Fotografen und Knipser – zwischen Emotionen und Technik

Fotografen und Knipser – zwischen Emotionen und Technik

“Ohgott, schon wieder so ein grässliches Foto ohne Stil!”

Die Qualitätsunterschiede von Fotos auf Social Media fallen jedem Menschen auf, der auch nur wenige Minuten auf solchen Plattformen verbringt. Und schnell kommt die Frage auf, warum ein qualitativ “schlechtes” Foto so viele Likes ansammeln kann, während “wirklich gute” Fotos völlig versinken. Ein Phänomen, das für viel Frust und Resignation sorgen kann, wenn man sich des Wirkmechanismus im Hintergrund nicht bewusst ist. Auf genau diesen möchte ich in diesem Beitrag genauer eingehen, um einen der wohl prominentesten Fallstricke in sozialen Medien zu entschärfen.

Dazu möchte ich anmerken, dass ich Knipser nicht als abwertende Bezeichnung nutze, sondern lediglich um eine klare Abgrenzung zu haben. Knipsen ist nämlich nichts verkehrtes, oder schlechtes… Und auch gar nicht mit dem Fotografieren zu vergleichen. Das ist, als würde man Gräser und Bäume miteinander vergleichen wollen. Aber das wird sich hoffentlich im Verlauf dieses Beitrags von selbst erklären.

 

Der Fotograf

Ein Fotograf – völlig egal ob hobbymässig oder beruflich – möchte natürlich, dass seine Werke ernst genommen werden. Er möchte etwas damit ausdrücken und macht sich Gedanken darüber, was er mit einem Foto zeigt. Er wird sich auch Gedanken darüber machen, wie er es zeigt. Und er ist sich vieler Wirkprinzipien bewusst, kennt den goldenen Schnitt, kennt die Drittelregel, weiss um die Wirkung von diagonalen Linien und Vordergründen Bescheid. Schlussendlich nutzt er all diese künstlerischen “Regeln”, um dem Betrachter etwas ganz bestimmtes zu zeigen und seinen Blick zu lenken.

Der Fotograf denkt bewusst daran, und plant ein Foto zum Teil lange im Voraus. Er nutzt vielleicht hilfreiche Apps um die Position des Mondes, der Sonne oder der Milchstrasse genau einschätzen zu können. Er wird auch gewisse Strapazen auf sich nehmen, um überhaupt an die gewünschten Orte zu gelangen.

Der Druck auf den Auslöser ist lediglich ein kleiner Teil seiner Arbeit. Die meiste Zeit verbringt er bei der Planung und/oder danach bei der Nachbearbeitung des Materials. Oder aber auch dabei sich selbst weiterzubilden, indem er sich Videos und Artikel auf Youtube und Blogs ansieht.

 

Deswegen wird der Fotograf ein Foto nach ganz anderen Kriterien bewerten, als jemand, der mit der Fotografie überhaupt nichts zu tun hat. Sein geschultes Gespür für Ästhetik und für all die Regeln und Wirkprinzipien der visuellen Kunst wird folglich eine wichtige Rolle bei der Beurteilung eines Fotos einnehmen. Er wird die Wirkung des Fotos, dessen Aussage und Qualität beurteilen und nach ganz anderen Gesichtspunkten bewerten, als eben ein Knipser. Sein Interesse gilt der Aussage des Fotos, der einzelnen Bildkomponenten und deren Zusammenspiel. Er wird Grashalme am Bildrand entdecken, die das Gesamtbild stören und Konflikte erzeugen. Und genau so wird er helle und dunkle Bereiche in Fotos sehen, die den Blick des Betrachters entweder zum Motiv hin oder davon weg ziehen.

Als Beispiel mal folgendes Foto, das ich im Val d’Hérens gemacht habe. Zu sehen sind die Pyramides d’Euseigne.

Pyramides d'Euseigne

Als Fotograf möchte ich dem Betrachter (und ein Betrachter bin auch ich, sobald das Foto an der Wand hängt oder im Internet zu sehen ist) etwas mitgeben. Ich will die Emotionen nicht aus “Oh das war so schön dort!”-Erinnerungen holen, sondern sie direkt selber erzeugen. Das Licht spielt mit der Wahl des Blickwinkels eine der wichtigsten Rollen. Stimmt das Licht nicht, werde ich einen Ort auch nicht fotografieren. Dafür nehme ich dennoch eine lange Anfahrt in Kauf. Auch dann, wenn ich ohne Foto in der Hand wieder nach Hause zurückkehre.

Ich werde mich darum bemühen, qualitativ das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Die Schärfe muss stimmen – sie ist mir als Stilmittel völlig klar. Die Farben müssen stimmen – die Wirkung von kalten und warmen Farben ist mir bewusst. Und auch die Formen, folglich die Wahl des Blickwinkels spielen eine wichtige Rolle. Fast alle Bildkomponenten sind nur deswegen so, weil ich sie als Fotograf so haben wollte.

Und wenn ich ein Logo oder meinen Namen mit auf das Foto packe, dann möchte ich dabei nicht die Bildwirkung zerstören. Mir wird bewusst sein, wie sehr Text in einem Bild ablenkt und den Blick des Betrachters auf sich zieht. Wenn, dann wähle nutze ich sowas als Branding. Ich möchte damit dem Betrachter ermöglichen einen Bezug zu mir, dem Fotografen hinter dem Foto herzustellen.

Als Fotograf werde ich versuchen, immer bessere Fotos zu machen. Ich werde Problemstellen in meinen bisherigen Fotos sehen, mir Gedanken darüber machen, wie ich was wann besser machen könnte.

 

Der Knipser

Der Knipser hingegen… Ist kein Fotograf. Er kennt die Drittelregel nicht, ihm ist der Dynamikumfang egal und die Bildqualität ist zweitrangig. Ist das Foto unscharf, dann ist das selten ein Weltuntergang. Und mehr als eine Minute wird er vermutlich nicht mit der Suche nach einem geeigneten Blickwinkel verbringen. Er wird sich nicht hinknien um einen schicken Vordergrund im Bild zu haben oder mit dem Motiv auf Augenhöhe zu sein, und… Vermutlich am entscheidendsten: Er wird nicht wegen des Fotos einen Ausflug machen, sondern wegen des Ausflugs ein Foto.

Das Foto dient ihm als Erinnerungsträger, wird emotional bewertet. Ein Foto ist für ihn dann gut, wenn es für ihn einen gewissen Wert hat. Das kann eine Erinnerung sein (Na, wieviele von euch haben wohl verwackelte Familienfotos, die sie trotzdem lieben, weil nicht die Qualität, sondern einzig und allein der Inhalt entscheidet?), oder auch einfach eine ausgelöste Emotion. Der Fotograf wird jetzt sicherlich denken: Ja, selbstverständlich. Stark gesättigte Farben, hohe Kontraste, emotionale Motive. Ein Auge wird immer eher zu den hellen Bildbereichen gehen, als zu den dunklen. Ganz egal ob das Auge einem Fotografen gehört, oder einem Menschen der keine Ahnung von Fotografie hat. Doch der Knipser reagiert vermutlich noch viel stärker auf diese grundlegenden Wirkprinzipien visueller Kunst, weil sie bei ihm direkt wirken. Er wird nicht darüber nachdenken und sie bewusst betrachten.

Dafür möchte ich noch einmal einen Blick auf die Pyramiden von Euseigne werfen.

Pyramides d'Euseigne

Ist dieses Foto nun also grottenschlecht und eine Katastrophe, eine Beleidigung für die Augen des Betrachters und… Müll? Nein, nicht wirklich.

Der Knipser wird sich über ein solches Foto freuen. Und ich bin mir sicher, viele andere Menschen werden auch diesem Foto in sozialen Netzwerken ein Like schenken. Warum? Weil es dem Knipser nicht darum geht, wie etwas fotografiert wurde, sondern was.

Der Fotograf denkt sich vermutlich: “Ohgott diese Bildqualität, und dann noch dieser schreckliche Schriftzug! Und die Farben! Mein Gott wie kann man sowas nur veröffentlichen? Schämt sich die Person denn nicht? Hat sie denn kein Interesse daran, besser zu werden oder wenigstens auch nur zu versuchen das bestmögliche zu machen? Das KANN nicht das bestmögliche Resultat gewesen sein!”

Der Knipser hingegen…: “Oh wow die Pyramides d’Euseigne! Es war so schön im Val d’Hérens! Ich kann mich noch gut an die Kurven erinnern. Und weiter hinten gab es noch weitere Pyramiden, aber nicht direkt an der Strasse. Viele Bäume hatten noch gar keine Blätter, obwohl unten im Tal schon die Obstbäume blühten”

Keine Sekunde verschwendet er seine Gedanken an Bildkomposition oder Farbe… Noch nicht einmal die Schärfe interessiert ihn. Das sind alles Dinge, die für ihn nicht relevant sind. Auf beiden Fotos sieht man das, was für ihn zählt: Die Pyramiden, und die damit verbundenen Emotionen/Erinnerungen. Er sieht nicht, dass das Bild schief ist. Aber er hört das Gemecker der Kinder, die nicht mehr im Auto sitzen mögen. Er ignoriert die Unschärfe, und denkt dabei daran, was er während des dortigen Aufenthalts erlebt hat.

Und wenn der Knipser seinen Namen und/oder einen Copyrighthinweis auf das Foto klebt, dann will er damit primär ebendiese Emotionen festhalten… Zeigen, dass es seine sind. Es ist ihm egal, ja sogar recht, wenn der Text relevante Bereiche überdeckt. Denn dann kann man es ihm nicht wegnehmen und für ihn sind die Emotionen nach wie vor abrufbar.

Während ein Fotograf sich zu verbessern versucht, wird es dem Knipser vermutlich völlig egal sein, wie gut er aus technischer Sicht ist. Weil für seine Zwecke wird er gut genug sein, und das ist es, worauf es ankommt.

 

Birnen und Äpfel, Social Media Fruchtsalat

Ist man sich dessen bewusst, wird man feststellen, dass das zwei völlig andere Ansätze sind. Bei beiden entsteht schlussendlich ein Foto, aber dieses wird aus anderen Gründen gemacht und auf einer völlig anderen Ebene bewertet. Ein aus künstlerischen Gesichtspunkten schlechtes Foto kann dennoch erfolgreich sein, wenn es beim Betrachter Emotionen oder Erinnerungen hervorholt. Es wird auf einer gänzlich anderen Ebene bewertet. So kann ein derartiges Foto dennoch viele Likes erhalten, obwohl es auf einer anderen Betrachtungsebene schlecht ist.

Und genau so schnell kann ein technisch einwandfreies Foto in der Versenkung verschwinden, wenn es ihm an Emotionalität und Berührung des Betrachters mangelt. Die Schärfe kann perfekt sitzen, auch die gesamte Arbeit vor und nach dem Druck auf den Auslöser kann technisch einwandfrei sein. Das wird der breiten Masse (die primär aus Knipsern besteht –> Foto wegen Emotionen, nicht bewusst erzeugte Emotionen durchs Foto) aber nichts bringen, wenn es sie nicht anspricht… Keine Erinnerung hervorholt, kein (positives) Gefühl erzeugt.

Immer wieder prallen diese völlig unterschiedlichen Herangehensweisen aufeinander und erzeugen Spannungen und Streitereien – und zwar in beide Richtungen. Während die einen den anderen Faulheit oder Ignoranz vorwerfen und deren Fotos aus ihrer Sicht als Mist bezeichnen, werden die anderen wiederum als Miesmacher und nie zufriedene Nörgler bezeichnet, weil sie überall herummeckern. Und was bleibt, sind im schlimmsten Fall unüberbrückbare Differenzen… Einfach weil keiner verstanden hat, dass hier zwei “Weltanschauungen” aufeinandertreffen, die nur am Rande miteinander zu tun haben. Nicht jeder der Musik macht, macht die selbe Musikrichtung.

Was bringt mir das? Emotionen > Technik?

Dieser zwei völlig unterschiedlichen Betrachtungsweisen muss man sich bewusst sein. Ansonsten wird man sehr schnell abrutschen und negative Gedanken entwickeln, die einem selbst lediglich schaden. Es gibt keinen Grund, sich darüber aufzuregen. Man wird erkennen, dass solche Fotos gewisse Eigenschaften haben müssen, die von der breiten Masse als attraktiv empfunden werden. Und genau an dem Punkt beginnt die Sache von Nutzen zu sein. Wenn ich mir dessen bewusst bin, kann ich aktiv nach den Gründen dafür suchen, warum ein “schlechtes” Foto erfolgreich ist. Und habe ich diese “Ohgott ist das schlecht!”-Gedankenwelt erst einmal verlassen habe, dann bin ich vielleicht in der Lage, etwas ganz wichtiges von einem Knipser zu lernen:

Dass die emotionale Seite eines Fotos für viele deutlich wichtiger ist, als der technische Aspekt. Es ist völlig egal mit welcher Kamera wir die Fotos machen. Die ganzen Einstellungen sind für viele irrelevant. Die Technik dahinter kann enorm aufwändig und ausgefeilt sein… Es wird niemanden interessieren, wenn man das wichtigste eines Fotos aus den Augen verliert: Die Emotionen, die Wirkung. Viele Knipser gehen damit viel entspannter um als die meisten Fotografen – ihnen ist das Technische oftmals ganz einfach egal, solange die Emotion/Erinnerung erhalten bleibt.

Man kann viel entspannter durch die Social Media Welten gehen, wenn man sich nicht über jedes “schlechte” Foto mit vielen Likes aufregt, sondern es als das akzeptiert, was es ist: Ein Foto, das Menschen mit anderen Bewertungskriterien gut gefällt. Nicht mehr, und nicht weniger. Es gibt Menschen die lieben ihr Essen wegen des Geschmacks, während es egal ist, wie es angerichtet ist. Akzeptiert man diese andere Herangehens- und Betrachtungsweise als gleich wichtig, aber eben anders, dann werden solche unangenehmen Situationen wie eingangs beschrieben zurückgehen… Und möglicherweise gänzlich verschwinden. Dafür kehrt ein Stück weit mehr Ruhe in die eigene Gedankenwelt ein, während man sich auf Facebook & co. bewegt. Und das… Kommt schlussendlich jedem zugute.

 

One Reply to “Fotografen und Knipser – zwischen Emotionen und Technik”

  1. Ich finde es ist eine sehr gute Betrachtungsweise. Man, bzw. ich bin oft zu schnell mit meinem Urteil.
    Es ist echt von großem Nutzen aus verschiedenen Perspektiven eine Sache zu betrachten.
    Gruß Reinhold

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