Ferpècle aus neuen Blickwinkeln

Ferpècle aus neuen Blickwinkeln

Die beginnende Gelbfärbung der Blätter zeigte deutlich: Der Sommer ist zu Ende. Es war wieder an der Zeit, mich zurück ins Val d’Hérens zu begeben.

Eine Woche zuvor verliessen die meisten Kühe die höhergelegenen Alpwiesen, und auch die Besucher wurden wieder weniger. Also packte ich nach einigen Monaten wieder meine Sachen, um nach einer zweistündigen Fahrt zwischen Gletschern zu stehen – mit der Kamera in der Hand und mitten in der Natur. Doch diesmal befand sich neben meiner Kamera und dem üblichen Kleinkram eine Drohne mit im Gepäck… Obwohl ich noch nie eine zuvor eine geflogen hatte.

Sicher, ich hätte dieses Ding schon vor etlichen Wochen ausprobieren können. Mich mit der Steuerung vertraut machen können. Aber aus irgendwelchen Gründen (primär “Ach das hat noch Zeit” und einer gewissen Berührungsangst – normalerweise halte ich eine Kamera in den Händen, so kann sie nicht einfach mal vom Himmel fallen) liess ich diese Möglichkeiten links liegen. Und jetzt machte ich mich also auf den Weg in ein glaziales Hochtal, umgeben von Wasser, Felsen, Bäumen und von der Tageszeit abhängigen Winden…  Ganz ohne jemals in natura eine Drohne auch nur gestartet zu haben. Aber ich hatte ein gutes Gefühl bei der ganzen Sache und freute mich darauf, endlich wieder an diesem Ort zu sein.

 

Der Morgen begann mit diversen Verzögerungen, welche mir gleich schon zu Beginn die Laune vermiesen wollten. Sie waren zum Glück erfolglos, und so machte ich mich gut gelaunt auf den Weg. Schon bald nach Erreichen des Genfersees wurde deutlich – im Wallis war der Herbst schon viel weiter als zuhause. Bäume mit gelber oder gar roter Herbstfärbung sah man hier an jeder Ecke, die Wälder waren bereits gelb gefleckt.

Die Strasse führte mich wieder tief hinein ins Val d’Hérens, bis ganz an dessen Ende. Und je mehr ich mich der Schneegrenze näherte, desto herbstlicher wurde mein Umfeld. Doch die Lärchen waren noch grün, bis auf ein paar vereinzelte Äste. Und genau darauf hatte ich gehofft: beginnender Herbst, aber dennoch ohne bereits zu weit fortgeschrittene Verfärbung. Mir war wichtig, dass ich auch den Übergang von sommerlichen Grüntönen hin zu herbstlichen, warmen Farbtönen vor Ort miterleben kann. Auf den letzten Kilometern wurde dann deutlich, dass die herbstliche Färbung genau so war wie erhofft.

Unterwegs nach Ferpècle

Staumauer in Ferpècle

Oben angekommen, atmete ich kurz tief durch und freute mich über die neuen, bisher noch nie erlebten Farben in dieser Gegend. Vieles leuchtete bereits gelb und voller (Vor)Freude machte ich mich auf den Weg hinauf. Zuerst auf der befestigten Strasse hoch zum Staudamm, und von dort aus weiter über die kleinen Wege bis ich mich in Sichtweite der Gletscher befand.

Vor mir öffnete sich das Hochtal und leuchtete in schönsten Herbstfarben. Die Borgne de Ferpècle mit ihrem klaren, blauen Wasser blieb vorerst hinter langsam gelb werdenden Baumgruppen versteckt. Die Dent Blanche und die umliegenden Eisfelder waren bereits gut sichtbar, die Sonne war noch nicht besonders weit aufgestiegen. Sie schien knapp über die Berggipfel hinunter ins Tal vor mir.

Herbstwald im Val d'Hérens

 

Wenige Zeit später wurde das Rauschen des Wassers lauter, und der Fluss tauchte zwischen den Bäumen auf. Mir war sofort klar: Ohne eine Aufnahme von diesem Ort würde ich nicht nach Hause gehen. Ich schaute während eines Moments das fliessende, klare Wasser an, bevor ich mich wieder auf den Weg machte. Mein Ziel war zuerst die grosse Schwemmebene oben am Fusse des Mt. Miné.

Mont Miné und Borgne de Ferpècle

 

Dort angekommen, setzte ich mich auf das einzige Mauerstück weit und breit, und bereitete die Drohne vor. Vor mir verbreiterte sich das Flussbett enorm, und der noch junge Fluss bahnte sich seinen Weg durch das Geröll und die Sandbänke.

Schon kurz nach dem Abheben wurde mir klar, dass ich mit der Steuerung problemlos zu recht kommen würde. So konnte ich mich direkt darauf konzentrieren, die gewünschten Aufnahmen zu machen. Langsam liess ich die Drohne höher steigen, um diese wohlbekannte Umgebung erstmals aus einem völlig anderen Blickwinkel zu sehen.

Die folgenden drei Fotos sind lediglich aus den Videoaufnahmen entnommen, daher eine etwas geringere Qualität.

Schwemmebene vor dem Mont Miné

Borgne de Ferpècle

Ein kleiner Damm

 

Ich suchte nach interessanten Motiven – erstmals für eine Kamera, die ich nicht in der Hand zu halten brauche und an Orte kann, die ich anders niemals erreichen würde. Nachdem ich einige Aufnahmen auf der Speicherkarte hatte, entdeckte ich am gegenüberliegenden Ufer etwas besonders beeindruckendes: Ich wusste zwar, dass die Fläche auf der anderen Flussseite vollkommen mit Moos und Flechten bewachsen war. Doch inzwischen war diese Fläche zu einem Meer aus Wolle geworden.

Junge Lärche

Unzählige weisse, wollige Samenstände erzeugten einen Anblick, den ich so nicht erwartet hatte. Mit der fliegenden Kamera konnte ich zwar bereits einen ersten Blick von der anderen Seite erhaschen, doch ich wollte unbedingt da hinüber. Also packte ich meine Sachen zusammen und begab mich auf die andere Seite des Flusses, hinein in dieses flauschig aussehende Meer.

DJI Phantom 3 Pro mitten in der Natur

 

Der von den Gletschern herabströmende Wind war keine Überraschung, der war mir bereits bekannt. Hier war kein feiner Sand mehr zu sehen. Dafür lag hier soweit das Auge reichte Schutt und Kies.

Dent Blanche und Herbstbäume

Herbstliche Verfärbung

Die Sonne schien inzwischen ungehindert vom Himmel, und es wurde deutlich wärmer. Gleichzeitig wurde es auch schwieriger, auf dem Display irgendwas zu erkennen – es wurde zwischenzeitlich enorm hell.
… und plözlich begannen meine Augen zu brennen. Sonnencreme in den Augen ist keine so angenehme Sache – erst recht nicht, wenn sich die Drohne im selben Augenblick meldet, dass der Akku bald leer sei. Mit nur einem offenen, aber stark zusammengekniffenen Auge holte ich die Drohne zurück zu mir. Der Akkustand sank erschreckend schnell, ich wollte sie an Ort und Stelle landen. Ich hatte keine Geduld für irgendwelche selbstständigen Rückflüge zum Startplatz, meine Augen wollten abgewischt und die Drohne gelandet werden.

Mir blieb nichts anderes übrig, als sie  einäugig vor mir auf einer kleinen Sandbank zu landen. Währenddessen tränten die Augen, als wollten sie dem Fluss neben mir Konkurrenz machen. Kaum stand das Ding sicher gelandet vor mir, hörten sie jedoch sofort auf zu tränen – als hätten sie es genau gewusst und nur darauf gewartet.

Der Nachmittag verlief ruhig. Ich suchte nach spannenden Plätzen, sparte den letzten Akku der Drohne und wartete auf den Abend. Das Wetter war noch nicht abzuschätzen – ständig zogen neue Wolken auf. Mal dichte Wolkenfetzen, dann wieder nur leicht bewölkte Abschnitte. Also wartete ich ab und stellte die Kamera für ein paar Time Lapse Aufnahmen auf… Und schaute den Schatten zu, wie sie langsam immer länger wurden und die eine Talseite bereits vollkommen im Schatten lag.

Die Bewölkung wurde wieder dichter. Inzwischen zogen sonnige Flecken durch das Tal hindurch und beleuchteten mal hier, mal da eine kleine Fläche, die jeweils hell erstrahlte. Ich genoss das Schauspiel, bis sich eine Gruppe Touristen ziemlich genau vor mir hin setzte. Selbstverständlich nachdem sie mich und die Kamera bemerkt hatten. Die Aufnahme war gerade erst in der Hälfte angekommen, wenn überhaupt. Das bedeutete maximal fünf Sekunden Material… Das reichte nicht. Noch weiter warten wollte ich nicht, das vermutlich beste Licht des Tages schien bereits wieder vorbei zu sein. Also packte ich meine Sachen in der Hoffnung, dass die eine oder andere Aufnahme wenigstens als eigenständiges Foto brauchbar sein würde. Und ich wurde nicht enttäuscht – daraus wurde sogar das für mich persönlich schönste Foto dieses Tages.

Mont Miné im Spotlight

Auf dem Rückweg wollte ich noch einmal am Fluss fotografieren – diesmal hatte ich eine Langzeitbelichtung im Sinn – mit den vorbeiziehenden Wolken und dem inzwischen milchig gewordenen Wasser.

Mont Miné, Langzeitbelichtung

 

Das funktionierte zwar, aber ich empfand das Ergebnis nicht als so interessant wie erhofft. Das Wetter war mir zu unsicher, ich wollte nicht bis zum späten Abend warten und auf perfektes Licht im richtigen Moment hoffen. Durchweg zufrieden und entspannt machte ich mich auf den Weg zurück zum Auto.

Die Rückfahrt war von goldenem Licht begleitet – und die letzten Sonnenstrahlen konnte ich über dem Genfersee sehen, bevor die Sonne endgültig hinter dem Horizont verschwand.

Sonnenstrahlen über Sion

Sonnenuntergang am Genfersee

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Val d’Hérens – ein erster Besuch

Ferpècle – zurück ans Ende des Val d’Hérens im Wallis

Val d’Hérens – Zwischenergebnis – Besuche für Time Lapse Aufnahmen

 

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