Val d’Hérens

Val d’Hérens

Der Tag begann mit Sonnenschein. Nur wenige Wolken im Osten, ansonsten schien das Wetter überhaupt nicht so zu sein, wie vorhergesagt wurde. Gemeldet war Regen und Schnee, zu sehen war kaum eine Wolke. Also packte ich meine Sachen. Denn in einigen Stunden wollte ich mitten in den Alpen sein. Nachdem ich bei meinem letzten Ausflug ins Vallon de Nant mit Kälte gerechnet hatte, schlussendlich aber Sonnencreme hätte brauchen können, packte ich sie diesmal gleich mit ein. Ich war gut vorbereitet, und so ging es los.

Und wie jedes gute Abenteuer begann auch dieses mit Überraschungen.

Die A12 führte mich nach Süden. Kaum Verkehr, die Sonne schien. Und irgendwann wurde der Genfersee sichtbar, während die Autobahn langsam hinab führte. Vorbei an Vevey, vorbei am Chateau de Chillon. Ich liess den Genfersee und Villeneuve VD hinter mir, und die Berge rundherum wurden höher und höher, während sich die Vegetation von ihrer schönsten, frühlingshaften Seite zeigte. Überall blühende Obstbäume, saftig grüne oder von Löwenzahn gelb leuchtende Wiesen, blühende Rapsfelder und herrlich hellgrün leuchtende Birken… Und oben, weit über mir, schneebedeckte Gipfel.

Fahrt ins Wallis

 

Je höher die Berge wurden, desto stärker veränderte sich das Wetter. Der blaue Himmel blieb beim Genfersee zurück, inzwischen war der Himmel dicht bewölkt. Und aus den zu Beginn noch sehr hellen Wolken wurden zusehends dunklere, düstere und bedrohliche Wolkengebilde. Es dauerte nicht lange, bis der Niederschlag aus den Seitentälern auch mich erreichte. Schneeregen fiel aus den dunklen, immer weiter herabreichenden Wolkenfetzen, und der Wind nahm stark zu. Die Stimmung änderte sich… Das zuvor noch frühlingshafte Zartgrün wirkte mehr und mehr wie das schwere Grün indonesischer Regenwälder. Und so fühlten sie sich auch an, die an den Hängen links und rechts von mir emporkletternden Wälder, teilweise beinahe senkrecht emporwuchernd und die Berge komplett einhüllend.

Regenwälder im Wallis

 

Die Temperatur sank, und aus den Seitentälern konnte man bereits die herabfallenden, kalten Luftmassen sehen. Und den mitgebrachten Niederschlag. Ganz genau da wollte ich hoch. Hinauf in die Berge. Dort hin, wo nackter Fels, Eis und klares Wasser die Umgebung beherrscht; sie neu gestaltet. Wo Bäume gegenüber Flechten und Moosen kaum eine Chance haben.

Noch war ich aber unterwegs. Nachdem auch Martigny hinter mir lag, war mir endgültig klar, dass die Sonnencreme im Rucksack bleiben wird. Und langsam kamen Zweifel in mir hoch, ob das Wetter überhaupt längere Aufnahmen zulassen würde, ohne dass ich nach jedem Foto den Niederschlag von der Linse wischen muss. Ich dachte an den Strassenzustand, an eventuell gesperrte Strassen, die meine Anreise deutlich verlängern würden, weil ich dann alles zu Fuss hätte gehen müssen. Doch ich war bereit dazu. Ab und zu aufflackernde Zweifel wurden jeweils sofort wieder zerstreut. Und das Wetter konnte mich nicht daran hindern, weiter meinem Weg zu folgen.

Berghänge

 

Und während die Gedanken kamen und gingen, führte die Strasse an Sion vorbei, hinein ins Val d’Hérens. Die Wolken krochen herab, wurden abermals dichter. Und schon bald konnte man nicht mehr zwischen Niederschlag und Wolken unterscheiden. Die Strasse führte mich immer tiefer, Kurve um Kurve und dabei immer der Borgne – einem in die Rhone mündenden Fluss – folgend. Mal war sie in Sichtweite, mal tief unter mir.

Nach einer Weile tauchten hinter einer Kurve die Pyramiden von Euseigne auf. Aber auch diese mayestätischen Erdpyramiden aus Moränenmaterial liess ich hinter mir. Vor mir erstreckte sich auf noch vielen Kilometern das Val d’Hérens. Und so folgte ich weiterhin dem Verlauf der Borgne. Während weiter talwärts die Lärchen bereits hellgrün schimmerten, war hier noch nichts davon zu sehen. Auch das helle Grün der Birken wurde zusehends schwächer. Und langsam… Wurde aus Frühling wieder Winter.

Wolken

 

Nachdem auch Evolène hinter mir lag – nun um ein paar Sandwiches und Schokobrötchen ärmer, denn diese befanden sich jetzt mit auf der Reise – wurde die Strasse schmaler und steiler. Der letzte grosse Anstieg stand bevor – nach Forclaz VS. Die Strasse nach Ferpècle empfing mich trotz des winterlichen Wetters mit einer offenen Schranke, der Weg war nach dem Winter gerade am Vortag geöffnet worden. So schlängelte sich die abermals enger gewordene Strasse noch tiefer hinein ins Tal, dessen Ende nach wie vor in den Wolken versteckt blieb. Schon seit einiger Zeit schneite es stärker. Es war kalt, die Temperaturen sanken unter den Gefrierpunkt. Wiesen und kahle Lärchen um mich herum wurden mit einem weissen Schleier belegt, während der zunehmende Schneefall die Sicht stark reduziert hielt. All die links und rechts aufragenden Berge bestanden nur aus mehrheitlich bewaldeten Hängen, die ins graue Nichts der Schneewolken führten.

Ab La Salay ging es zu Fuss weiter. Der Weg führte mich an der zusehends wilderen Borgne de Ferpècle entlang.

Ferpecle

 

Schon nach wenigen Kurven erblickte ich bereits den kleinen Staudamm. Und als ich mich näherte, wurde mir endgültig bewusst: Ich war im Winter angekommen. Denn hier war er nach wie vor da, ohne zwischenzeitlich wirklich restlos weg gewesen zu sein. Dicke Eisschollen begrüssten mich, und der rötlich schimmernde, kahle Lärchenwald wurde weiterhin vom andauernden Schneefall überpudert. Alles bestand nur noch aus grauen und rötlichen Farbtönen, unterbrochen vom türkisfarbenen Wasser der Borgne de Ferpècle und dazwischen… Alles weiss – begraben unter einer dünnen, frischen Schneeschicht.

Stausee

 

Ich folgte weiter dem Weg. Und die Berge rundherum blieben versteckt. Der Mont Miné war hinter Wolken und Schneefall nicht einmal schemenhaft zu erkennen. Als wäre er gar nicht da. Und doch ragte er direkt vor mir empor, die Eismassen links und rechts von ihm voneinander trennend, viele Jahrtausende bereits erlebt… Die Zeiten erlebt, als sich die beiden Gletscher direkt vor ihm vereinten und weiter das Val d’Hérens hinabflossen.

Ferpecle

 

Es ist immer wieder ein eigenartiges Gefühl, sich an Orten zurechtzufinden und bestimmte Dinge bereits zu kennen, ohne jemals dort gewesen zu sein. Dieses Gefühl begleitete mich in dieser Gegend permanent; ich erkannte immer wieder während den vorangehenden Recherchen gesehene Dinge. Bäume, Steine, Blickwinkel…

Und dann erreichte ich die Betonstufe. Das letzte eindeutige Zeichen menschlichen Eingreifens. Dahinter öffnete sich das Tal, die stark mäandrierende Borgne de Ferpècle wurde auf gesamter Breite sichtbar. Und kurz nach meiner Ankunft… Öffnete sich der Vorhang aus Schnee.

Mont Miné

 

Die suche nach dem richtigen Standort für die Kamera kann manchmal etwas kompliziert sein. Manchmal fällt es mir relativ schwer, einen geeigneten Platz zu finden. Doch hier war die Frage schnell geklärt. Nachdem ich meinen vorläufig liebsten Platz für den Aufbau der Kamera gefunden hatte, erkundete ich die nähere Umgebung.

Vallon de Ferpècle

Vallon de Ferpècle

 

Der Schneefall wurde schwächer, bis er schliesslich komplett aufhörte. Ich stellte die Kamera auf, entschied mich für eine einstündige Aufnahme… Und setzte mich im Schutze der kleinen Betonmauer hin.
Ich wurde zunehmend ruhiger und spürte die mich einhüllende Kälte, ganz ohne zu frieren. Ab und zu blickte die Sonne schüchtern durch die Wolken. Und während dieses kurzen Augenblicks war es vergleichsweise warm. Das Klacken des Spiegels wurde vom Rauschen des Wassers übertönt, und die Zeit schien ebenfalls vom eiskalten Gletscherwasser weggespült worden zu sein. Während ich da so sass und die Gedanken vorbeizogen, ohne dass ich einen davon festzuhalten versuchte, taute die frische Schneedecke langsam. Sonnige Abschnitte wurden häufiger, der Niederschlag blieb vorerst aus. Nach einer Stunde packte ich meine Sachen wieder ein und machte mich ganz langsam wieder auf den Rückweg. Doch diesmal folgte ich ein Stück weit dem Fluss.

 

Die Vegetation am Ufer zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Grüne, dichte Moospolster überzogen beinahe jeden Stein, unterbrochen oder überwuchert von zahlreichen Flechten. Und alle zeigten eindeutig, dass das Klima hier oben auf 2000m permanent ziemlich hart sein muss. Kalte Winter, harte Sonne im Sommer, und schnelle Jahreszeitenwechsel. Viele Pflanzen haben Mühe mit solch harschem Klima, während es für die ansässigen Pflanzen ein wahres Paradies darstellt.

Moospolster

 

Der Wind wurde immer stärker und kälter. Der Aufbau von Kamera und Stativ wurde spürbar schwieriger. Und langsam wurde auch die Sicht auf die Berge wieder eingetrübt. Wieder krochen niederschlagsreiche Wolken über die Berge. Die Zeit der Rückkehr war eindeutig gekommen.

Vallon de Ferpècle

Mont Miné

 

Wieder am Stausee angekommen, verschwand die markante Felsspitze am Ende des Val d’Hérens bereits wieder in den Wolken. Und ich machte mich zurück auf den Heimweg. Die zuvor entstandene Schneedecke war inzwischen wieder grossteils geschmolzen. Zum Vorschein kamen bräunliche, schon wenige Höhenmeter weiter unten bereits saftig grüne Wiesen.

Ein letzter Blick zurück ins Tal, hinauf in die schneebedeckten Berge… Und ich befand mich kurz darauf wieder unten im Frühling. Doch der Winter streckte seine Finger noch einmal weit aus. Am folgenden Tag sollte er noch bis hinunter ins Flachland verbeiteten Schneefall bringen. Vermutlich ein letzter Abschiedsgruss… Bis er erst in ein paar Monaten wieder mit frischer Energie zurückkehrt, und alles wieder von vorn beginnt. Und dazwischen? Liegen viele Monate Zeit. Zeit, die ich mit Sicherheit dazu nutzen werde, öfters an diesen wundervollen Ort zurückzukehren und das Val d’Hérens in unterschiedlichen Jahreszeiten zu sehen.

Val d'Hérens

 

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