Ein Abend auf dem Chasseral

Ein Abend auf dem Chasseral

Der Chasseral dürfte den meisten vor allem wegen der hohen Antenne bekannt sein, die schon aus grosser Distanz zu sehen ist, oder wegen des Restaurants. Doch gerade die vielfältige Vegetation auf dem Höhenkamm, direkt an den nordwärts gerichteten Kalksteinklippen ist besonders beeindruckend. Die Vielfalt an Farben und Formen auf diesem schmalen Abschnitt ist fantastisch.

Wie so oft muss ich so beginnen: Eigentlich war ja etwas ganz anderes geplant. Denn eigentlich wollte ich viel weiter westlich auf dem Höhenkamm unterwegs sein. Nicht hier, so nah am Sendeturm.

Etwas früher am Tag entschied ich mich dazu, relativ spontan auf den Chasseral zu fahren. Ich hatte bereits eine bestimmte Stelle im Sinn, und das Wetter sah ganz gut aus. Also packte ich wie immer meine Sachen zusammen (und liess die ND-Filter zuhause, was sich später als Fehler herausstellte… Wie immer…), und machte mich auf den Weg hinauf. Wie gefühlt jede interessante Destination ist auch dieser nur etwa eine Stunde von zuhause entfernt, daher befand ich mich schon recht bald auf der Passhöhe.

Doch dann bemerkte ich, dass ich eine Sache nicht bedacht hatte: Zwischen mir und der gewünschten Stelle befand sich eine ziemlich grosse Kuhherde. Sicher, jetzt kann man eigentlich lachen und mit den Schultern zucken; es sind doch “nur” Kühe. Jedoch gehört bei Nacht durch eine Kuhherde hindurchschleichen und dabei nicht auf ihren Hinterlassenschaften ausrutschen oder sonstwo drüberstolpern nicht zu meinen liebsten Beschäftigungen. Also suchte ich einen anderen Zugang, während der Himmel zuzog und es zu regnen anfing.

 

Nach einer kurzen, erfolglosen Suche nach Alternativrouten begab ich mich trotzdem in Richtung der Antenne. Oben auf dem Parkplatz angekommen, begrüssten mich wieder die ersten Sonnenstunden nach dem Regen. Die Sonne stand schon recht tief, der Chasseral leuchtete golden… Während im Hintergrund nach wie vor dichte, dunkle Regenwolken hingen.

 

Das rauhe Wetter und die Lichtstimmung erinnerten mich sofort an die Küsten der Bretagne, Schottland und ähnlichen Orten. Ich zog eine Jacke an – wohlwissend, dass es an diesem Ort immer windig und recht kühl ist – und machte mich auf den Weg. Mein neues Ziel bestand nun darin, den Grat abzuwandern und nach einem Ersatzplatz zu suchen. Ich war mir sicher, dass ich irgend etwas finden würde. Auch wenn der Grat – glücklicherweise! – streckenweise für Fussgänger gesperrt ist… Zum Artenschutz dieser faszinierenden Pflanzenwelt.

Ich folgte dem kleinen Pfad, und schon nach kurzer Zeit erreichte ich die senkrecht abfallenden Felswände. Die leuchtenden Farben der zur Zeit blühenden Pflanzen war beeindruckend – ich müsste wohl nicht lange nach einem interessanten Plätzchen suchen. Spätestens hier wurde mir das klar.

Ein Blick zurück zum Auto und zum Restaurant zeigte eine wundervolle, schroffe Bergwelt. Und mitten drin das Hotel Chasseral.

Wolkenfetzen zogen vorbei und kratzten über die Kante… Hüllten sie ein und verminderten die Sichtweite ab und zu auf wenige Meter. Doch kurz darauf brachen auch schon wieder goldene Sonnenstrahlen durch die Schwaden. Das Wechselspiel zwischen Sonnenschein und Nebel war beeindruckend die Wolken zogen schnell vorbei.

Und da wurde mir klar, dass es ein Fehler war, keine ND-Filter mitgenommen zu haben. So hätte ich die Belichtungszeit soweit erhöhen können, um diese enorme Dynamik im Himmel um mich herum festhalten zu können. Aber man sollte sich nicht durch Dinge von etwas abhalten lassen, die man nun mal nicht dabei hat… Sondern das bestmögliche aus der Situation machen. Mit den Dingen, die man mit dabei hat. Und so versuchte ich das umzusetzen.

 

Das Lichtspiel der immer wieder versteckten Sonne war beeindruckend. Mal war das Licht golden und warm, und kurz darauf bläulich, kalt und düster.

Und dann – ich sass gerade wieder in einer solchen Wolke, die Sichtweite war stark vermindert – hörte ich ein eigenartiges Pfeifen, das ich zuerst gar nicht zuordnen konnte. Bis ich mich umdrehte und an den Felsen hinabschaute: Eine Gämse. Sie rief nochmals, und ich winkte ihr zu. Da standen wir nun also, beide die vorbeiziehenden Wolken, die sich vor uns ausbreitenden Hochtäler des Juras und den Sonnenuntergang betrachtend. Ab und zu blickten wir uns an, doch die Aufmerksamkeit schien vor allem der Umgebung zu gelten. Alles war ruhig, nur der Wind als einzige, permanent vorhandene Geräuschkulisse war zu hören.

 

Während kurzen Momenten konnte ich in die gewünschte Richtung fotografieren, allerdings konnte ich keinen Blickwinkel finden, der mich vollends zufriedenstellte. Obwohl ich umrundet war von wundervollen Blickwinkeln. Der Chasseral bietet auf kleiner Fläche so viele Möglichkeiten, eine Kamera aufzustellen und tolle Fotos zu machen. Doch ich fand nicht den vollständigen Zugang. Zu beeindruckt war ich vom Wetter um mich herum, zu abgelenkt davon. Und am nordwestlichen Horizont zeichnete sich klar ab: es würde keinen bunten Sonnenuntergang geben. Wolken und Dunst versperrten die Sicht. Die Zeichen standen auf grau – ein grauer, frühzeitiger Sonnenuntergang stand bevor.

Ich liess die Kamera dennoch auf dem Stativ stehen und wartete ab. Vielleicht bestand ja doch noch die Möglichkeit, ein weniger tiefergelegene, direkte Sonne zu erhalten. Nur für wenige Sekunden, das wäre bereits ausreichend.

Doch der Himmel blieb grau und die Sonne versteckt.

Vorbeiziehende, letzte Wolkenfetzen sorgten für einen letzten Rest Dynamik, während sich die Welt an diesem Ort auf die kommende Nacht vorzubereiten schien. Langsam überwiegten die schweren Lilatöne des späten Abends, die goldenen Sonnenstrahlen waren verschwunden.

Weit entfernte Windräder schauten aus den Wolkenfetzen heraus, während der Horizont langsam dunkel wurde. Die Sonne war zwar noch nicht untergegangen, doch das Licht wurde bereits spürbar weniger.

 

Und so kehrte ich mit gemischten Gefühlen nach Hause zurück. Ich hatte zwar in meinen Augen kein wirklich gutes Foto gemacht an diesem Abend, dennoch hatte ich einen sehr schönen und ruhigen Abend an einem tollen Ort verbracht. Ich war zwar nicht am ursprünglich gedachten Ort, und trotzdem fand ich viele, viele Möglichkeiten, um die Kamera aufzustellen und schöne Pflanzen und Landschaften vor die Linse zu bekommen. Und eines war mir klar, schon bevor ich das Auto erreicht hatte: Hier würde ich schon sehr bald wieder herkommen, um die Landschaft zu fotografieren… Und – noch viel wichtiger – die Ruhe zu geniessen.

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