Val d’Hérens – ein erster Blick zurück – Time Lapse

Val d’Hérens – ein erster Blick zurück – Time Lapse

Ein langer Weg – mehr als zwei Drittel – liegt noch vor mir, und doch konnte ich schon viel der Wegstrecke abarbeiten. Zwei Monate, sechs Besuche, 24h Fahrzeit, 986km, 9640 Aufnahmen später… Kann ich mich erstmals zurücklehnen und einen ersten Blick zurück auf die vergangene Zeit werfen. Und in Ruhe betrachten, was alles gut lief, und was fürchterlich in die Hose ging.

Wobei, abarbeiten wird der Sache in keinster Weise gerecht. Das klingt nach Zwang, nach mühsamer, stumpfsinniger Arbeit. Und nichts ist weiter von diesem Projekt entfernt, als das. Umgeben von einer traumhaften Kulisse aus Wasser in Form von Flüssen und Gletschern, hohen Bergen und wundervollem Bewuchs, allen erdenklichen Wettern ausgesetzt und den Verlauf der Jahreszeiten miterlebend… Die starre, klirrende Kälte des Winters… Später Wanderer, welche die Umgebung durchstreifen oder sich irgendwo niederlassen, bis dann irgendwann der Herbst die goldenen Farbtöne bringt, die schlussendlich wieder vom Winter eingeholt werden.

 

Bei einem Projekt dieser Grösse kann und muss man natürlich mit Problemen rechnen, die dann auch demensprechend grösser ausfallen. Geht etwas in die Hose, ist es selten mal nur ein einzelnes Foto. Meist sind es mehrere hundert, und kostbare Zeit. Momente, die weg sind. Möglicherweise sogar genau die Momente, die man gezielt gesucht und auf welche man gehofft hatte.

Vallon de Ferpècle

Die Welt um den Mont Miné begrüsste mich mit eisiger Kälte und Schnee, als ich zum ersten Mal dort war. Lange Zeit sah ich mein Ziel – diesen einen Berg – gar nicht. Erst als ich wenige hundert Meter davorstand, öffneten sich die Wolken und ich bekam ihn komplett zu Gesicht. Der Weg hin war still, einzig das Rieseln der Flocken und das Knirschen des Schnees unter meinen Schuhen war zu hören… Und einige Zeit später die Borgne de Ferpècle, wie sie gemächlich durch die Schneefelder mäandrierte und mit niedrigem Wasserstand an mir vorbeifloss. [Mehr in diesem Beitrag]

An diesem Tag entstand eine einzelne Sequenz von fast zwanzig Sekunden. Die Kamera stand auf einer kleinen Betonmauer, während ich an deren Fuss sass, abwartete und zusah, wie die Wolken langsam über mir hinwegzogen und der frische Schnee ganz langsam wegschmolz. Der erste Eindruck war… Überaus beeindruckend. Wenn man vor einem grossen, dunklen Berg steht, mitten im Schneegestöber… Und dieses sich auf einmal legt und die Wolken wie ein Vorhang zur Seite ziehen und den Berg freigeben… Kann ich mir beim besten Willen keine noch eindrücklichere Begrüssung vorstellen.

Und so freute ich mich bisher jedes Mal wieder, mich vor Ort umzusehen, neue Plätze zu entdecken und neue Blickwinkel auszuprobieren. Immer auf der Suche nach dem, was die aktuelle Jahreszeit ausmacht.

Doch was genau konnte ich bisher daraus lernen, was lief gut… Und was lief schlecht? Man lernt ja besonders gut aus Fehlern derer man sich bewusst ist, und irgendwie sind es auch diese Erlebnisse, die einen deutlich höheren Unterhaltungswert haben. Also möchte ich den Fokus genau darauf werfen.

 

… da ging doch etwas in die Hose?

Oh ja, durchaus. Eigentlich lief kaum ein Besuch vollkommen reibungslos ab.
Bei meinem ersten Besuch dachte ich nicht daran, einen ND-Filter einzupacken. So kam es, dass ich sehr nah am Wasser stand und keinen Filter zur Verfügung hatte – ich konnte also die Verschlusszeit nicht so weit reduzieren, dass die Wasserbewegungen möglichst weich werden. Für ein Foto kein allzu grosses Problem. Doch wenn nicht mehr das einzelne Foto zählt, sondern man pro Sekunde 25 zu sehen bekommt, in Form einer Aufnahme die viel schneller abläuft als die Realität, wird es problematisch. Durch die Nähe sind Veränderungen von Bild zu Bild sehr deutlich: es beginnt hektisch und unruhig zu flackern. Dagegen konnte ich nichts mehr unternehmen und musste eben damit leben. Und ich muss auch ehrlich sagen: So sehr stört mich das Flackern zumindest in dieser Aufnahme nicht.

 

Und dann… Kam mein zweiter Besuch. Der Schnee war noch tiefer, die Kälte noch intensiver, und die Ergebnisse deutlich zahlreicher. Abends war ich zufrieden. Ich hatte tagsüber jedes nur irgendwie erdenkliche Wetter. Schnee, Sonnenschein, Sturm, Donner… Und auf dem Rückweg wurden die Flecken wieder zugeschneit, welche tagsüber von der Sonne in den Schnee hineingeschmolzen wurden. Ein herrlicher Tag – bis auf die starke UV-Strahlung. Ich kam nicht nur mit vielen Fotos nach Hause, sondern auch erstmals in meinem Leben mit einem Sonnenbrand und Kopfschmerzen. Die Sonnencreme blieb zuhause, ich rechnete mit Wetter wie bei meinem ersten Besuch. Shit happens – Aber bestimmt kein zweites mal!

Doch durch das mehrheitlich düstere Wetter erhielten alle Aufnahmen eine ganz besondere Atmosphäre. Zumindest für mich haben sie einen ganz besonderen Charakter, weil daran die Erinnerungen und Emotionen dieses Tages hängen. Dann gab es aber auch diese sonnigen Momente… Und plötzlich bestand die gesamte Welt nur noch aus Weiss und Blau, unterbrochen von einigen dunklen, felsigen Flächen.

Mont Miné

 

Der dritte Besuch… Brachte Unkonzentriertheit und Frust. Während der ersten Aufnahme führte der Slider die Bewegung während und nicht zwischen den Aufnahmen aus, was einem Einstellfehler meinerseits zu verdanken war. Die gesamte Sequenz hinüber. So hatte ich fünfhundert durch Bewegung verschmierte, seltsame Doppelbilder. Während einer anderen Aufnahme rutschte der Stativkopf nach, und das Motiv geriet nach und nach aus dem Bild. Und dann stieg der Wasserstand, und die Kamera bekam Spritzer ab. Ich müsste mehr Zeit in die Reparatur investieren, als ich möchte. Lieber verbringe ich diese Zeit in der dortigen Umgebung.

 

Jedes Wetter, jede Jahreszeit hat gewisse Tücken. Während ich im Schnee mit einem ab und zu einsinkenden Stativ oder Slider zu tun hatte, veränderte sich das mit dem Näherkommen des Sommers deutlich. Mit jedem Besuch wurde es wärmer, das Wetter klarer, die Sonne stärker und länger sichtbar. Das beseitigte zwar den wegschmelzenden Untergrund, doch langsam bekam ich Probleme mit meinem Graufilter. Ich bemerkte immer öfters Falschfarben im Bild. Durch das seitlich auf den Filter auftreffende Sonnenlicht veränderte sich die gesamte Lichtsituation, die Aufnahmen wurden sehr unangenehm und der Weissabgleich gestaltete sich als schwierig. Was manch andere vielleicht für einen absichtlichen Farbfilter halten könnten, war für mich eine eher unerfreuliche Situation. Ich lege Wert darauf, dass ich möglichst wenig nachbearbeiten muss. Das spart Zeit, Aufwand und Nerven, wenn man von Anfang an alles möglichst optimal aus der Kamera heraus bekommt. Also wieder weitere Probleme, mit denen ich mich dann nachträglich zuhause auseinanderzusetzen habe.

Falschfarben

 

Ein weiteres Problem waren die nun langsam mehr werdenden Besucher. Ich konnte mich nicht mehr blind irgendwo hin stellen, sondern musste nun anfangen, auch andere Menschen mit einzuplanen. Manche Aufnahmen waren jetzt nicht mehr so einfach möglich. Also musste ich vorausschauend handeln. Wo könnten Menschen sein, wo könnten sie sich hindurchbewegen? Von wo aus sehe ich Menschen? Nicht, dass man mich falsch versteht: Ich finde es schön, wenn andere Menschen ebenfalls Freude daran haben, sich in solchen Gegenden zu bewegen. Ich bin froh für jeden Menschen, der aus eigener Kraft oder gar mit Hilfe anderer sowas miterleben kann. Aber… Es macht die Sache nun mal nicht einfacher.

Menschengruppe

So ist es zum Beispiel leicht… irritierend, wenn eine dreissigköpfige Gruppe Menschen genau dort entlanggeht, worauf man die Kamera gerichtet hielt… Und man dadurch ein paar Sekunden Bildmaterial oder gleich die gesamte Sequenz verliert. Und man im besten Fall dann noch warten muss, bis der Bildausschnitt wieder leer ist. Das kann je nach Brennweite eine gefühlte Ewigkeit sein.

… oder man croppt, falls möglich. Auch keine besonders erfreuliche Variante.

 

Und dann lernt man dazu. Bemerkt Muster, erkennt vielleicht sogar viel grundlegendere, tiefere Probleme in einem selbst. Ich war oft nicht ruhig genug, nicht geduldig genug. Noch angetrieben von der Geschwindigkeit der heutigen Zeit von uns Menschen, habe ich es ab und zu verpasst, rechtzeitig auf die Bremse zu treten und mich der Geschwindigkeit der Umgebung anzupassen, in der ich mich gerade befand. Das Ergebnis waren nicht ausreichend durchdachte Dinge, die für meinen Geschmack nicht genügend Herz hatten, nicht die Seele der Umgebung in sich tragen und sie nicht von der aktuell spannendsten Seite zeigen. Durchschnittsmaterial, weil der Blick in die Tiefe verwehrt bleibt, wenn man sich zu schnell bewegt und nicht anpasst, hinhört und in Ruhe hinsieht.

 

Wenn ich all das zusammennehme, sticht also ein generelles Problem hervor, worauf alles Hausgemachte aufbaut: Das Fehlen einer angepassten, inneren Ruhe. Ein Sache, die mit etwas mehr Übung überhaupt kein Problem darstellen sollte – brauche ich mich doch nur dazu aufzufordern, einfach mal eine Stunde umherzusitzen und nichts zu tun… Mitten in der Natur. Nur vielleicht ab und zu wieder daran erinnern, was ich hier eigentlich mache und wo ich überhaupt bin. Dinge, die man schnell aus den Augen verliert, selbst wenn man gerade mittendrin steckt.

 

Warten während der Aufnahme

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