Eiszeit am Neuenburgersee

Eiszeit am Neuenburgersee

Als vor einigen Tagen die kalte Kontinentalluft aus dem Norden durch die Schweiz fegte, mischte der Wind die Seen auf und liess die Wellen an den Ufern gefrieren. Durch die Nähe zum Neuenburgersee war mir klar, wo ich einen geeigneten Platz suchen würde. Und dank einer frisch entdeckten Webcam war mir der genaue Ort auch bald schon klar. Am Nachmittag begab ich mich in die Nähe von Yvonand an den See – ich wollte mal wieder einen neuen, bisher noch unbekannten Ort besuchen. Und nicht immer nur die altbekannten Stellen.

Vor Ort angelangt, begrüsste mich ein garstiger Wind. Der Kiefernwald um mich herum rauschte ziemlich laut und die Baumwipfel schaukelten im Wind. Noch war ich ihm, hier im Schutze des Waldes, nicht ganz ausgesetzt. Doch weiter vorne sah ich zwischen den Bäumen bereits das eisige Ufer im Sonnenlicht glitzern.

Ich folgte dem Weg über den menschenleeren Campingplatz. Und je näher ich dem Ufer kam, desto surrealer wirkte der Anblick. Völlig vereiste Steine, skurrile Eiszapfen die vom Boden emporwuchsen, vereiste Sträucher, Pfannkucheneis, das auf den Wellen schaukelte… Und weiter draussen dem Asteroidengürtel gleich ein Gürtel aus Eisschollen, welche die Intensität der Wellen etwas abschwächte und dazu führte, dass die hohen, peitschenden Wellen weiter draussen das Ufer nur noch als geglättete Wellen erreichten.

Ich versuchte mein Glück auf dem erstbesten Steinhaufen und suchte einen Weg über die zum Teil vollkommen vereisten Steinblöcke, um näher ans Wasser zu kommen. Mitten in diesen Steinblöcken ohne wirklich guten Halt stellte ich fest, dass der Baum im Weg war. Und eine vernünftige Bildkomposition war auch schwierig zu finden. Mir gefielen zwar die Eisstrukturen, aber ich entdeckte keine für mich brauchbare Struktur darin. Also machte ich mich wieder auf den Weg zurück. Langsam und vorsichtig, jeden Schritt genau vorausplanend und darauf hoffend, dass ich nicht ausrutsche und mir irgendwas breche. An Steigeisen oder etwas vergleichbares dachte ich natürlich nicht, als ich zuhause meine Sachen packte. Wer hätte denn schon ahnen können, dass ich am Neuenburgersee einen Weg zwischen steilen Steinblöcken und Eis finden müsste…

Weiter dem Ufer folgend, war ich auf der Suche nach einem besseren Platz.

Der Wind trieb die Eisschollen zusammen und drückte sie ans Ufer, wodurch seltsame Strukturen entstanden… Fast als seien die Wellen am Ufer blitzartig eingefroren und mitten in ihrer Bewegung erstarrt. Und überall waren immer wieder aufragende Eiszapfen zu sehen. Herrliche Gebilde.

Etwas weiter wurde ich dann fündig. Die Steinblöcke waren einfacher zu begehen und das Eis sah deutlich strukturierter aus. Mir gefiel der Ort, also machte ich mich auf die Suche nach dem genauen Standpunkt des Stativs.

Doch damit sich das Stativ nicht verschiebt, musste ich es auf dem rutschigen Untergrund befestigen. Nachdem ich drei kleine Löcher für die Stativbeine ins Eis geschlagen hatte, konnte es stabil stehen. Auch trotz des starken Windes, der nach wie vor herrschte.

Nachdem die Kamera auf dem Stativ war, der Fernauslöser befestigt und der ND-Filter montiert, setzte ich mich daneben auf eine bequemere Stelle… Und schaute den Wellen zu. Der eiskalte Wind blies um mich und die Kamera herum, doch ich spürte nicht viel davon. Die Kleidung hielt dem Wind und der Kälte hervorragend stand. Einzig die Finger kühlten äusserst schnell aus, sobald ich sie mal kurz aus den Handschuhen holte. Eine halbe Minute reichte bereits aus, damit sie vor Kälte schmerzten. Aber dafür gibt es ja Handschuhe.

Teils sitzend, teils liegend und manchmal kurz stehend verbrachte ich die Zeit, bis die Sonne langsam unterzugehen schien. Ich sass vermutlich über eine Stunde dort, und schaute einfach nur dem Wasser, den Wolken und dem Eis zu. Und dann… War für einen kurzen Augenblick genau das erhoffte Licht da. Die Sonne schaffte es ein letztes Mal, zwischen den dichter werdenden Wolken hindurchzuscheinen. Und die skurrile Eiswelt vor mir begann ein letztes Mal zu leuchten.

 

Ich blieb noch einige Zeit stehen und beobachtete das Geschehen, in der Hoffnung, dass sich die Sonne vielleicht noch einmal zeigen würde. Doch sie blieb hinter den Wolken versteckt… Und die Bewölkung nahm zu. Es wurde grau und düster.

Dann, nachdem die Sonne weg war und die Bewölkung dichter wurde, begab ich mich auf den gefrorenen Eisgürtel am Wasser. Ich versuchte mein Glück noch an dessen Rand, in der Hoffnung, da noch eine Aufnahme mit den pfannkuchenartigen Eisschollen machen zu können. Und tatsächlich, vor mir befand sich ein grosser Einschnitt im Eisgürtel… Und sogleich stellte ich meine Kamera noch ein letztes Mal auf, bevor ich mich wieder auf den Weg nach Hause machte, und den See hinter mir liess.

Einen Tag später wurde das ganze Eis unter einer dicken Schneeschicht begraben.

 

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