Unterwegs in jurassischen Mooren

Unterwegs in jurassischen Mooren

Der Jura – eine kleine Welt für sich, mit vielen fantastischen Landschaften. So zum Beispiel die Moorlandschaften im Vallée des Ponts. Wo früher im Moor Torf gestochen wurde, wuchern jetzt wieder unzählige, für diesen Standort typische Pflanzen. Zwischen Birken- und Kiefernwälder wachsen Moose und Flechten und unzählige Heidelbeersträucher. Doch auch fleischfressende Pflanzen wachsen dort; genau das, wonach ich suchte.

Ich betrachtete eines Morgens nichtsahnend eine Webcam von Les Ponts-de-Martel. Hinter den Häusern über der grossen Ebene breiteten sich dichte Schwaden Bodennebel aus, und die ersten Sonnenstrahlen erreichten gerade den Grund des Tales. Spontan entschied ich mich dazu, hinauf in den Jura zu fahren. In der Hoffnung, nach der Anfahrt immer noch Bodennebel anzutreffen, machte ich mich auf den Weg um den Neuenburgersee herum… Und hoch in den Jura.

 

Die Erkundung

Eine Stunde später stand ich an einem Platz, den ich schon seit längerem nicht mehr besucht hatte. Rund um mich herum wuchsen Birken und Kiefern empor… Und vor mir führten alte, rostige Gleise vom längst beendeten Torfabbau hinein ins Moor. Am Vorabend zogen schwere Gewitter mit starken Niederschlägen durch den Jura, dementsprechend empfing mich das Moor mit einer tropfnassen Vegetation.

Vor drei Jahren – im Mai 2015 – stand ich zum ersten Mal in diesem Moor. Ich wusste nicht, was sich in der Zwischenzeit im Moor getan hatte. Neugierig folgte ich dem schmalen Weg am Ende der Gleise hinein ins Moor. Der Nebel war leider bereits verschwunden, doch das noch goldene Sonnenlicht beschien den Weg vor mir, und die Wassertröpfchen an den Gräsern schimmerten in allen Farben.

Der süsslich-würzige Duft des Moores stieg mit der Bodenfeuchte auf und umgab mich. Mal roch es sehr würzig und holzig, mal als stünde ich mitten in einem gewaltigen Blumenfeld.

 

Zuerst folgte ich dem Weg an den grossen Torfflächen entlang und durch die Birkenbäumchen. Mein erstes Ziel war der knorrige, niedrige und lockere Kiefernwald. Ich rechnete nicht damit, bei diesen Wetter- bzw. Lichtverhältnissen gute Fotos machen zu können, deshalb suchte ich direkt nach Blickwinkeln und Perspektiven, die sich für einen späteren Zeitpunkt eignen könnten. Viele Ideen schwebten mir durch die Gedanken, während sich die Natur um mich herum langsam veränderte. Das Gras wurde höher, die Bäume weniger. Und nach einer kurzen Zeit wichen die Birken gänzlich zurück, um den dunklen Stämmen der Kiefern Platz zu machen. Und ehe ich mich versah, war ich bereits mittendrin.

 

Das helle, leuchtende Grün der Heidelbeersträucher bedeckte beinahe den gesamten Waldboden, während die dunklen Stämme mal kerzengerade, mal knorrig mit vielen Windungen emporragten. Nach einer Weile verlor sich der Weg in der dichter werdenden Vegetation. Und bevor auch ich mich darin verlor, kehrte ich wieder um und machte mich auf die Suche nach einer ganz besonderen Pflanze.

Doch zuerst erregte etwas anderes meine Aufmerksamkeit: Zwischen den Kiefern hindurch erkannte ich eine ganze Fläche voller abgestorbener Birken. Ich machte davon ein Foto, damit ich mich jederzeit wieder daran erinnern kann, und machte mich auf den Rückweg.

 

Als ich zum ersten Mal in diesem Moor unterwegs war, fielen mir einige fleischfressende Pflanzen auf: rote Schlauchpflanzen. Diese sind eigentlich nur in Nordamerika beheimatet und wurden vor langer Zeit an diesem Standort ausgepflanzt – das war vor über 100 Jahren. Nach wie vor wachsen sie in diesem Moor, und sind mal mehr, mal weniger gut sichtbar. Diese Pflanzen wollte ich finden und auf dem Rückweg danach Ausschau halten.

Und tastsächlich, eine erste, im Winter abgestorbene Pflanze fand ich schon recht bald. Kurz darauf erspähte ich zwischen Wollgras und Heidekraut ein paar grosse, glänzende Blumen… Die Blüten der roten Schlauchpflanze. Sofort versuchte ich, einen geeigneten Blickwinkel zu finden, um sie bei entsprechendem Licht fotografieren zu können. Ich machte ein paar Fotos der Pflanze. So konnte ich mir den Standort auch noch zuhause anschauen und darüber nachdenken, was ich damit nun tun könnte. Es war Samstagmorgen und ich wusste, dass ich nur dieses eine Wochenende Zeit haben würde. Eine Woche später wären sie vermutlich schon verblüht gewesen.

 

Auf dem weiteren Rückweg fielen mir noch einige neue Wasserflächen auf, die vor drei Jahren noch nicht existierten. oder aber ich sah sie damals einfach nicht.

Und dann… Kehrte ich zum Ausgang zurück und fuhr nach Hause. In der Hoffnung, noch am selben Abend oder wenigstens am darauffolgenden Abend wieder an diesem Ort stehen und die Blüte der roten Schlauchpflanze fotografieren zu können… Sollte denn das Wetter mitspielen.

 

Die Rückkehr

Am darauffolgenden Tag war mir das Wetter offenbar wohlgesonnen. Über dem Jura entwickelten sich im Tagesverlauf nur kleine Wolkenknäuel, die sich langsam nordostwärts bewegten. Keine Gewitterzelle blockierte die Sonne, und es kam auch keine Schlechtwetterfront angerollt. Alles war ruhig… Und ich bereitete mich darauf vor, einige stunden Später wieder an diesem Ort zu stehen… Und mit etwas Glück immer noch hervorragendes Wetter zu haben. Inzwischen hatten sich die anfangs noch zahlreichen und flüchtigen Ideen zu einem konkreteren Bild zusammengestrickt. Ich wollte versuchen, diese blühende Pflanze im letzten Licht des endenden Tages zu fotografieren… Und anschliessend mit Sternen im Hintergrund. In meinem Kopf funktionierte das Bild hervorragend.

Doch vor Ort dann die Ernüchterung… Das erhoffte Foto schien mir nicht möglich, mir fehlte einfach der Zugang zu dieser Pflanze. Ich fand keinen zufriedenstellenden Blickwinkel, der gleichzeitig die Pflanze und den Himmel gleichermassen gut einfangen konnte. Selbst als die Kamera schon fast auf Bodenhöhe war, blieb das erhoffte “Das ist es!” aus.

Mit den Schultern zuckend machte ich mich wieder auf den Rückweg, fotografierte die Pflanze aus grösserer Entfernung und dachte bereits darüber nach, noch schnell an einen anderen Platz zu fahren und den Abend dort zu verbringen. Doch dann entdeckte ich rundblättrigen Sonnentau. Ich hatte kein Makroobjektiv dabei, also liess ich dilettantischerweise das 16 – 35mm Weitwinkelobjektiv dran… Und fotografierte ihn eben damit.

 

Und dann… Näherte sich die Sonne den Baumwipfeln auf dem gegenüberliegenden Hügel. Das Licht wurde richtig golden, und die Landschaft vor mir erstrahlte in einem wundervollen Licht. Vielleicht sollte ich doch hier bleiben…?

Ich suchte einen geeigneten Standort für die Kamera – auch ohne fleischfressende Pflanze im Bild – und stellte sie auf das Stativ.

Moorboden ist immer etwas schwierig zu handhaben. Weil der Boden so enorm weich und federnd ist, sollte man besonders vorsichtig sein. Allzu schnell verschiebt sich die Kameraposition nachhaltig, wenn man einen unbedachten Schritt macht, auch wenn er ein, zwei Meter von der Kamera entfernt sein sollte. Und dann hat man keine deckungsgleiche Aufnahmen mehr. Das ist bei einzelnen Aufnahmen nicht tragisch, aber bei Time Blendings (die mehrere, deckungsgleiche Aufnahmen von unterschiedlichen Tageszeiten vereinen) kann es das endgültige, erdachte Bild verunmöglichen, weil man keine saubere Deckung mehr erreicht.

Mir fiel eine offene Wasserfläche mit einigen Grasbüscheln auf. Genau da stellte ich die Kamera auf. Ich wartete darauf, dass die Wolken am Himmel im Blickfeld der Kamera zu leuchten beginnen. Und dann… Begann die Welt vor mir im letzten, direkten Sonnenlicht zu leuchten.

Völlig von den Farben und dem Licht fasziniert stand ich da… Und wartete den weiteren Verlauf des Sonnenuntergangs ab. Um 21:21h sollte die Sonne untergehen. Und kurz darauf begannen auch die letzten Wolken am Himmel zu leuchten. Unzählige Mücken tanzten um mich herum, auf der Suche nach einem guten Plätzchen. Alle darauf aus, mich zu stechen und Blut abzuzapfen. Glücklicherweise schafften es nur zwei, mich wirklich zu stechen. Und den beiden verübelte ich es nicht. Immerhin wollen auch sie nur ihrem Nachwuchs ein gutes Aufwachsen ermöglichen. Solange sie es also nicht übertreiben oder Krankheiten übertragen… Sollen sie doch.

Zufrieden mit dem Verlauf des Abends machte ich noch ein letztes Foto… Und packte dann meine Sachen zu sammen. Auf dem Rückweg blieb mein Blick am Himmel und den leuchtenden Schleierwolken hängen, bis die Farben verblassten und ich zurück auf der Strasse war.

 

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