Auf dem Seegrund – der Greyerzersee im Frühjahr

Auf dem Seegrund – der Greyerzersee im Frühjahr

Als vor 70 Jahren die Staumauer in Rossens die Saane zu stauen begann, wurde der Greyerzersee (Lac de la Gruyère) geboren. Vieles versank unter dem steigenden Wasserspiegel. Über zehn Brücken, ein altes Stauwehr, über 60 Häuser, viele Bäume… Doch wenn im Frühjahr der Wasserstand sinkt, um das Schmelzwasser aufnehmen zu können, taucht vieles wieder auf.

Dann werden versunkene Erinnerungen wieder zu Tage befördert. Und die Saane erhält ein grosses Flussbett, durch das sie für einen kurzen Moment im Frühling frei mäandern kann. Es entsteht eine faszinierende, leere Landschaft im Herzen des Kantons Freiburg, die man sonst an der Stelle des Greyerzersees kaum erwarten würde.

 

Während der Schnee des vergangenen Winters noch in den Bergen lag (und immer noch liegt), sank der Seespiegel immer weiter ab. Auf der Suche nach eher unbekannten Blickwinkeln in der Umgebung, machte ich mich auf den Weg zum See. Schon vor einigen Jahren war ich an diesem Ort, doch damals war es warm und der Boden ausgetrocknet. Ganz anders als in diesem Jahr. Teilweise war der mit Rissen übersäte, trockengelegte Seeboden noch gefroren, rau durch den Reif und gleichzeitig weich durch den regelmässigen Niederschlag. Und diesen ungewohnten Anblick wollte ich unbedingt fotografisch festhalten.

 

In Morlon angekommen, begrüsste mich die erhoffte Leere. Der Greyerzersee war vollständig zurückgewichen in diesem oberen Seedrittel. Vor mir breitete sich eine unerwartet flache Ebene aus… Und irgendwo darin schlängelte die Saane entlang. Aufgeteilt und in unzähligen Armen entlangfliessend, war inzwischen auch die Wassertiefe deutlich geringer. So war ein Durchschreiten des Wassers kein Problem mehr. Mir begegneten zwei durchnässte Belgier, die sich mit aufblasbaren Schwimmringen auf einem Seitenarm der Saane entlangtreiben liessen – die Kälte schien ihnen völlig egal zu sein. Es ist immer wieder faszinierend, was für unterschiedliche Menschen man unterwegs so trifft, während man “nur” ein paar Fotos machen möchte.

Ich machte mich auf die Suche nach interessanten Blickwinkeln. Irgendwo befanden sich alte Baumstümpfe, das wusste ich noch. Aber waren sie auch fotogen und würden ein funktionierendes Foto ergeben, so wie ich es mir vorstellte? Der Weg zu den erhofften Blickwinkeln wurde etwas länger, zugleich aber auch erfolgreicher als ich erhofft hatte.

 

Mein erster Besuch war eine relativ nasse Angelegenheit. Der Seeboden war durchweg feucht. Zäh klebte er mir an den Stiefeln, und liess sich erst im fliessenden Wasser der Saane lösen. Es war später Nachmittag und die Wolken hingen tief… Wie schon seit Tagen. Mir ging es darum, vor Ort nach interessanten Blickwinkeln Ausschau zu halten. Bei diesem Wetter war es ohnehin unmöglich, die Bilder in meinem Kopf zu verwirklichen.

Nach einiger Zeit fand ich, wonach ich gesucht hatte: Baumstümpfe, die sonst immer von Wasser bedeckt sind, mitten in einem schier endlosen Meer aus gerissener, trocknender Erde. Und sonst nichts.

Zufrieden und mit ein paar guten Ideen mehr machte ich mich zurück auf den Heimweg. Ich wollte nicht auf die Dämmerung warten, und es war bereits 18h.

 

 

Ein paar Tage später wurde das Wetter unerwartet besser. Über dem Jura schwanden die Wolken zusehends, und auch die Wolkenfetzen über den freiburger Voralpen wurden stetig kleiner. Morgens hatte es noch geschneit, und die Temperaturen blieben unter dem Gefrierpunkt. Ich erhoffte mir davon einen etwas anders strukturierten Boden und eine klare Nacht mit freier Sicht auf die Sterne, deswegen machte ich mich wieder auf den Weg zum Greyerzersee.

Die Sonne war gerade im Begriff hinter den Hügeln rund um den Gibloux zu verschwinden, als ich über den inzwischen gefrorenen Seeboden ging. Diesmal blieb nichts an den Schuhen haften. Und die Kälte fror den Boden aus, wodurch an den Erdschollen weisse, raue Ränder aus kleinen Eiskristallen wuchsen. Bei eisigem Wind und sinkenden Temperaturen wartete ich vor einem uralten Baumstumpf auf die Dämmerung, bis ich das erhoffte Licht tatsächlich erwischte.

Das letzte, weiche Licht aus Westen beleuchtete die Erdschollen, während der Himmel langsam die Farbe verlor und tiefblau wurde.

Auf dem Rückweg entdeckte ich eine kleine Flussbiegung, die meine Aufmersamkeit erregte. Die Saane frass an dieser Stelle den Seeboden weg, und es entstand eine interessante Kurve. Doch um sie zu fotografieren, war es bereits zu dunkel. Der Mond war schon fast verschwunden und die Nacht hereingebrochen. Also entschied ich mich, später wieder an diesen Ort zurückzukommen und es an einem anderen Tag zu versuchen. Doch für die nächsten Tage war wieder nur ein vollständig bewölkter Himmel und Niederschläge – teils Regen, teils Schnee – vorhergesagt.

 

Ein paar weitere Tage Später hatte ich abermals unverhofft Glück. Das Wetter entwickelte sich vollkommen anders als erwartet. Statt eine zunehmend dichte Wolkendecke geschah das Gegenteil. Es war nahezu windstill und die restlichen Wolken über den Voralpen wurden ebenfalls weniger. Also packte ich wieder meine Sachen und machte mich auf den Weg an den Greyerzersee.

Einige Zeit später traf ich wieder auf dem Parkplatz in der Nähe bei Morlon ein. Die Temperaturen waren diesmal wieder höher, und ich war noch vor Sonnenuntergang vor Ort. Wieder beeindruckte mich diese grosse Ebene mit der darin fliessenden Saane. Und in den letzten direkten Sonnenstrahlen machte ich vorab ein paar Fotos der Umgebung.

Mit ausreichend Zeit vor mir, suchte ich abseits des geplanten Blickwinkels weitere interessante Dinge. Es ist immer ein besonderes Gefühl, irgendwo in einem Gewässer zu stehen. Umso mehr, wenn es ein Fluss ist, und der Schnee noch nicht weit zurückgewichen ist. Doch durch die geringe Wassertiefe brauchte ich mir keine Sorgen über nasse Füsse zu machen.

 

Als ich mich ein wenig umgesehen hatte, baute ich die Kamera am gewünschten Ort auf. Und dann… Hiess es, auf die Dunkelheit zu warten. Ich liess die Kamera samt Rucksack stehen und drehte zu Fuss ein paar Runden auf dem wieder an den Schuhen klebenden Seegrund. Und als es langsam dunkler wurde und die Sterne hervor kamen, machte ich noch die letzten Aufnahmen, die ich an diesem Tag machen wollte.

 

Und mit den Sternen erwischte ich zum Schluss noch unerwartet einen Satelliten.

 

 

 

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