Vom Gantrisch an den Genfersee

Vom Gantrisch an den Genfersee

Die Regentropfen fielen auf die Oberfläche des Genfersees und wurden dabei von der untergehenden Sonne golden ausgeleuchtet. Es war angenehm warm und der Regen tat gut – kaum zu glauben, dass ich kurz zuvor noch bei geschlossener Schneedecke im Gantrisch zwischen Lawinenkegeln stand.

 

Schon seit einiger Zeit geistert ein ganz bestimmtes Foto durch meinen Kopf. An diesem Tag schien das Wetter gut, und ich wollte sehen, ob es sich bereits umsetzen lässt, oder in den Bergen noch zuviel Schnee liegt. Und so machte ich mich auf den Weg in den Regionalen Naturpark Gantrisch. In letzter Zeit war ich öfters dort unterwegs und erlebte das Wegschmelzen der Schneedecke und die zahlreich blühenden Krokusse. Doch diesmal wollte ich höher hinauf.

Wieviel und ob noch Schnee auf dem Morgetepass liegen würde, konnte ich von unten nur erahnen. Ich war nicht für eine Bergtour mit viel Schnee ausgestattet, ich liess es einfach darauf ankommen. Denn bei zuviel Schnee wäre es ohnehin nicht möglich gewesen, dieses eine Foto machen zu können.

Der Aufstieg begann recht gemütlich und führte mich am Gantrischseeli vorbei. Es war mit 17° überraschend warm, doch stellenweise lag noch viel Schnee… Und das Wetter machte es mir nicht einfach. Wolken krochen über die Berge vor mir, blauer Himmel war nur stellenweise vorhanden. Besser schien es auch nicht zu werden, im Gegenteil. Die Wolken schienen sich eher noch zu verdichten, und es war erst 15h.

 

An manchen Hängen konnte man die Überreste von Lawinen sehen – mindestens mannsgrosse Schneebrocken, die noch den höheren Temperaturen trotzten, während die dünnere Schneeschicht rundherum bereits verschwunden war. Langsam ahnte ich schon, was auf mich warten würde. Doch der kurze Zwischenstopp vor der Passhöhe – die eher flache Gegend um die Chummlihütte – war noch nicht einmal sichtbar. Ich rechnete damit, dass der Weg schon bald von einem alten Lawinenkegel versperrt werden würde. Dass ich ohne Schneeschuhe oder Steigeisen nicht mehr weiterkommen würde.

Doch der Weg schlängelte sich vor mir weiter hinauf. Schritt für Schritt wurde es kühler, und langsam wurden die Schneeflecken immer grösser. Schon bald würden sie sich vereinen und die Schneedecke vollständig geschlossen sein.

Vor mir tauchte ein eindrückliches Beispiel dafür auf, dass man den Schnee nicht unterschätzen sollte. Auch nicht in den “kleinen Bergen” nebenan. Die, die man gut kennt und daher eher dazu neigt, Gefahren zu unterschätzen. Da lag ein sicherlich drei Meter hoher Schneeblock auf meinem weiteren Weg. Welche Kraft dahinterstecken musste, ihn bis hier hin zu transportieren, kann man sich nur ansatzweise vorstellen. In so etwas möchte man nicht hineingeraten. Niemand.

 

Wie erwartet, die Schneedecke schloss sich schon vor Erreichen der Chummlihütte. Doch der Schnee war angenehm zu begehen, meine Schuhe reichten dafür völlig aus. Ich kam gut voran. Doch je höher ich stieg, desto dichter wurden die Wolken über mir. Dunkelgrau schlichen sie über den Pass; von hinten kommend und daher nicht vorhersehbar.

Ein erster Blick auf das letzte Stück des Anstiegs zum Morgetepass bestätigte meine Vermutungen: der letzte, entscheidende Abschnitt war noch vollkommen von Schnee bedeckt. Der im Winter angehäufte, stark überhängende Schnee brach während des Tauwetters ab und stürzte den Nordhang hinab… Und begrub dabei den Weg unter sich. Durch die Nordlage schmolz der Schnee auch eher langsam.

 

Der Weg war von erd- und steindurchsetzten Lawinenabgängen verschüttet. Auf skiern war der Aufstieg da kaum mehr möglich, ohne die Bretter stark zu beschädigen. Doch auch für gute Wanderstiefel wars nicht unbedingt optimal und die Ausrutschgefahr auf den letzten Metern sichtbar hoch. Ich setzte mich auf einen der wenigen, nicht schneebedeckten Flecken und beobachtete ein paar Wanderer, wie sie sich Schritt für Schritt vorwärtstasteten, konzentriert und sich der Absturzgefahr eindeutig bewusst.

Das Wetter schien sich tatsächlich zu verschlechtern, und ich rechnete nicht mehr damit, dass zum Sonnenuntergang das Licht gut und der Blick nach Westen frei sein würde. Doch jetzt war ich schon da oben, also versuchte ich es trotzdem, an die angepeilte Stelle zu gelangen. Nach einer kurzen Unterhaltung mit den beiden Wanderern war mir klar: Das dürfte an diesem Abend definitiv nichts werden, das Wetter schien nicht mitzuspielen. Aber immerhin blieben die vorhergesagten Gewitter aus.

Das Gelände wurde mit jedem Höhenmeter steiler, und inzwischen wurden stellenweise die Hände nötig, um weiter zwischen Geröll, Schnee und Erdschollen aufsteigen zu können. Und irgendwann krochen noch dunklere, dichte Wolken über mich hinweg. Es sah langsam nach Regen aus und das letzte Wegstück wollte ich nicht mehr auf mich nehmen, nur um kurz darauf verregnet zu werden und ohnehin das gewollte Foto nicht machen zu können.

 

Also drehte ich kurz vor meinem Ziel um. Der Sonnenuntergang lag noch in weiter Ferne. Zeit blieb also genug, um einen anderen Platz zu finden. Während des Abstiegs ging ich im Kopf einige Möglichkeiten durch, und blieb beim Genfersee hängen. Ich wusste zwar noch nicht genau wo genau ich schlussendlich stehen würde, aber das konnte ich in aller Ruhe unterwegs entscheiden.

In Vevey angelangt, hatte ich eine gute Sicht auf den Himmel und entschied mich dazu, mich in Villeneuve an den See zu stellen. Von dort aus hatte ich gleich mehrere Möglichkeiten: die Berge am gegenüberliegenden Ufer, die Ile de Peilz oder den kleinen Stegstummel direkt im Hafen.

Vor Ort angekommen, begrüsste mich das Ostufer des Genfersees mit einem wundervollen Anblick – Regenwolken zogen über die Berge hinfort, während der Westen völlig klar war. Die untergehende Sonne beleuchtete die Wolken von unten und die gesamte Szenerie leuchtete im goldenen Licht.

 

Die Regenwolken bewegten sich langsam auf mich zu, und plötzlich… Begann es zu regnen. Die Regentropfen fielen auf die Seeoberfläche und ein leises, allgegenwärtiges Rauschen wurde hörbar. Der Regen war mir egal, und der Kamera eigentlich auch. So stand ich da, mitten im Regenschauer, und schaute der untergehenden Sonne zu, während sie die gesamte Umgebung golden beleuchtete.

 

 

Kurz bevor die Sonne hinter dem Jura verschwand, beleuchtete sie die Regenwolken nochmals ganz besonders dramatisch. Ich nutzte die Gelegenheit, um den Himmel noch einmal in seiner vollen Dramatik zu fotografieren. Dann verschwand die Sonne, die Farben verschwanden. Nur noch die hohen Wolken im Westen leuchteten im Sonnenlicht.

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