Ein Abend am Doubs

Ein Abend am Doubs

Der Doubs – ein Grenzfluss zwischen der Schweiz und Frankreich – wirkt auf weiter Strecke nach wie vor recht wild. Die Hänge von dichten, dunkelgrünen Wäldern bewachsen, umgeben von steilen Kalksteinklippen… Und selbst eine Staumauer kann diesem wilden Charakter nicht viel anhaben.

 

Schon vor einiger Zeit fand ich per Zufall ein Foto vom Lac de Moron: ein künstlicher See innerhalb einer Schlaufe des Doubs. Nach etwas Recherche hie und da und der Suche nach weiteren Fotos war mir schon klar, welche Bildkomposition ich vor Ort wählen würde. Das ist natürlich ein grosser Vorteil, wenn man sich dabei so sicher sein kann. So packte ich nur die nötigsten Dinge ein, und entschied mich relativ spontan dazu, abends dort hin zu fahren.

Die Hinfahrt war nicht besonders lang – keine neunzig Minuten lang dauerte die Fahrt, und führte im Jura durch wundervolle Wälder und auf kleinen, alten Strassen entlang… Bis die Strasse vor mir endete und die steilen Felswände direkt hinab bis zum Doubs führten.

Schon nach kurzer Zeit erreichte ich den Abgrund, und zu meiner Erleichterung fand ich sofort einen Platz ohne ins Bild ragende Bäume. Ich wollte diesen Ort von Anfang an hochkant fotografieren. Meist sah ich Panoramaaufnahmen davon, oder zumindest einfache, horizontale Aufnahmen. Aber ich mag den Himmel und versuche immer im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten, den Himmel ähnlich prominent wie die Erde mit auf ein Foto zu bekommen.

Doch der Tag zeigte sich schon die ganze Zeit über grau. Einheitlich… Grau und dunstig. Die Wolken bewegten sich kaum vorwärts, und in weiter Ferne – irgendwo am Horizont – konnte ich ein kleines Wolkenloch erkennen. Es sah aber nicht danach aus, als würde es sich auf mich zu bewegen.

Ich stand da… Und wartete. Mit Glück würde sich der Himmel ja noch öffnen, dachte ich mir. Und auf diesen Fall wollte ich vorbereitet sein.

Da ich die Windrichtung nicht erkennen konnte, klemmte ich meine beiden mitgeführten ND-Filter ans Objektiv, und liess die Kamera während fünf Minuten aufnehmen. Das Ergebnis war ernüchternd: trotz einer Verschlusszeit von fünf Minuten sah ich kaum eine Bewegung im bewölkten Himmel. Also… Wartete ich weiter. Ab und zu erkannte man einen hellen Flecken zwischen den Wolken – die Sonne. Doch es reichte nicht aus, um auf dem Boden irgendwelche klaren Schatten zu erkennen. Zu milchig die Luft, zu dicht die Wolken.

Der Wind blies von unten herauf und trug die feuchte, kühle Luft empor und an mir vorbei. Es wurde kühl, so ganz ohne Sonne und mitten im permanenten Wind. Doch der Himmel verbesserte sich. Langsam lockerten sich die Wolken auf, und es schien sich so zu entwickeln, wie ich gehofft hatte. Die Wetterlage sah für mich so aus, als könnte sich die Wolkendecke gegen Abend hin auflösen, wenn die Sonneneinstrahlung viel an Intensität verloren hat. Und genau so schien es nun zu passieren.

Der Dunst in der Luft wurde dichter, und das Sonnenlicht gleichzeitig intensiver. Langsam füllte sich die Szenerie vor mir über dem Doubs mit leben, und das Grau wich. Bald wurde es auch wärmer; die Wolkendecke war verschwunden – zurück blieben nur noch dichte Dunstschleier. Auch die schienen sich langsam aufzulösen.
Wieviel Glück ich an diesem Abend hatte, zeigte sich vor allem auch ein Blick nach hinten: Direkt hinter mir ragte eine grosse Gewitterwolke empor, und glücklicherweise zog sie von mir weg… Während der Himmel vor mir immer klarer wurde.

 

 

Und dann… Wich auch der letzte Schleier für einen kurzen Augenblick. Die weissen Felswände über dem Doubs begannen im goldenen Sonnenlicht zu leuchten, und die Wälder leuchteten in einem kräftigen Grün. Auf diesen Moment hatte ich gewartet. Selbst der Himmel zeigte inzwischen grosse, wolkenlose Bereiche. Doch der Dunst blieb in der Luft und wurde gefühlt eher noch stärker.
Eigentlich hoffte ich insgeheim darauf, dass der Berg in der Bildmitte scharfe Schatten im leuchtenden Dunst erzeugen würde, doch dazu reichte es knapp nicht aus. Aber in dem Moment war mir das völlig egal – ich war viel zu fasziniert davon, wieviel Glück ich an diesem Abend hatte. Zwei Stunden stand ich dort bei völlig grauem Himmel und hoffte auf eine Wetterentwicklung, deren Auftreten viel unwahrscheinlicher war, als das Ausbleiben davon. Und doch öffnete sich der Himmel, und 2.5h später strahlte die Sonne sogar richtig zwischen den Wolken hindurch. Zwar nur für wenige Minuten, danach verschwand sie endgültig hinter einer dichten Dunstwand am Horizont… Doch für Fotos reichte es völlig aus. Dieser kleiner Moment, diese paar Minuten an diesem ansonsten grauen Tag reichten aus, um die wundervolle Landschaft vor mir über dem Doubs bzw. dem Lac de Moron in völlig anderem Licht erscheinen zu lassen.

 

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