Sommer in Estavayer-le-Lac

Sommer in Estavayer-le-Lac

Die grösste Sommerhitze ist vorbei, die ersten komplett in Nebel gehüllten Spätsommermorgen waren ebenfalls schon da. Deswegen möchte ich noch einmal zurückblicken in die Zeit, als die sommerliche Hitze von über 30° noch allgegenwärtig war, selbst nach Sonnenuntergang.

Anfang August, kurz nach den 1. August-Feierlichkeiten, begab ich mich nach Estavayer-le-Lac. In den Bergen wäre es sicherlich weitaus kühler gewesen – und doch zog es mich an den Neuenburgersee. Dort hin, wo die feuchte Seeluft auf die Sommerhitze traf, und das inzwischen verwaiste Festgelände am Hafen von einer rauschenden Nationalfeier zeugte.

Obwohl ich schon mehrmals am Hafen von Estavayer-le-Lac war, gab es noch viele unbekannte Blickwinkel. Einen solchen suchte ich an diesem Abend, und fand ihn auf einer Hafenmole. Zwischen den Steinen wuchsen allerhand Gewächse, und eines davon nahm ich vor die Linse.

Hafen von Estavayer-le-Lac

 

Das Seeufer bei Estavayer-le-Lac ist – genau wie das Städtchen selbst – zu jeder Jahreszeit interessant. Anfang August blühten all die Gewächse, die aus den kleinsten Ritzen zwischen den Steinen hervorwuchsen – und wurden von der über dem Jura untergehenden Sonne beleuchtet. Für mich ein guter Grund, ebendiese Gewächse prominent irgendwo im Bild zu platzieren.

Hafen von Estavayer-le-Lac

 

Doch was im ersten Moment einfach klingt – es wächst ja genügend Zeug – ist auf den zweiten Blick gar nicht mehr so einfach. Denn wo findet man eine attraktive Kombination aus Grünzeug? Wie jedes Element innerhalb des Fotos war auch dieses wichtig. Ich fand diesen Standort dennoch relativ schnell und war fürs erste zufrieden damit. Doch dann, kurz vor Sonnenuntergang fing ich an zu zweifeln.

War der Blickwinkel wirklich so interessant? Die prominent im Vordergrund platzierte Blüte – war sie denn auch hübsch genug in Szene gesetzt? Wäre das nicht noch deutlich einfacher gegangen; interessanter und ästhetischer, mit weniger Unruhe im Bild?

Die Zweifel wurden lauter, je tiefer die Sonne sank, doch ich liess die Kamera auf dem Stativ stehen und widerstand dem Drang, kurz vor Sonnenuntergang noch in Stress zu verfallen und einen Platz zu suchen, der möglicherweise noch besser geeignet gewesen wäre. Dafür reichte die Zeit nicht mehr aus – wenige Sekunden noch, bis die Sonne vollständig hinter dem Jura verschwinden würde.

Also blieb ich sitzen und erstaunlicherweise genoss ich die 30° und hohe Luftfeuchtigkeit. An einem solch grossen See – ja selbst an deutlich kleineren – scheinen die Uhren langsamer zu gehen. Alles läuft viel entspannter ab – also blieb auch ich ruhig und genoss den Sonnenuntergang… Drückte ab und zu auf den Fernauslöser und hoffte, dass mich das Ergebnis dennoch überzeugen könnte.

Hafen von Estavayer-le-Lac

 

Zuhause angekommen, wurde mir klar, dass mein erstes Gefühl keine vorübergehende Erscheinung war. Die Zweifel verhärteten sich – ich war einfach nicht vollständig zufrieden mit dem Ergebnis. Die herrlich weisse, von hinten beleuchtete Blüte verschwand für meinen Geschmack zu sehr in der Struktur des umliegenden Gesteins und es herrschte zuviel Chaos.
Auch der Himmel war nicht ganz das, was ich mir erhofft hatte. Sicher, da hingen feine Wolkenschleier weit oben in der Atmosphäre. Und dise sahen im Licht der bereits untergegangenen Sonne herrlich schön aus. Und doch fehlte mir im Himmel mehr Dramatik, mehr Struktur… Oder eben einfach: Mehr Wolken.

Also entschloss ich mich, den Abend des Folgetages wieder vor Ort zu verbringen. Doch diesmal wollte ich die Sache etwas anders angehen und einen besseren Standpunkt suchen. Und – falls möglich – auch noch etwas näher ran, um den Vorteil eines Ultraweitwinkelobjektivs zu nutzen: Was nah ist, wirkt viel grösser als normal, und was weiter weg ist, wirkt weitaus kleiner…

Und so sass ich am nächsten Tag wieder bei über 33° am Hafen von Estavayer-le-Lac, und baute die Kamera wieder vor der selben Pflanze auf. Diesmal schien ich mit dem Wetter richtig Glück zu haben – überall waren spannende Wolken zu sehen. Kein Vergleich zum Vortag.

… und wieder machte ich den selben Fehler wie 24h früher.

Hafen von Estavayer-le-Lac

 

Ich realisierte, dass mit diesen Pflanzen im Vordergrund nicht noch enorm viel mehr zu machen war, also suchte ich mir schnell einen anderen Platz.

Hafen von Estavayer-le-Lac

 

Weiter vorne wuchsen kleine, grüne Polster aus den Ritzen, und siehe da, mein Platz war gefunden. Im herrlichen Schein der untergehenden Sonne konnte ich diesmal in aller Ruhe die Kamera an ihrem neuen Platz aufbauen… Und diesmal waren keine Zweifel zu spüren. Der Blick aufs Display bestärkte meine Vermutung – diesmal stimmte alles, der Vordergrund führte den Blick direkt hinein ins Bild, und der Himmel zeigte sich von einer wundervollen Seite.

Hafen von Estavayer-le-Lac

Ja, diesmal war ich vollkommen zufrieden. Und so blieb ich entspannt auf den noch warmen Steinen sitzen, bis die Sonne hinter dem Jura verschwand und das Licht schwächer wurde. Eine letzte Langzeitbelichtung mit starkem ND-Filter liess noch die Wolken verwischen, bevor ich langsam meine Sachen packte und mich wieder auf den Heimweg machte.

Manchmal benötigt es eben mehrere Anläufe, bis man zufrieden ist. Man sollte nur nicht den Fehler begehen, und aus Bequemlichkeit darauf verzichten, auf seine Zweifel zu hören.

Sonnenuntergang am Neuenburgersee

One Reply to “Sommer in Estavayer-le-Lac”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.