… und wieder in den Schnee.

… und wieder in den Schnee.

Da stand ich nun wieder, knappe acht Kilometer von der italienischen Grenze entfernt. Umgeben von hohen Bergen, Lärchen und… Schnee. Bei meinem letzten Besuch bei Ferpècle begann der Schneefall kurz vor meiner Ankunft, die Schneedecke war noch ganz dünn. Diesmal jedoch… Erwartete mich eine dicke, frische Schneedecke.

Und so machte ich mich wieder auf den Weg. Vorbei an den alten Lärchen, weiter hinein ins Tal. Kurve um Kurve folgte ich dem Weg, bis ich zwischen all den Bäumen Beton auftauchen sah: Die 25m hohe Mauer des Barrage de Ferpècle, ein Kompensationsbecken, welches die Borgne de Ferpècle an dieser Stelle etwas staut.

Die Wasseroberfläche war stellenweise von Schnee und Eis bedeckt, zwischen dem das leuchtend türkisblaue Wasser hindurchschien. Ja, hier oben herrschte wieder Winter. Doch die Schneedecke war trügerisch – der dünne Wolkenschleier über mir hatte keine reelle Chance gegen die bereits starke Maisonne, die sich immer stärker durchsetzte. Aus der geschlossenen Wolkendecke wurden Fetzen, und zwischen den Fetzen wurde immer mehr blauer Himmel sichtbar, während ich durch die sicherlich fast 30cm Schnee stapfte. Und diesmal war mein Rucksack deutlich schwerer, ich hatte allerhand Material dabei – der Weg war deutlich anstrengender.

Und wieder ging es – Kurve um Kurve – durch den inzwischen relativ jungen Lärchenwald. Deutlich langsamer als zuvor noch; der Schnee war mancherorts deutlich tiefer. Ich folgte dem kleinen Bachlauf und bahnte mir meinen Weg durch den Schnee, der frischen Spur eines Tieres folgend.

Lärchenwald bei Ferpecle

Bach bei Ferpècle

 

Bei meinem letzten Besuch war die Dent Blanche nicht zu sehen; versteckt hinter Schneefall und Wolken. Doch diesmal lösten sich die Wolken vor meinen Augen langsam weiter auf. Die Sicht wurde klarer, während die Wolken über die Dent Blanche zogen. Mir war klar: diesen Anblick wollte ich festhalten; das sollte die erste Aufnahme an diesem Tag werden. Ich suchte mir einen schönen Platz neben einer zugefrorenen Wasserfläche, stellte die Kamera auf und liess sie die Szenerie während den nächsten 15min selbstständig aufnehmen.

Dent Blanche

Dent Blanche
Jetzt hatte ich Zeit, in Ruhe die Umgebung zu betrachten. Im seichten aber ebenso glasklaren Wasser war alles in Bewegung. Ich beobachtete Köcherfliegenlarven und diverse andere Tierchen unter der dünnen Eisschicht und genoss die Wärme der Sonne, die letztes Mal komplett fehlte.

Während diesen fünfzehn Minuten änderte sich der Himmel grundlegend. Die letzten Wolkenfetzen zogen noch vorbei, doch er war bereits strahlend blau, und die Sonne schien mit voller Kraft herab.
Ich folgte weiter der Borgne de Ferpècle, stets auf der Suche nach Orten, wo sich die Kamera inkl. Slider aufstellen liess. Schon bald wurde ich am Ufer fündig. Wieder liess ich die Kamera machen, auch diesmal wieder für eine Viertelstunde. Die verbliebenen Restwolken bewegten sich relativ schnell, sodass ich keine besonders lange Aufnahme mit grossen Abständen zwischen den einzelnen Fotos benötigte. Ich mag es nicht, wenn sich Dinge in fertigen Time Lapse Aufnahmen zu schnell bewegen. Ein Abstand von etwa 3.6 Sekunden zwischen den Aufnahmen sollte in diesem Fall absolut ausreichend sein.

Also lehnte ich mich wieder zurück auf einem von der Sonne getrockneten Stein… Und betrachtete zufrieden und ruhig die Umgebung rund um mich herum.

Mont Miné

 

Nachdem der Himmel während einiger Zeit nahezu wolkenfrei war, zogen erneut Wolken auf. Langsam verschwand die Sonne wieder, und in einiger Entfernung hörte ich ein paar Donner. Die Zeit verging wie im Flug, während ich nach interessanten Orten suchte. Mal hier, mal da stellte ich die Kamera auf und liess sie wieder für eine gewisse Zeit laufen. Schon wenige Meter vom rauschenden Bach entfernt, herrschte absolute Stille. Und während die Kamera langsam auf dem Slider von A nach B fuhr, dabei kleine Schmelzwassertümpel aufnahm, bekam ich Besuch. Ein stattlicher Eichelhäher setzte sich kaum drei Meter von mir entfernt auf einen Stein. Ganz ruhig und ohne Anzeichen von Furcht stand er da, schaute mir zu und liess sich auch nicht davon stören, dass ich mich ganz normal weiterbewegte und ich ihm kurz erklärte, was ich in seinem Zuhause mache.
Einige Minuten verbrachten wir gemeinsam da, schauten einfach die Umgebung an, bis er sich wieder in aller Ruhe davonmachte.

Geräusche durchbrachen die Stille, und ich schaute mir den grossen Hang rechts von mir genauer an. Überall fielen Steine herab. Mal kleinere, meist jedoch mindestens fussballgrosse Brocken. Ich beobachtete diese leicht unheimliche Szenerie. Alles war absolut still. Kein Wind, nichts war zu hören. Einzig das poltern der herabfallenden und sich überschlagenden Steine. Ein faszinierender Anblick, jedoch hinderte er mich daran, mich weiter ins Steinfeld vor mir vorzuwagen. Ursprünglich plante ich darin eine Kamerafahrt zwischen den Steinen entlang, doch ich wollte weder mein Leben, noch das Leben meiner Ausrüstung aufs Spiel setzen. Darum blieb ich am Wasser, in sicherer Entfernung… Und schaute den näherkommenden Wolken zu.

Mont Miné

 

Weg war die Sonne, die Wärme von zuvor. Der Winter war zurück in Ferpècle. Langsam konnte ich sehen, wie sich die Wolken absenkten und Niederschlag einsetzte. Da war ich also wieder. Mitten in einem Königreich aus Schnee und Fels, während unten im Tal alles grünte. Hier jedoch war klar: Noch beherrschte die Kälte das Tal. Vom Mont Miné Gletscher (rechts im Bild zu sehen) zogen Schleier aus Schneefall vorbei. Noch blieben sie dort. Doch ich wusste genau, dass es nicht so bleiben würde. Ich stellte mich wieder auf Schneefall ein. Von frühsommerlichem Sonnenschein zurück in den Schneefall in kurzer Zeit…
Langsam machte ich mich auf den Rückweg. Ich hatte noch fast drei Stunden Zeit, also brauchte ich mich nicht zu beeilen. Etwas Schneefall würde mich überhaupt nicht stören, im Gegenteil. Auf dem Rückweg machte ich mal hier, mal da wieder Halt und liess die Kamera Aufnahmen machen. Und während sie das tat, beobachtete ich die sich ganz langsam aber stetig nähernden Schneeschleier, die sich bereits den Gletscher holten.

Vallon de Ferpècle

 

Während ich mich langsam talwärts bewegte, kam der Schneefall näher und näher, bis er mich eingeholt hatte. Die Sicht wurde wieder trüb, der Mont Miné verschwand hinter Millionen von Schneeflocken. Und kurz darauf war er nicht einmal mehr zu erahnen, die Dent Blanche genau so. Die Hänge führten hinauf in die Wolken, wo sie allmählich in der schier unendlichen, weissen Decke aus Wolken und Schneefall verschwanden.

Mont Miné

 

Wieder bei der Staumauer angekommen, lehnte ich mich ans Geländer und beobachtete den zunehmenden Schneefall. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis der Schnee auch auf den Bäumen sichtbar werden würde; den Lärchen die orange-rötliche Farbe nehmen und sie in weisse Federn verwandeln würde.

Barrage de Ferpècle

 

Wieder in der Zivilisation beim noch geschlossenen Hotel du Col d’Hérens angekommen, hatte ich immer noch einige Zeit übrig. Ich setzte mich wieder auf einen Stein, stellte die Kamera auf und liess sie – auf eine kleine, schneefreie Fläche gerichtet – laufen, während der Schnee langsam die Grashalme unter sich begrub.
Und genau wie ich erwartet hatte: Der Schneefall wurde stärker. Der Schnee begann liegen zu bleiben; verwandelte die Lärchenwälder um mich herum tatsächlich in unzählige, weisse Federn. Schon bald war vom ursprünglichen Farbton der Wälder nichts mehr zu sehen. Und auch ich wurde zugeschneit.

Hotel du col d'herens

Lärchenwald

 

Ich verabschiedete mich von diesem Winterwunderland bei Ferpècle. Es war an der Zeit zurückzufahren. Zurück in den Frühling. Dort hin, wo bereits alles grün war. Ein eigenartiger Gedanke. Nur wenige hundert Höhenmeter abwärts war bereits alles grün. Die Birken und Lärchen leuchteten dort bereits in herrlichem Hellgrün, und der Schnee war nur noch “irgendwo da oben”.
Ich schaute auf dem Weg zurück aus dem Fenster, während es draussen regnete. Die Pyramides d’Euseigne zogen an mir vorbei, Wälder und Felder… Bis irgendwann hinter einer Kurve die Sicht auf Sion frei wurde. Düster ragte die Basilika von Valeria auf, umgeben von schweren, dunklen Wolken – und dann ging es auf die Autobahn. Auf den Weg zurück nach Hause, während die hohen Berge rundherum in der immer dichter zu werdenden Wolkendecke verschwanden.

Basilika von Valeria, Sion

Autobahn Wallis

 

Und schon jetzt freue ich mich auf den nächsten Besuch und bin gespannt, mit welchem Wetter ich begrüsst, mit welchen Erlebnissen ich diesmal überrascht werde.

 

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