Gorges de la Jogne

Gorges de la Jogne

Vor einigen Tagen wollte ich bereits in die Gorges de la Jogne (oder auf deutsch Jaunbachschlucht) bei Broc, doch das Wetter spielte nicht mit. Das heisst in diesem Fall: die Sonne schien. Scheint die Sonne, ist das Licht für manche Gegenden einfach viel zu hart. Es entstehen harte Schatten und die Helligkeitsunterschiede sind viel zu heftig. Überall findet man Licht- und Schattenflecken, die alles überlagern und unruhig werden lassen, während die eigentlichen Texturen (wie Blätter in einem Wald, Waldboden, Steine, usw.) völlig untergehen.

Deshalb wartete ich ab. Der nachfolgende Tag brachte genau das erhoffte Wetter. Düstere, tiefhängende Wolken und Regen durchzogen die freiburger Voralpen und das Greyerzerland. Also machte ich mich auf den Weg. Auf der Hinfahrt wurde der Niederschlag stärker… Aus “etwas Regen” wurde Starkregen, und aus Starkregen wurde schlussendlich noch stärkerer Schneeregen, der so laut auf die Frontscheibe prasselte, dass man sich kaum noch unterhalten konnte.
In der Nähe von Broc liess ich mich beim Eingang der Schlucht absetzen und folgte dem Weg hinein. Schon nach wenigen Metern war mir allerdings klar: Das wird eine sehr nasse Angelegenheit, und dazu müsste ich nicht einmal in den Jaunbach fallen.

Nach fünf bis höchstens zehn Minuten erreichte ich den – in meinen Augen – eigentlichen Eingang der Schlucht. Der Weg führte durch den kleinen Tunnel, der die engste Stelle passierbar macht. Und für eine kurze Zeit hörte das beständige, starke Prasseln des Regens auf.

Gorges de la Jogne

 

Doch nach wenigen Metern war ich bereits wieder von Regen umgeben, und folgte dem Weg über die kleinen Brücken, tiefer hinein Gorges de la Jogne. Und wo der Weg nicht über Brücken führte, sammelte sich bereits das Wasser und es entstanden tiefe Pfützen.
Der Regen wurde immer stärker. Und inzwischen bemerkte ich, dass meine Jacke weit davon entfernt war, regendicht zu sein. Die Ärmel wurden schwerer und schwerer; langsam sogen sie sich mit all dem Wasser voll, gaben es an die darunterliegenden Kleidungsschichten ab. Von meiner Kopfbedeckung tropfte das Wasser herab, auf dem Rucksack bildeten sich Pfützen… Und auch die Hose hatte bereits durch die allgegenwärtige Nässe einen weit dunkleren Farbton angenommen.
Ich entschloss mich dazu, zurück in den Tunnel zu gehen und den schlimmsten Niederschlag abzuwarten, auch wenn die oberste Kleidungsschicht kaum noch mehr Wasser aufnehmen konnte.
Unterwegs stellte ich fest, dass aus vereinzelten Pfützen auf dem Weg eine grosse, zusammenhängende entstanden war.

Gorges de la Jogne

Gorges de la Jogne

 

Endlich wieder im Tunnel am eigentlichen Eingang der Gorges de la Jogne angekommen, hiess es warten. Inzwischen war ich komplett durchnässt, jede Kleidungsschicht war tropfnass. Im Tunnel war ein steter Luftzug zu spüren, der mich aber nicht sonderlich störte… Trotz der nassen Kleidung und den maximal 4°. Ich bildete mir ein, auf diese Weise vielleicht etwas Wasser wieder an die Luft abgeben zu können.
Ich betrachtete die Kamera – auch sie sah dementsprechend aus. In der Gegenlichtblende sammelte sich bereits der Regen.

Gorges de la Jogne

 

Nach einiger Zeit nahm die Intensität etwas(!) ab. Und da ich sowieso schon durchnässt war, war es mir inzwischen völlig egal. Hauptsache die Frontlinse würde nicht ständig zugeregnet werden, was zu Flecken auf den Fotos führen würde. Alles andere war nicht mehr wichtig.

Und dann war sie da, die gesuchte Stimmung. Weiche Schatten, düstere Wolken und überall nasse Steine (die meiner Meinung nach generell besser aussehen als trockene. Dunkler, kontrastreicher und je nach Blickwinkel glänzend – irgendwie empfinde ich das als schöner, als matte und kontrastärmere Steine). Die Wolken waren so dicht, dass ich für mehrsekündige Verschlusszeiten nicht einmal Filter benötigte.

Gorges de la Jogne

Gorges de la Jogne

 

Langsam verliess ich die Gorges de la Jogne wieder und begab mich auf den Rückweg. Doch diesmal folgte ich dem Jaunbach direkt in seinem steinigen Bett, und nicht dem Weg. Nass war ich sowieso schon, also machte es keinen Unterschied mehr, ob ich auch noch nasse Füsse bekomme.

Mal sprang mir etwas bestimmtes ins Auge, mal stellte ich die Kamera auch einfach wahllos auf, weil mir die gesamte Umgebung gefiel. Manchmal ist es in einer bestimmten Umgebung schwierig, den Eyecatcher, das Motiv zu finden… Einfach weil man bereits mitten im Motiv selber steht.
Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass ein Foto dann am besten wirkt, wenn das Hauptmotiv ganz klar definiert wird… Vom Fotografen, bevor er den Auslöser drückt. Aber ich hadere manchmal selber damit, und bin diesem Bombardement an Sinneseindrücken völlig ausgesetzt – dadurch gar nicht wissend, worauf ich die Kamera eigentlich richten soll, weil alles als Motiv funktionieren würde.

Gorges de la Jogne

Gorges de la Jogne

 

Ich dachte an dem Punkt, dass ich inzwischen alles gesehen hätte. Schneeregen, heftiger Starkregen… Doch ich lag falsch. Die grösste Überraschung erwartete mich am Ausgang der Schlucht.
Als sich die Schlucht öffnete und auch die Bäume zurückwichen, bemerkte ich erst, was rundherum geschehen war.

Nur noch vereinzelte Dunstfetzen stiegen von den umliegenden Hängen empor – Zeugen einer kürzlich hindurchgezogenen Wand aus Niederschlag und Kälte. Und dahinter leuchteten die Hänge und Wälder in frischem, klarem weiss… Es hatte geschneit. Der Kontrast war enorm – neben frühlingshaft hellgrünen Buchen herrschte tiefster, farbloser Winter, und die Wolkenfetzen verbanden diese beiden gegensätzlichen Welten miteinander.

Schnee im Greyerzerland

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.