 17mm | ISO 500 | f/6.3 | 1/13s

 

Und so folgte ich dem Bachlauf, auf der Suche nach einem schönen Fleckchen. Das Wasser drang in die Stiefel ein, stieg mir bis zu den Knien, und zufrieden folgte ich in Fliessrichtung dem Bach. Die Ufer wurden steiler und höher, der Bewuchs verschwand und legte den darunterliegenden Sandstein frei. Und auch das Wasser wurde immer tiefer.
Ab und zu lagen Bäume quer im Bachbett. Umgefallen aufgrund ihres Alters oder durch die Erosion zum Umkippen gebracht, wer weiss. Und so ging es weiter. Stellenweise beinahe kriechend unter den Bäumen hindurch, die mehrheitlich einen weit grösseren Umfang als ich selbst hatten, dabei mit dem Stativ im Rucksack an alter, morscher und von Moos bewachsener Rinde kratzend, die mir auf den Kopf rieselte…

Bei Grolley am BachCanon EOS 5D Mk III | Canon EF 17-40mm f/4.0 L USM | 40mm | ISO 500 | f/7.1 | 70s + Haida 1000x ND

 

Eine wundervolle Gegend, in der ich mich bewegte. Keine Frage. Dennoch… War ich nicht zufrieden. Der erhoffte Nebel war nicht da, und der mitgeführte 1000x ND Filter war für meinen Geschmack schon wieder viel zu stark. Ich musste mich also entscheiden. Entweder ohne Filter und dafür relativ kurz belichten, oder aber den ISO hochstellen, um in einem halbwegs vernünftigen, zeitlichen Rahmen zu bleiben.

Das Ergebnis entsprach – wie zu erwarten war – nicht ganz dem, was ich mir vorgestellt hatte. So trat ich den Rückweg an, ohne die Fotos im Gepäck, die ich eigentlich wollte. Und war nicht so ganz zufrieden mit diesem Ausflug.

Doch der Tag dachte nicht daran, schon vorbei zu sein. Der Nebel lichtete sich mehr und mehr, während ich zuhause die Fotos betrachtete… Nur um sich kurz darauf wieder massiv zu verstärken. Also schnappte ich mir abermals die Kamera, den Rucksack mit Stativ und sonstigen Accessoires, suchte mir ein trockenes Paar Schuhe und ging wieder hinaus. Diesmal in die entgegengesetzte Richtung, hinauf in den Wald.

Doch schon bald bemerkte ich das Problem – der Nebel reichte gar nicht so weit hinauf. Im Wald angekommen, strahlte die Sonne schon wieder nahezu ungehindert bis auf den Waldboden hinunter. Doch das Licht war einfach wundervoll. Direkt in der Übergangszone zum tieferliegenden Nebel hingen leichte Schwaden in der Luft, ohne das Sonnenlicht stark zu dämpfen. Überall entstanden herrliche Sonnenstrahlen die bis auf den Boden reichten, und durch die Herbstfärbung des Buchenlaubs über mir und um mich herum erstrahlte die gesamte Umgebung in einem unglaublich starken, goldenen Licht.
Ich war wieder glücklich an diesem Ort zu dieser Zeit zu sein, aber aus fotografischer Sicht bekam ich auch hier wieder nicht das, wonach ich gesucht, worauf ich gehofft hatte.

Zwischen Autafond und GrolleyCanon EOS 5D Mk III | Canon EF 17-40mm f/4.0 L USM | 17mm | ISO 100 | f/7.1 | 1/20s

 

Inzwischen spürte ich die beiden Ausflüge durchaus, ich war schon recht erschöpft. Also trat ich wieder den Heimweg an. Diesmal etwas zufriedener mit der fotografischen Ausbeute. Jenseits der fotografischen Sicht war ich erschöpft aber zufrieden, immerhin hatte ich schon die Gelegenheit, zwei wunderbare Orte an einem Tag zu Fuss erkunden zu können, fernab der Zivilisation und nur das Rauschen der Blätter oder des Baches zu hören.Und doch – er liess mich nicht los. Der Gedanke daran, eben nicht das erreicht zu haben, worauf ich gehofft hatte. Nicht gesehen zu haben, was ich eigentlich wollte. Ganz egal, wie schön es trotzdem gewesen war.

Kaum zuhause angekommen, trieb mich der Nebel und die innere Unruhe ein weiteres mal aus dem Haus. Im Westen war der Nebel deutlich stärker, in Richtung Avenches. Und genau dort hin führte mich mein Weg. Nicht direkt in das wundervolle Städtchen, sondern auf einen nahegelegenen Hügel im Osten.

Damals, zur Zeit des Römischen Reiches war Avenches eine sehr wichtige Stadt – ja sogar eine gewisse Zeit lang die grösste Stadt in der Schweiz mit rund 20’000 Einwohnern, Wasserzugang bis zum Rhein und ein wichtiger Punkt auf der Route aus dem südlich gelegenen Rhonetal hinauf nach Germanien. Die wichtigsten und grössten Stadttore befanden sich im Westen und… Im Osten auf dem Hügel. Genau dort wo ich mich befand.
Und wie damals, zu Zeiten, als Avenches als Aventicum eine wichtige Rolle spielte, stand ich auf dem Hügel auf Stadtseite des Osttores und blickte hinab auf die Stadt, die majestätisch auf ihrem kleinen Hügel thronte, umgeben von Nebel, der von der untergehenden Sonne durchflutet wurde. Und rund um mich herum ein Feld mit blau blühender Wegwarte und haarfeinen Gräsern.

Schlagartig war mir klar: Ich hatte gefunden wonach ich den ganzen Tag ruhelos gesucht hatte. Und ich befand mich mitten drin, wurde ein stiller und glücklicher Zuschauer dieser Szene.

Avenches zum SonnenuntergangCanon EOS 5D Mk III | Canon EF 28-90mm f/4-5,6 III | 55mm | ISO 100 | f/5.6 | 1/250s

 

Also stand ich da, die Aussicht geniessend… Und konnte mir für einen kurzen Augenblick vorstellen, wie es damals gewesen sein muss. Durch das Osttor zu schreitend und all die Tempel und Häuser sehend, wenn der Blick über den Hügel auf die Stadt fiel.

 

Die Moral der Geschichte? Es wäre ein nicht besonders zufriedenstellender Tag gewesen, wenn ich nach dem ersten Ausflug zuhause geblieben wäre. Auch nach dem zweiten Ausflug wäre er nicht wirklich beeindruckend gewesen. Die Energie war eigentlich schon raus, dennoch ging ich ein drittes mal raus. Und diesmal wurde ich damit belohnt. Alles stimmte. Der Zeitpunkt war perfekt, der Ort, das Licht, alles stimmte, alles funktionierte.

Manchmal muss man sich wieder und wieder dazu überwinden, bis man tatsächlich endlich fündig wird. Und mag man nicht mehr, weil die schwindende Euphorie einem den Weg gleich noch schwieriger macht… Geht man dennoch weiter. Denn genau da vorne hinter der nächsten, mühsamsten Biegung könnte das liegen, wonach man die ganze Zeit gesucht hatte, und all die Strapazen belohnen würde. Der Weg mag besonders beschwerlich und mühsam wirken, solange man noch nicht sein Ziel erreicht hat. Aber wenn man dann einmal dort steht, zur richtigen Zeit am richtigen Ort, weil man einfach nicht aufgegeben hat… Dann ist der Aufwand zwar nicht vergessen, aber überaus grosszügig belohnt worden.

Jeder wird dieses Prinzip kennen, dennoch muss ich es mir immer wieder vor Augen führen, mir bewusst machen und mich immer mal wieder dazu überwinden, trotzdem weiterzumachen und durchzuhalten.

Und ich werde es wieder tun, wenn ein solcher Tag anstehen sollte, ruhelos und angetrieben von den Erinnerungen der vergangenen, und der freudigen Erwartung auf die kommenden, wundervollen Momente zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

In einem Feld nahe Avenches am fotografieren

3 Replies to “Getrieben von der inneren Unruhe”

  1. Ja das kenne ich. Aber nicht des fotografieren wegen. Man geht am morgen. Wolkenloser Himmel. Wandert mühsam 2 bis 3 Std.bergwärts und in dieser Zeit kommen auch Wolken auf. Und bist du am Ziel angelangt, ist die Aussicht weg. Man ist enttäuscht. Doch stolz ,dass man es geschafft hat bis oben zu gelangen.

    1. Ohja! So gings mir, als ich zu den Sieben Hengsten hochgewandert bin. Kaum oben angekommen, kamen Wolken angekrochen. Aber zum Glück blieben sie nicht allzu lange… 🙂

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