Grèves d’Ostende

Grèves d’Ostende

Es war wieder an der Zeit meine Sachen zu packen, die Grèves de la Motte hinter mir zu lassen… Und das Schilfmeer jenseits von Portalban zu erkunden: die Grèves d’Ostende. Doch anstatt von Portalban aus weiter nach Südwesten zu ziehen, fand ich mich selbst in Chevroux wieder… Vor dem Waldrand stehend, blickte ich hinein in das, was die nächsten Stunden allgegenwärtig sein wird: Nebel und eine abermals gefühlt endlose Weite aus Schilf und waldigen Bereichen am Steilhang, welcher früher – noch vor der Juragewässerkorrektion – das Ufer des Neuenburgersees darstellte.

Um mich herum war alles im Frost erstarrt, von Reif überzogen. Die Sonne schien hier schon seit längerem nicht mehr, der Reif konnte dank des Nebels mancherorts lange, spitze Eisnadeln ausbilden.
Ich zog mir die Handschuhe an, die Kälte drang durch die Kleidung… Länger herumstehen hatte keinen Zweck, ich musste mich bewegen um mich aufzuwärmen. Also ging ich los. Der Weg begann auf einem Holzsteg, knapp über dem schlammigen Waldboden verlaufend. Immer wieder kreuzten in der Vornacht Wildschweine den Steg, denn vom Wald zu meiner Rechten kommend, sah man ihre schlammigen Spuren über den Steg hinweg führen, nach links hinein ins Schilf.

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Von Birken, Erlen und knorrigen Kiefern umgeben, folgte ich weiter dem Weg. Der erhöhte Holzsteg führte in einer Schlangenlinie um die Bäume herum; ein abgehender, kleiner Steg führte näher an den See. Ich folgte ihm und blickte an dessen Ende angelangt dort hin, wo der Neuenburgersee zu sehen hätte sein sollen… Können… Doch durch den Nebel verschwand dieser im einheitlichen Grau am Horizont. Was blieb, war – wieder einmal – nur die kahlen Bäume und deren allgegenwärtige Begleiter: das Schilf und Nebel.

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Nach einer Weile lag der hölzerne Steg hinter mir, nichts konnte mehr darauf hindeuten, in welcher Zeit ich mich eigentlich bewegte. Mir begegneten zwei Personen, man grüsste sich und schon kurz darauf waren sie wieder im Nebel verschwunden. Gedankenverloren folgte ich den jüngsten sichtbaren und auf mich zukommenden Fussspuren im erdigen Untergrund.

Und immer wieder erlaubten Lücken in der Vegetation einen kurzen Blick in die Weiten zwischen mir und dem See, der nach wie vor irgendwo da hinten im Nebel sein musste. Vereinzelte Trampelpfade führten vom Weg ab, näher ans Schilf und vermutlich von Jägern angelegt. Nach wie vor sah man überall Spuren von Wildschweinherden, doch Tiere waren weit und breit keine zu sehen; Stille beherrschte die Umgebung.

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Mein Weg führte mich weiter durch die inzwischen kahlen und dennoch sehr dichten und teilweise düsteren Wälder. Ich wusste, dass irgendwo vor mir eine Siedlung liegen musste. Doch immer noch beherrschte Stille alles zwischen mir und der mich überall hin begleitenden Nebelwand, welche den Horizont so viel näher heran holte. Keine Siedlung, keine Bewegung, keine Menschen. Lange Zeit war ein Waldstreifen weit draussen im Schilf zu sehen, wenn der Nebel gerade nicht ganz so dicht war. Dieser schien inzwischen deutlich näher gekommen zu sein. War das ein erster Hinweis darauf, dass sich der Schilfgürtel langsam verkleinerte, das Wasser näher kam? Näherte ich mich etwa Gletterens, der kleinen, wassernahen Siedlung mit Hafen?

Kurze Zeit später schien sich meine Vermutung zu erhärten. Ich passierte einen alten Grenzstein. Vergessen stand er da, mitten im Wald. Von Moos bewachsen, von der Zeit gezeichnet und schon völlig schief. Doch er zeigte eindeutig eine Kantonsgrenze an. Weit konnte die Siedlung also nicht mehr weg sein. Doch noch zeigten sich die Grèves d’Ostende so wie auch schon die ganze Zeit zuvor – braun, neblig und menschenleer.

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Doch dann, plötzlich, sah ich erste Zeichen von Zivilisation… Eindeutig menschgemacht. Ein ehemaliges Waldstück, inzwischen baumlos. Zu sehen waren nur noch die Überreste regen Treibens. Baumstümpfe, Sägespäne, vereinzelte Äste, Fussspuren… Eindeutig, hier waren Menschen.

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Bedeutete das etwa, dass ich bereits so nah an Gletterens war, die Siedlung aber aufgrund des Nebels gar nicht sah? Nachdem ich dem Weg etwas weiter folgte, wurde die nicht ausgesprochene Frage bereits beantwortet. Zwischen den dichten Gebüschen einer Hecke hindurch erspähte ich gebündeltes Schilf. Und direkt dahinter, zwischen den Nebelschwaden hervorschauend: Häuser. Sich farblich vollkommen in die Bäume der Umgebung einfügende Holzhäuser mit Schilfdächern… Das Pfahlbauerdorf bei Gletterens.

Pfahlbauerdorf Gletterens

 

Seit dem Neolithikum wurde die Gegend bewohnt. Anfangs noch in Ufernähe, doch nachdem die ursprüngliche Siedlung wohl durch das Steigen des Pegels permanent überflutet worden war, zog man sich etwas weiter zurück.

Ich liess die Siedlung ebenfalls hinter mir, folgte dem weiteren Weg durch einen kleinen, von Bibern stark mitgenommenen Birkenwald. Der nachfolgende, erhöhte Holzsteg führte mich abermals hinein ins Schilf.
Und auf einmal stand ich direkt vor dem See. Still lag er da, die Wellen schwach und kaum hörbar, das andere Ufer im Nebel versteckt. Wasser und Nebel vermischten sich, wurden unbemerkt eins; eine einheitlich graue Wand ohne Schattierungen, irgendwo einige Meter vor mir. Ich konnte nicht einschätzen, ab welcher Entfernung sie sich vermischten und zu diesem Grau wurden.
Einige Zeit stand ich am See, schaute den Wasservögeln zu. Doch mein Ziel war Portalban, also packte ich meine Sachen und machte mich wieder auf den Weg.

Birken in Seenähe bei Gletterens

Steg bei Gletterens durchs Schilf

 

Und schon kurze Zeit später war ich wieder mitten in der Natur, weit und breit keine Anzeichen mehr von Menschen… Bis auf den Weg. Und dieser führte wieder hinein in die Wälder. Und so blieb die Umgebung. Düster und dicht bewaldet. Linkerhand stets begleitet vom wieder deutlich anwachsenden, riesigen Schilfgürtel.

Erlenbruchwald in der Nähe von Gletterens

Erlenbruchwald in der Nähe von Gletterens

 

Die Ankunft in Portalban war ganz anders als in Gletterens, wo die Anzeichen menschlicher Besiedelung ganz langsam zunahm. Hier endete der Wald jäh, und dahinter konnte ich bereits mehrere Häuser im Nebel erahnen. Da war ich also, angelangt am Ziel. Und ich wusste nicht, wieviel Zeit vergangen war. Ruhig schaute ich hinein in die Weite vor mir…

Endloses Schilfmeer im Nebel

 

Dachte an nichts bestimmtes, schaute einfach nur in die Ferne… Und dann packte ich wieder meine Sachen, und machte mich auf den Weg. Mein Ziel war zwar erreicht, doch der Weg ging weiter. Und so verschwand auch Portalban wieder hinter mir im Nebel. Die letzten Geräusche der Zivilisation wurden vom Nebel geschluckt, die Umrisse der letzten Häuser verschwanden, wurden zu einheitlichem Grau.

Und wieder breitete er sich vor mir aus; der endlose, stille Weg durchs Schilf.

Nebel... Und Wälder in Seenähe

 

 

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