Abends bei den Gastlosen

Abends bei den Gastlosen

Der Tag begann mit Bodennebel, doch der Himmel darüber war klar. Und vermutlich sollte es der letzte schöne Tag werden. Daher beschloss ich, die verbleibenden Stunden bis zum Sonnenuntergang zu nutzen und zu den Gastlosen zu gehen.

Diesmal ging es mir vor allem um Drohnenaufnahmen, eigentlich… Ich wollte die Kamera in die Luft bringen, denn als ich vor kurzem bereits in der Gegend unterwegs war, konnte ich nicht alles machen, was mir vorschwebte. Also packte ich den Rucksack. Drohne, Stativ, Kamera, ein Ultraweitwinkelobjektiv und diverser Kleinkram fanden ihren Platz darin, und ich machte mich auf den Weg.

Unterwegs liess ich mein Smartphone im Auto laden, damit der Akku sicher halten würde. Und nach etwa einer Stunde Fahrt – mitten zwischen Felswänden und Wasserfällen – stieg ich aus dem Auto, packte das Smartphone ein und machte mich auf den Weg. Die ersten Kilometer führten mich in engen, scharfen Kurven weiter bergwärts. Vorbei an Wasserfällen und umgeben von nahezu senkrechten Felswänden – auch zu Fuss ein beeindruckender Weg…

Einige Kurven und zwei in den Fels gehauene Tunnel später, war ich beim Parkplatz angelangt. Bis hier hin hätte man fahren dürfen, aber ich zog es vor, die letzten Kilometer zu Fuss zurückzulegen. Keine Probleme mit entgegenkommenden Fahrzeugen, jederzeit anhalten und über den Abhang hinunterschauen – die Entscheidung war einfach.

Doch dann fiel mir etwas ein. Für einen kurzen Augenblick hatte ich es ganz deutlich vor Augen – das weisse USB-Kabel auf dem Beifahrersitz… Das eigentlich in meinem Rucksack hätte sein sollen. Ich konnte die Drohne doch nicht blind fliegen und dabei auch noch eine ansehnliche Bildkomposition hinbekommen… Geschweige denn überhaupt die besten Kameraeinstellungen. Doch dieses Kabel befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits in unerreichbarer Ferne und bewegte sich von mir weg. Was also tun? Ich hatte immerhin noch die Kamera mit dabei. Also entschied ich mich dazu, einfach nur ganz konservativ vom Boden aus zu fotografieren, vom Stativ aus.

Und von da begann der eigentliche Aufstieg. Anfangs noch asphaltiert, endete das schon recht bald, während der Weg steiler wurde… Und sich Hügel für Hügel die Berge hinaufschlängelte. Es wurde kühler, doch da ich mich beeilte, spürte ich davon überhaupt nichts.

Blick zurück zum Chalet du Soldat und Wolfs Ort

Oben auf dem Col de la Gueyre angelangt, war ich fast am Ziel. Vor mir öffnete sich ein weiteres Hochtal. Und der Blick hinüber zum Vanil Noir, dem höchsten Berg im Kanton Freiburg, wurde frei. Ich befand mich inzwischen auf 1724m, doch zwischen mir und dem als Ziel auserwählten Hügel lagen noch etwa 150 Höhenmeter. Ich wollte weiter hoch, denn noch war die Kette der Gastlosen links von mir hinter dem Hügel versteckt.

Es folgte eine wundervolle Passage auf einem Weg mit grandioser Aussicht….

Höhenweg zwischen Gastlosen und Vanil Noir

Blick hinunter ins Vallée du Gros Mont

… und dann, hinter der letzten Kurve, wurde die Sicht auch auf die Gastlosen und die unzähligen Berge rundherum sichtbar. Der Dunstschleier in der Luft führte zu herrlichen Abstufungen in der Ferne und zu sichtbaren Sonnenstrahlen, während sich die Sonne langsam senkte. Ich folgte dem kleinen Höhenweg auf dem Grat und suchte nach einer geeigneten Stelle für ein Foto. Die Sonne wärmte mich und die Umgebung noch, doch ich durfte mich nicht täuschen lassen – überall lag noch Restschnee und Eis.

 

Aussicht nach Süden

 

Kleiner Gratweg bei den Gastlosen

Nach einigen Ortswechseln fand ich einen Blickwinkel auf die Gastlosen und die Berge der weiteren Umgebung, der mir gefiel. Und so machte ich es mir auf einem Stein gemütlich, während sich ein Krähenpaar ganz in meine Nähe setzte und ebenfalls der untergehenden Sonne zuschaute. Minutenlang herrschte Stille, und kaum war die Sonne hinter den Bergen verschwunden, kam – wie erwartet – die Kälte zurück.

Die Bewölkung war sehr interessant und hätte eigentlich viele kräftige Farben in den Himmel zaubern können, doch die Wolken im Westen waren zu dicht. Schon bald wurde aus den anfänglichen Pastelltönen einfach graue Wolkenschleier.

 

Sonnenuntergang bei den Gastlosen

 

 

Sobald ich zum letzten Mal auf den Auslöser drückte, packte ich meine Sachen wieder zusammen und machte mich auf den Rückweg. Vor mir lagen etwa acht Kilometer Weg… Und mir war klar, dass ich sicherlich die Hälfte der Strecke bei Dunkelheit zurücklegen müsste, selbst wenn ich mich wirklich beeilte. Und das tat ich. Ich beeilte mich, um noch möglichst viel Weg zurücklegen zu können, ohne eine Lampe einschalten zu müssen.

Doch plötzlich… Kroch der Mond über die Bergspitzen und spiegelte sich im Wasser des kleinen Baches, der sich durch die Ebene schlängelte. Im immer schneller verschwindenden Restlicht stellte ich hastig die Kamera auf, um wenigstens noch einen Eindruck dieses Momentes festzuhalten, bevor ich mich wieder auf den Weg hinab machte.

Eine Erinnerung für einen weiteren Besuch…

Mondaufgang über den Gastlosen

Kurz darauf erreichte mich die Dunkelheit, und ich sah zwei Lichtlein durch den Wald vor mir hüpfen. Die letzten beiden Wanderer, die zum letzten Auto auf dem Parkplatz gehörten… Der vor wenigen Stunden noch völlig überfüllt war.

Irgendwann waren sie hinter mir verschwunden, vermutlich waren sie zu ihrem Auto gegangen und machten sich bereit für die Heimfahrt. Ich folgte weiter dem inzwischen wieder asphaltierten Weg. Der Mond schien noch nicht bis in diese enge, baumreiche Schlucht hinab, die Dunkelheit umgab mich vollständig. Und irgendwann wurde hinter mir Scheinwerferlicht sichtbar.

Das waren sie nun also, die letzten Menschen hinter mir. Und sie fuhren an mir vorbei, nach Hause. Als das Scheinwerferlicht verschwand, wurde mir klar: Ich war jetzt der letzte hier oben, weit und breit nur Natur und kein Mensch mehr hinter mir. Nur Dunkelheit, Wälder, Felsen und Tiere. Und vor mir… Das selbe. Wald, steile Felswände und der Weg, der sich dazwischen hindurchschlängelte.

Still und leise folgte ich dem Weg weiter durch den Wald, Kurve um Kurve, bis ich irgendwann wieder Berge sah. Die Bäume waren kurzzeitig verschwunden, und vor mir befand sich eine kleine Abzweigung. Der Mond stand inzwischen deutlich höher, und so nutzte ich die Gelegenheit, um das letzte Foto des Tages zu machen.

 

Sterne im Mondlicht

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.