Wieder im Gantrisch

Wieder im Gantrisch

Nach über zwei Wochen mit blauem Himmel krochen eines Morgens endlich wieder dichte Wolken über die Berge. Und zusammen mit den Wolken begab auch ich mich wieder auf den Gäggersteg und den Gantrisch Panoramaweg, auf der Suche nach wolkenverhangenen Motiven.

 

Irgendwo auf einem Kiesweg, umgeben von Nadelbäumen, verliess ich die wärmende Hülle des Fahrzeugs und stieg aus. Sofort umgab mich die kühle Stille, die immer dann herrscht, wenn die Wolken die Umgebung einhüllen. Alles wird still, während die Wolkenfetzen lautlos durch die Wälder ziehen.
Ich hatte bereits eine ganz klare Vorstellung davon was ich fotografieren wollte, welche Stimmung ich festhalten möchte. Doch wie so oft – es gibt auch Ausnahmen, aber die sind selten! – machte es mir die Natur nicht ganz so einfach.

Auf dem Weg hinauf sah ich die emporkriechenden Wolken, doch die Wolkenuntergrenze war immer noch viel zu hoch, um all die Fotos machen zu können, die in meinem Kopf umherschwirrten. Lediglich einige weiter entfernte Hügelkuppen waren bereits in den Wolken verschwunden. Die jedoch waren einige Kilometer weit weg.

Wolken im Gantrischgebiet

 

Der Weg führte mich über Holzplanken durch die vom Wetter gezeichnete Umgebung – grosse Teile des Waldes wurden 1999 vom Sturm Lothar umgerissen und verwüstet – näher zum Gäggersteg. Und wo zuvor ein Wald stand, konnten nun ganz andere Pflanzen gedeihen und eine völlig neue Landschaft erschaffen. Wo einst Fichten standen, wächst nun ein Teppich aus unterschiedlichsten feuchteliebenden Gräsern, Vogelbeersträuchern, Heidekraut und Heidelbeeren.
Ich folgte dem Weg weiter, bis ich mich meinem Ziel näherte – der Gäggersteg auf dem Lothar Sturmholzpfad. Der Weg führte inzwischen durch dichter bewachsene und steilere Bereiche. An den Wegrändern ragten nun gründe Wände empor – mancherorts konnte man einen etwas tieferen Blick ins Dickicht erhaschen, doch meist blieb die Sicht hinein versperrt und die Verursacher des daraus hörbaren Raschelns unsichtbar.

Und dann, nach ein paar wenigen Kurven stand ich wieder einmal da, am Beginn eines besonders interessanten Wegstücks, dem Steg durch die einst verwüstete und kahle, inzwischen wieder niedrig aber sehr dicht bewachsene Umgebung.

Gäggersteg

 

Irgendwo auf dem Gäggersteg wollte ich meine Kamera aufstellen und die Zeit abwarten, umgeben von vorbeiziehenden Wolkenfetzen, die auf den Fotos dann als weiss-graue Striche zu sehen sein würden. Könnten. Vielleicht. Wenn… Doch was ich mir vorstellte, war keine fünfzig Meter von dem entfernt, was ich tatsächlich vorfand. Die Wolkenfetzen zogen zwar wie erhofft vorbei… Allerdings weit über meinem Kopf. Zu hoch um das umzusetzen, was ich mir vorgestellt hatte. Doch niedrig genug, um die vereinzelten, von Lothar nicht gefällten Nadelbäume zu streifen. Aber der Kontrast war nicht gross genug, man hätte auf dem Foto schlussendlich nichts davon gesehen.

Ich setzte mich für einige Minuten hin und dachte nach. Sollte ich da sitzen bleiben und darauf hoffen, dass sich die Wolkenbasis noch weiter absenkt? Sollte ich gar zurückgehen und weiter unten auf dem Weg einen Platz suchen? Vielleicht auch einfach zurückkehren zur Hütte weiter unten und mich dort stundenlang hinsetzen? Ich entschied mich dafür, dem Gantrisch Panoramaweg weiter zu folgen – hoch auf die Pfyffe, dem höchsten Punkt in der Nähe. Bekommt man nicht sofort auf dem Silbertablett serviert was man sucht, wird es dafür sicherlich gute Gründe geben – allem voran die eigene Einstellung. Solche Glücksfälle einfach zu erwarten, wäre blauäugig und entspräche nun mal nicht der tatsächlichen Häufigkeit solcher Momente, wenn einfach alles perfekt passt und man nichts dafür tun muss.

Der Weg führte mich weiter hinauf. Ich liess den Gäggersteg hinter mir und folgte dem Gantrisch Panoramaweg, der mich geradewegs zur Pfyffe führen würde. Doch den gut sichtbaren, gepflegten Wanderweg verliess ich nach einiger Zeit und folgte einem deutlich schmaleren und nicht ganz so gut sichtbaren Trampelpfad. Der Wanderweg verschwand links von mir zwischen den Bäumen, während mein Pfad ganz oben auf dem Grat entlangführte. Und noch immer war ich mir nicht sicher, ob ich überhaupt mit brauchbaren Fotos nach Hause zurückkehren würde.
Ab und zu drückte ich zwar auf den Auslöser, obwohl ich genau wusste, dass die Stimmung nicht ausreichen würde, um wirklich interessante Fotos zu erhalten.

Von Moos stellenweise grün gewordene Holzleitern und Treppenstufen führten weiter den Grat entlang, hin zur Pfyffe. Doch der Himmel blieb einheitlich hellgrau. Es ist schwierig, bei einem solchen Himmel zu fotografieren. Denn ist er mit auf der Aufnahme, entsteht einfach nur eine strukturlose, weisse Fläche… Und verschwendet wertvollen Platz, der mit ganz anderen Dingen gefüllt werden könnte. Versucht man ihn jedoch nicht mit aufs Foto zu bekommen, ist man plötzlich enorm eingeschränkt und vieles funktioniert plötzlich nicht mehr.

Gantrisch Panoramaweg

 

Doch dann… Krochen die Wolkenfetzen heran. Aus dem Panoramaweg wurde ein Pfad in den Wolken. Zuerst weit unter mir, in den Wäldern unterhalb der Steilwand vor mir. Sie krochen durch die dunkelgrünen, spitzen Nadelwälder, schlichen näher heran und langsam um mich herum empor. Berge, vereinzelte Häuser, Strassen und Wälder verschwanden nach und nach, während die Umgebung immer grauer und düsterer wurde. Genau das, wonach ich gesucht hatte.

Haus in der Gantrischregion

Von der Pfyffe aus

 

Doch noch immer war ich nicht wirklich zufrieden. Das erhoffte Wetter war jetzt zwar da, aber ich hatte das Gefühl, nach wie vor nicht am richtigen Platz zu sein; konnte mir nicht genau erklären woran es lag. Manch einer wird diese innere Unruhe und Rastlosigkeit kennen, die dann auftaucht, wenn man etwas sucht, aber noch nicht gefunden hat. Selbst dann, wenn man gar nicht weiss, wonach man sucht und lediglich weiss, dass es nicht das ist, was vor einem liegt.

Nach einiger Zeit packte ich meine Sachen zusammen und folgte wieder dem Wanderweg. In Holz geschnitzte Zwerge tauchten zwischen den Nadelbäumen auf und säumten den Weg – ein eindeutiges Zeichen dafür, dass ich mich wohl dem Cheesereloch näherte. Doch die genau in diesem Moment dort umherstehenden Sonntagsausflügler bewegten mich dazu weiterzugehen, ohne einen kurzen Halt einzulegen.

Einige Zeit später, kurz bevor ich den immer schmaler gewordenen Weg aus den Augen verloren hätte, sah ich etwas zwischen den Bäumen hindurchscheinen. Eine metallene Konstruktion. Streben, ein grosses Rad, Kabel… Das obere Ende eines Skilifts. Etwas weiter hangabwärts erspähte ich eine kleine Hütte samt danebenliegender Bank, umgeben von Wald mit einer hervorragenden Sicht talwärts. Ich hatte genug Zeit, und so setzte ich mich auf die Bank und betrachtete in Ruhe die Umgebung.

Mein Blick ging nach Süden; ich beobachtete die vorbeiziehenden Wolken. Die herunterhängenden Fetzen zogen relativ schnell vorbei, und zwischendurch gab es kurze Momente, in denen die Sonne etwas stärker durch die Wolkendecke hindurchscheinen konnte.

 

Und dann sah ich etwas aus dem Augenwinkel, das mich schnell zur Kamera greifen liess.

Vor etwa einem Jahr war ich bereits am Gäggersteg unterwegs. Damals fiel mir ein ganz bestimmtes Haus auf, alleine auf einem waldlosen Hügel stehend. Doch ich hatte nicht die richtige Ausrüstung dafür, um es so zu fotografieren, wie ich es gerne getan hätte. Mir fehlte eine ausreichend grosse Brennweite, um das Haus möglichst gross aufs Foto zu bekommen. Trotzdem machte ich die Aufnahme und musste sie später stark beschneiden. Das Licht war schön, doch das Foto blieb auf der Festplatte liegen. Es war zwar mehr oder weniger das was ich wollte, aber nicht wie.

Doch genau in diesem Moment schien die Sonne durch die Wolken, beleuchtete ein paar Wolkenfetzen und traf genau auf dieses Haus auf dem Hügel. Und meine Sicht darauf war einwandfrei.

Haus im Gantrisch

 

Ein Jahr lang dachte ich immer mal wieder an dieses Haus, doch genau den richtigen Moment zu erwischen, erschien mir äusserst schwierig. Und jetzt lag genau diese Szene vor mir – exakt so, wie ich sie mir vorstellte und beim ersten Mal schon gesehen hatte.

Manchmal… Ist man wegen einer ganz bestimmten Aufnahme, eines kurzen Augenblicks unterwegs… Selbst wenn man es noch gar nicht weiss, bis dieser Moment vor einem liegt. Ja selbst dann, wenn man genau dieses Foto schon seit langer Zeit vor dem geistigen Auge umherträgt, ohne zu wissen, wann sich eine solche Gelegenheit ergeben könnte.

Und doch verpasste ich die Gelegenheit beinahe, da ich nicht damit gerechnet hatte und in eine andere Richtung schaute. Nur aus dem Augenwinkel sah ich plötzlich eine sehr viel hellere Stelle, die meinen Blick anzog.

 

Der Moment hielt nur wenige Sekunden – gerade ausreichend um drei Fotos zu machen. Eines war zu hell, und auf dem dritten verblasste das Licht bereits wieder. Als der Wind auffrischte und mir langsam kalt wurde, schnappte ich meine Sachen und folgte den Wiesen talwärts mit dem guten Gefühl, nun doch das eine oder andere Foto mit nach Hause zu nehmen.

 

Weitere Beiträge aus der Region Gantrisch:

Unterwegs im Gantrisch – bei Regen und Nebel fotografieren

Auf die Pfyffe – eine Perseidennacht in der Region Gantrisch

Ausflug in den Gantrisch – wenn aus versehen die Kamera wackelt…

Platzsuche für Fotos in den freiburger und berner Voralpen

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.