Grèves de la Motte

Grèves de la Motte

Da stand ich nun, umgeben von Nebel… Und Schilf. Kurz zuvor schien noch die Sonne, der Himmel war blau und ich war zuhause. Doch jetzt stand ich am vordersten Ende eines in den Neuenburgersee hineinragenden Steges, irgendwo in der Nähe von Cudrefin. Und rund herum verschwand die Landschaft im hellgrauen Nichts.

Vorangegangen war ein Blick auf eine Webcam am See. Wo normalerweise Dinge – irgendwelche Dinge – zu sehen sind, war nur eine einheitlich graue Färbung über das gesamte Bild zu sehen. Nebel; und zwar von der richtig dicken Sorte.

Der Griff zu Rucksack und Kamera folgten, genau so wie die kurze Fahrt nach Cudrefin; meinem Startpunkt. Cudrefin liegt im Kanton Waadt am Neuenburgersee und ist gleichzeitig der östlichste Punkt des als Grèves de la Motte bezeichneten und bis Portalban reichenden Teilgebiets der Grande Cariçaie.
Ich folgte dem Weg, anfangs noch von den Ferienhäusern in Hafennähe umgeben. Doch schon bald liess ich das letzte – kaum sichtbare weil in einem Wald aus Bambus versunkene – Ferienhaus hinter mir. Irgendwo vor mir lag in mehreren Kilometern Entfernung Portalban. Und dazwischen… Nichts. Mehrere Kilometer Ried – eine einheitlich braune, schier unendliche Weite aus Schilf… Aufgelockert durch vereinzelte Bäume und Auenwäldern an dessen Rand. Ein solcher markierte auch den Eintritt in diese andere Welt.

Auf dem Weg von Cudrefin nach Portalban

 

Wie alles hat auch die Grande Cariçaie mehrere Erscheinungsbilder. Im Sommer strotzt sie vor Leben, alles grünt, jeder Quadratzentimeter lebt. Und über den üppig wuchernden Pflanzen schwirren Vögel und Insekten in schier unglaublicher Zahl und Vielfalt. Im Herbst dann verwandelt sie sich in eine klimatisch sehr milde, durch die vielen Birken gelbleuchtende, wundervolle Landschaft am Rande des Sees.

Doch wenn im Spätherbst und frühen Winter die Nebel aufziehen, die letzten herbstlich warmen Farben verblasst sind und die feuchte Kälte durch alles hindurchgeht, dann verändert sich ihr Erscheinungsbild dramatisch. Dicke Nebelschwaden ziehen vom See durch die schier endlosen Schilfflächen und tauchen alles in eine mystische, leicht unheimliche Stimmung. Und es wird still. Sehr still.
Diese Stille umgab mich schon sehr bald. Die letzten Geräusche der Zivilisation – ein paar Dachdecker auf einem Ferienhaus am Rande von Cudrefin – wurden schnell vom Nebel geschluckt. Kein Rascheln im Schilf, kein Wind in den kahlen Bäumen, kein Geräusch war zu hören, keine Bewegung zu sehen.

Bäume im Nebel zwischen Cudrefin und Portalban

 

Nach einiger Zeit bog ich nach rechts auf einen kleinen Fussweg ab, der mich an einer alten Panzersperre aus Betonhöckern entlang näher ans Wasser führte. Schon nach wenigen Metern war von der asphaltierten, mit einem Fahrverbot versehenen Strasse nichts mehr zu sehen. Stattdessen umgab mich – soweit mich der Nebel blicken liess – Schilf. Und zwischen den einzelnen Betonhöckern schimmerte Wasser hindurch; mich daran erinnernd, dass einzig mein kleiner Fussweg trockene Schuhe garantierte. Nur einen Meter weiter links oder rechts würden meine Stiefel einsinken. Erst den Teppich aus abgestorbenem Schilf niederdrücken, wodurch eine Mulde entstehen würde, die sogleich mit Wasser volllaufen würde. Dann, keinen stabilen Boden findend, würde ich tiefer einsinken. Möglicherweise bis zum Knöchel, vermutlich aber deutlich tiefer, während der kalte Schlamm mich von allen Seiten umgreifen würde.
Nein, eine derartige Erfahrung wollte ich nicht machen und folgte weiterhin dem kleinen Weg.

Am Seeufer angekommen, sah ich die eine oder andere Hütte zwischen den wieder dichter gewordenen Bäumen hindurchscheinen. Und wo Hütten sind, sind auch Stege nicht weit.

Da stand ich nun, am Ende eines solchen Steges, und schaute dabei zu, wie immer dichter werdende Nebelschwaden vom See her ans Ufer schwebten, alles um mich herum einhüllend. Das Ufer verschwand stellenweise, und mit dem Ufer das Zeitgefühl. Solch dichter Nebel kann gefährlich sein an einem Ort wie diesem. Man könnte den Weg aus den Augen verlieren, in gefährliche Bereiche gelangen… Man könnte die Zeit aus den Augen verlieren, und von der Dunkelheit überrascht werden. Manch einer könnte sich womöglich sogar selbst in all den plötzlich auftauchenden Gedanken verlieren. Gedanken die das Vakuum zu füllen versuchen, das durch das völlige Fehlen von menschgemachten Reizen entsteht.

Ich beobachtete die Nebelschwaden während einiger Zeit. Wie lange kann ich nicht sagen, mein Zeitgefühl verliess mich bereits im Auwald bei Cudrefin. Inzwischen war ich tief in den Grèves de la Motte, in beide Richtungen nur Schilf und Birken, Weiden, Kiefern und Erlen.

Stege am Neuenburgersee im Nebel

 

Nach einiger Zeit des Stillstehens und Beobachtens tat ich es dem Nebel gleich… Und zog wieder hinein in die endlosen Schilfflächen, meinem Weg weiterhin folgend und umgeben von Schilf und Nebel.

Schilf wechselte sich mit Bäumen ab und der Weg führte mich weiter durch diese endlose Stille aus Braun und Grau. Mal auf trockenem Untergrund, mal auf Holzstegen… Und manchmal auch durch matschige Abschnitte.

Durch den Wald, irgendwo zwischen Cudrefin und Portalban

 

Durchs Schilfmeer im Nebel

 

Holzstege in der Nähe von Portalban

 

Ab und an dachte ich, in der Ferne irgendwas zu hören. Vielleicht ein Bootsmotor? Oder vielleicht ein Vogel? Nachdem ich einen kleinen aus Holzstämmen gefertigten Picknicktisch mit Bänken hinter mir liess, folgte wieder Schilf… Und Nebel. Weit und breit war kein Mensch zu sehen oder zu hören. Ich genoss diese Ruhe und folgte weiterhin dem Weg, die Kamera in der Hand und der Blick umherwandernd; stets auf der Suche nach… Wonach? Was nah genug um mich herum war und der Nebel noch nicht geschluckt hatte, war nach wie vor still. Keine Bewegung, kein Geräusch. Nichts.

Und so ging auch ich weiter durch das endlose Schilfmeer, auf meinem Weg nach Portalban.

Schilfmeer bei Portalban

 

Schilf und Nebel am Neuenburgersee

 

Schilf und Nebel am Neuenburgersee

 

Nach einiger Zeit sah ich Bewegung vor mir. Tatsächlich, die ersten Fetzen Zivilisation schimmerten zaghaft durch den Nebel. Ich ging den erhöhten Holzsteg entlang, welcher mich trockenen Fusses durch den letzten Abschnitt führte, und begegnete zwei Menschen die dabei waren, etwas Schilf zu schneiden. Die uns umgebende Stille wurde einzig durch meine Schritte und dem Geräusch ihrer Schneidewerkzeuge gestört, und schon ein paar Meter weiter waren sie wieder im Nebel verschwunden. Nun führte mich das letzte Wegstück zwischen den stillen und menschenleeren Ferienhäusern hindurch, bis ich auf den Parkplatz am Hafen gelangte, wo mich die Zivilisation wieder umgab.

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