Die Mühen vor dem Ziel

Die Mühen vor dem Ziel

Jeden Tag werde ich mit vielen schönen Fotos konfrontiert, die überall auf diesem Planeten entstanden sind. Und es geht mir dabei wie den meisten anderen auch: Man sieht das Ergebnis, nicht aber den zurückgelegten Weg. Man sieht die Probleme, die Mühen nicht mehr. Und dann hat man ab und zu den aufflackernden Gedanken, es müsse bei einem selbst doch (auch) so mühelos von statten gehen, wie auf diesen Fotos. Dabei blendet man all das Drumherum lediglich aus. Doch genau dieses ganze Drumherum mit all seinen Mühen und Problemen lässt die dann entstandenen Aufnahmen – zumindest für den Fotografen – zu etwas besonderem werden. So auch an diesem Abend am Mont Gibloux.

 

Ich hatte Zeit, das Wetter war hervorragend und versprach einen schönen Sonnenuntergang mit viel goldenem Licht. Eben genau so, wie man sich das oft wünscht. Oftmals blockieren im Westen Wolken die untergehende Sonne, was in einem grauen Sonnenuntergang endet. Doch diesmal war alles hervorragend. Und ich hatte genügend Zeit im Vorfeld, um mir einen hübschen, geeigneten Platz zu suchen.
So schaute ich mir mit Google Earth die Umgebung an, suchte nach schönen Standorten und irgendwie… Fand ich nichts, was mir zusagte. An allem hatte ich etwas auszusetzen. Entweder war da eine Stromleitung, oder es war zu weit weg und nicht mehr rechtzeitig erreichbar, Häuser oder Bäume im Weg oder ich hatte ganz einfach keine Lust darauf. Irgendwann entschied ich mich dazu, die Île d’Ogoz im Licht der untergehenden Sonne zu fotografieren. Zu diesem Zeitpunkt war es aber schon so spät, dass es zeitlich knapp wurde.

… zu knapp. Vor Ort angekommen, stellte ich frustriert fest, dass die letzten Sonnenstrahlen gerade verschwunden waren. Das andere Ufer erstrahlte noch in goldenem Licht, doch hier? Schatten. Zu spät, Licht weg, Chance vorbei. Doch ich hatte noch einen anderen Ort in der Nähe im Hinterkopf, falls genau diese Situation eintreffen sollte.

Hoch auf dem 1200m hohen Mont Gibloux steht ein Sendeturm, wie eine Nadel aus Stahlbeton ragt er empor und trotzt Jahr für Jahr dem richtig harten Wetter da oben. Er steht auf seinem dem freiburger Voralpen vorgelagerten Höhenzug und ist mit seinen fast 120 Metern Höhe von weit herum sichtbar.
Und genau da wollte ich hin. Schon lange geisterte der Gedanken durch meinen Kopf, diesen Sendeturm in schönem Licht zu fotografieren. Doch ich wusste bisher nicht wirklich von welchem Standpunkt ich die beste Sicht hätte. Doch diesmal wollte ich es einfach ausprobieren. Denn noch sprach einiges für ein Gelingen.

Die letzten paar Kilometer des Weges sind mit einem Fahrverbot versehen, daher blieb das Auto auf dem Parkplatz stehen und ich folgte dem Weg zu Fuss weiter durch den Wald. Überall lagen Schneebrocken an den Wegrändern, und man hörte den starken Wind in den Bäumen. Und schon kurz darauf spürte ich ihn auch. Ein eisiger und überaus starker Wind, der weiter zunahm, je mehr ich mich dem Sendeturm näherte. Durch den guten Untergrund kam ich schnell voran, was sich unter der warmen Kleidung langsam bemerkbar machte.
Kurve reihte sich an Kurve, dichter Wald wechselte sich mit neu aufgeforsteten Bereichen ab, und irgendwann tauchte er vor mir auf, schon viel näher als ich dachte: Der Sendeturm auf dem Mont Gibloux.

Sendeturm Gibloux
Canon EOS 5D Mk III | Canon EF 17-40mm f/4.0 L USM | 25mm | ISO 200 | f/4.0 | 1/40s

 

Erst dachte ich, ich könne von weiter weg mit einer längeren Brennweite fotografieren. Doch der Wind schien mir zu stark dafür. Also ging ich näher ran. Und je mehr ich mich ihm näherte, desto lauter wurde das Fauchen des Windes, der um den Turm herum pfiff und an allem rüttelte, was er greifen konnte. Ein lautes Tosen und Pfeifen erfüllte die Luft, zusammen mit dem lauten Rauschen der Bäume.
Zufrieden und warm geworden stand ich da, am Ziel – dem Sendeturm auf dem Gibloux – angelangt, und baute das Stativ auf, befestigte die Kamera daran und begann den besten Blickwinkel zu suchen. Durch die Nähe blieb mir nichts anderes übrig, als relativ weitwinklig mit 27mm an die Sache heranzugehen.

Irgendwann stellte ich fest, dass ich mit einem horizontalen Bildaufbau nicht zufrieden sein würde. Also hiess es wieder: Neu aufstellen, neu positionieren, bis der Blickwinkel halbwegs passt.
Dann konnte ich mich zurücklehnen und warten. Sicherheitshalber machte ich bereits ein paar Aufnahmen bei gutem Restlicht, um die Struktur und Details des Turms erhalten zu können, sollte es später zu dunkel sein. Also hiess es auf das richtige Licht warten. Und das sollte erst viel später kommen, sobald sich die Sterne zeigten und der Himmel auch nach einer minutenlangen Belichtung mehr oder weniger dunkel blieb.

Nach einer halben Stunde warten, auskühlen und dabei dem steten Rauschen und Pfeifen des Windes zuhören war es soweit, der Himmel über dem Gibloux war endlich dunkel genug. Also liess ich den Verschluss 186 Sekunden lang offen. Das Licht konnte ungehindert auf den Sensor treffen und somit die Erddrehung sichtbar machen: Die Sterne wanderten durch den Bildausschnitt. Knapp drei Minuten später klackte der Spiegel der Kamera wieder herunter und… Ich erschrak.

Beschlagene Frontlinse
Canon EOS 5D Mk III | Canon EF 17-40mm f/4.0L USM | 27mm | ISO 100 | f/4.0 | 186s

 

Die aus den Abluftgittern an der Turmbasis austretende, warme Luft erzeugte leichte Dunstschwaden, die allerdings stark genug waren, um bis zur Kamera zu gelangen und die Frontlinse beschlagen zu lassen. Hektisch wischte ich sie wieder sauber, doch nach wenigen Sekunden das gleiche Bild wieder: Hoffnungslos beschlagen. So nah am Ziel und doch wieder nichts. Murrend packte ich alles zusammen – wohlwissend, dass von dieser Position aus nichts zu machen war und die Antenne auf dem Mont Gibloux lediglich durch die Nebel der beschlagenen Frontlinse zu sehen wäre.

Also hiess es wieder den Weg zurück nehmen und irgendwo in der Dunkelheit die Kamera wieder aufstellen, mit anderem Objektiv, und das ganze Spiel nochmals von vorn.
Schon kurz darauf fand ich einen ganz guten Platz und stellte alles auf. Und jeder, der keinen L-Winkel zur Befestigung der Kamera auf dem Stativ hat, wird es kennen: Wird das Gewicht der Kamera zu schwer, hält die Schraubverbindung zwischen Stativplatte und Kamera nicht mehr bombenfest, die Kamera beginnt “nachzurutschen”. Genau das befürchtete ich auch hier. Dann noch der Wind und ein 100mm-Objektiv… Ich ahnte schlimmes.Und gleich beim ersten mal, dass ich den Knopf am Fernauslöser drückte, rutschte mir dieser durch die eiskalten Finger… Und landete irgendwo im strukturlosen Chaos einer Reifenspur irgendeines Forstfahrzeuges, zwischen braunen Schlammpfützen und klammer, nasser Matsch-Erde. Natürlich bei völliger Dunkelheit. Selbstverständlich hatte ich eine Taschenlampe mit dabei für solche Fälle, und fand ihn dann relativ schnell wieder… Mit Matsch bedeckt.

Dann stand ich also da. Eiskalte Hände trotz Handschuhen, gleichzeitig durch die Bewegung und dicke Kleidung innerlich ziemlich aufgewärmt, mit einem matschbedeckten Fernauslöser in der Hand, die Kamera vertikal an einem Kugelkopf hängend, vom Wind durchgerüttelt und permanent der Gefahr ausgesetzt, dass sie sich bewegen könnte… Und drückte ab. 2 x 10min sollten wohl reichen…

Doch dann, endlich… Funktionierte es wie erhofft. Als ich schon den Moment der Kapitulation vor mir um die Ecke kommen sah, mich schon einpacken und zurückgehen sah, ohne eine vernünftige Aufnahme in der Tasche.
Und wieder einmal wurde mir aufs neue bewusst, dass das Endergebnis in keinster Weise das wiedergeben kann, was man bis zu diesem Punkt miterleben durfte.
Zufrieden trat ich den Rückweg durch den inzwischen völlig dunklen Wald an, der nach wie vor mit dem Rauschen des Windes gefüllt war.

Sternstrichspuren und der Sendeturm auf dem Gibloux
Canon EOS 5D Mk III | Canon EF 100mm f/2.8 Macro USM | 100mm | ISO 100 | f/3.5 | 1039s

One Reply to “Die Mühen vor dem Ziel”

  1. Ich fühle mit dir, kenne den Frust wenns mal nicht so klappt wie man sich das so vorgestellt hatte. Super erzählt und das letzte Bild ist wirklich klasse geworden. Immer gespannt auf mehr.
    Gruß aus dem Markgräflerland 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.