Spotsuche am Chasseron

Spotsuche am Chasseron

Der Chasseron, ein über 1600m hoher Gipfel im schweizerischen Jura. Und ein möglicher Ort, um interessante Fotos zu machen? Dieser Frage wollte ich nachgehen, und machte mich mit der üblichen Fotoausrüstung plus etwas mehr Schnickschnack (d.h. Stativ, 3.0 & 1.8 ND Filter, Polfilter, 14mm Objektiv, 24mm Objektiv, 16 – 35 und 24 – 105mm Objektiv, Fernauslöser, Ersatzbatterien für den kabellosen Fernauslöser, usw.) auf den Weg. Da ich mich wie immer zuerst online informierte, wusste ich schon in etwa, was mich oben erwarten würde. Ein paar Fotos sah ich auch schon, deren Blickwinkel mir gefallen hatten.

Nachdem ich in Yverdon-les-Bains noch etwas besorgen musste, ging es aufwärts. Kurve um Kurve führte die Strasse weiter hinauf. Manchmal durch den Wald, mal an nackten Kalksteinfelsen entlang. Und ab und zu mit einer herrlichen Aussicht auf den Neuenburgersee. An diesem Tag leuchtete er richtig türkis. Es waren nicht viele Leute auf der Strasse unterwegs. Doch plötzlich: ein Signalhorn irgendwo weiter unten, und blaues Blitzen. Nur wenige Sekunden später blitzte weiter hinten ein Polizeiwagen auf, und einige Augenblicke später überholte er mich und verschwand bereits wieder hinter der nächsten Kurve. Die Geschwindigkeit überraschte mich auf dieser Strecke. Doch allzu lange machte ich mir darüber keine Gedanken und hoffte nur, dass nicht – gleich hinter der nächsten Kurve – ein Fahrzeug zerrissen in den Bäumen hängt, welches diese Dringlichkeit hätte erklären können. Oder irgendjemand aufgrund von irgendwas anderem in Lebensgefahr war.
Gerade wenn man so oft draussen unterwegs ist, macht man sich natürlich auch Gedanken darüber, was einem – oder anderen Menschen – so alles passieren könnte. Man möchte immerhin vorbereitet sein… Und heil wieder zurück nach Hause finden. Und alle anderen ebenfalls.

Es war schon kurz vor 20h, als eine kleine Strasse durch den Wald das baldige Erreichen des Parkplatzes ankündigte. Ein Blick auf die benachbarte Weide sagte mir bereits klar: Da gehst du eh nicht durch! Zuerst sollte ich anmerken: Ich mag Kühe. Sie gehören einfach in unser Landschaftsbild und wecken in mir immer ein Gefühl von Heimat. Aber das bedeutet nicht, dass mir die Idee gefallen muss, nachts durch eine Kuhherde zu spazieren. Eine Herde voller Mutterkühe mit Jungtieren. Und die offensichtlich sehr aktiv zu sein schien, denn die Herde rannte jedem Objekt nach, das durch ihre Weide ging. Ob das jetzt ein Auto oder ein Wanderer war. Solche Situationen vermeide ich ganz gerne. Mein Verhalten kenne ich und das der Kühe kann ich einschätzen. Aber ich habe keinen Einfluss darauf, ob da eine ignorante Person mit einem schlecht erzogenen und die Kühe ankläffenden Hund hindurchspaziert… Und die Herde in Aufruhr versetzt, welcher sich dann bei mir entlädt (diese Erfahrung habe ich schon machen dürfen. Es ist erschreckend, wie falsch und dumm sich manche Menschen in der Nähe von Kühen verhalten!)

Ein weiterer Grund: Ich wollte nicht erst auf den Gipfel hinauf, um danach wieder abzusteigen; um einen anderen Blickwinkel auszutesten. Deshalb wählte ich den Weg quer über die Nachbarwiese. Das Gras war bereits hoch und zeigte deutlich, dass hier schon seit vielen Tagen keine Kuh mehr graste. Und ich konnte auf geradem Weg den Hang hinauf. Genau zu der Position, die ich mir zuerst ansehen wollte.

Durch den tiefen Sonnenstand wurde ich permanent geblendet und sah keine zehn Meter weit; dadurch war der Aufstieg recht unangenehm. Doch als ich mich umdrehte… Leuchtete etwas am Horizont. Weit, weit weg und dennoch riesig und das ganze Panorama vor mir überragend: der Mont Blanc.

 

Ich fand während des Aufstiegs unzählige, offenbar abgeschnittene, gelbe Enziane… Und wunderte mich darüber. Wieso? War das wirklich menschgemacht, oder steckte doch ein Tier dahinter? Es waren auch deutliche Spuren im hohen Gras zu sehen. Mich darüber wundernd stieg ich weiter hinauf. Und dann war ich plötzlich oben. Mein erstes Ziel war nur noch wenige Meter entfernt, und ich war gespannt, ob ich bereits von hier einen interessanten Blickwinkel finden würde.

Ich schaute auf der anderen Seite hinunter und konnte weit über die französische Grenze hinaus sehen. Irgendwo weit weg in Frankreich konnte man eine Rauchsäule sehen. Vermutlich ein Feuer von Forstarbeitern, wie ich es öfters sehe, wenn ich in den Bergen unterwegs bin.

Der Chasseron selbst, bzw. eine Stelle etwas abseits des Gipfels war jetzt mein nächstes Ziel. Die Sonne stand noch hoch genug und mir blieb noch eine Stunde, um einen geeigneten Platz zu finden. Ich wollte diese Zeit nutzen, um einige andere Blickwinkel zu erkunden. Doch dann drehte ich mich wieder um und sah Feuer. Viel Feuer. Und viel Rauch. Das vermeindliche, harmose Feuer entpuppte sich als grosser Scheunenbrand. Das Gebäude schien in Vollbrand zu stehen, denn die Flammen waren selbst aus dieser Höhe und Entfernung sehr gut und gross zu sehen. Sie schienen grösser zu sein, als die umliegenden Bäume.

Ich beobachtete den Brand für einen kurzen Moment, doch ich musste weiter und konnte ohnehin nichts tun. Der Wanderweg führte mich weiter hinauf zum Chasseron, immer mehr oder weniger am Abgrund entlang. Ab und zu warf ich einen Bick zurück, weil mir diese Aussicht einfach gefiel. Ich mag diese steinige, felsige Facette des ansonsten eher glatteren Juras.

 

Und plötzlich… War ich auf dem Gipfel; stand oben auf dem Chasseron. Alles wie geplant. Auch das Wetter schien mitzuspielen. Immer wieder zogen kleinere Wolkenfelder hindurch, während der Horizont frei blieb. Gute Voraussetzungen, für einen farbenprächtigen Sonnenuntergang.

Ein weiterer Blickwinkel befand sich direkt neben der Sendeanlage, mit Blick auf den Gipfel. Ich musste ihn nur noch vor Ort finden. Doch schwierig war die Suche nicht und es dauerte nicht lange, bis ich besagten Standort finden konnte.

Ich fand aber keinen Zugang zu diesem Blickwinkel, bzw. der Szenerie vor mir. Das Wetter funktionierte meiner Meinung nach nicht, und auch das Licht gefiel mir nicht sonderlich. Was fehlte, konnte ich nicht genau sagen. Es funkte einfach nicht, ich fand keinen Ansatz, um die vor mir liegende Landschaft ästhetisch und interessant zu fotografieren. Aber genau deswegen war ich ja dort: um mir vor Ort ein Bild zu machen. Damit ich zuhause am Computer die Aufnahmen ansehen konnte… Um möglicherweise in einem der Fotos das eigentliche Bild finden und erkennen zu können.

Ich suchte nach Alternativen. Weiter nach Nordosten sah ich eine Trockensteinmauer. Die Idee, sie als führende Linie einzusetzen, gefiel mir irgendwie. Auf der anderen Seite des Gipfels stieg ich wieder langsam ab und folgte dem Grat. Vielleicht versteckte sich ja bei der Mauer dieser eine Blickwinkel, den ich noch nicht gefunden hatte. Ich wusste, dass hier wohl so einige lauern würden. Ich fühlte genau, dass sich hier irgendwo eine besonders schöne Sicht versteckte. Doch zwischen all der schönen Natur fand ich ihn noch nicht.

Genau deswegen bin ich gerne frühzeitig vor Ort, sehr gerne gute zwei Stunden früher. Zumindest an Orten, die ich mir zuerst ansehen muss. Anders sieht es natürlich aus, wenn ich die Umgebung schon gut kenne.

Der Gipfel des Chasseron war nun wieder ein kleines Dreieck in einer gewissen Entfernung… Doch es stellte sich heraus, dass die Trockenmauer für meine Zwecke nicht brauchbar war. Die Holzpflöcke eines Zauns störten die ansonsten harmonische Szenerie derart, dass ich mich wieder umdrehte und zurück auf den Gipfel stieg.

 

Ein paar Schritte weiter fotografierte ich noch einmal aus einer anderen Perspektive den Gipfel. Doch auch von diesem Standort fand ich irgendwie keinen Zugang zur Szenerie. Es gefiel mir zwar, aber es stellte sich bei keinem Foto dieses Das ist es!-Gefühl ein.

 

Die Sonne kam dem Horizont immer näher, und das Licht wurde schon richtig golden. Auch die schönen, orangefarbenen Töne wurden langsam sichtbar. Zeit, einen guten Standort zu suchen! Und dann… Drehte ich mich wieder um und ging zurück. Schon während des Aufstiegs gefiel mir der Blick hinüber zur benachbarten Sendeanlage bei den Petites Rochers. Also warum nicht in diese Richtung fotografieren?

Da stand ich nun mit offenem Mund und bewunderte die Landschaft vor mir. Wieder. Diese Richtung schien viel erfolgversprechender zu sein an diesem Tag. Ich spürte, dass das die richtige Entscheidung war. Deshalb suchte ich mir hier einen interessanten, stabilen Standpunkt, befestigte die Kamera auf dem Stativ… Und wartete.

 

Ich hatte meinen erhofften Blickwinkel gefunden. Doch er war nicht dort, wo ich zuerst gesucht hatte und hin wollte. Sondern dort, wo ich eigentlich her kam. Einzig das Wetter entsprach nicht ganz meinen Erwartungen. Wolken waren zwar vorhanden, aber sie unterstützten die Landschaft nur bedingt. Aber ich war überaus zufrieden. Wieder befand ich mich auf einem Gipfel im Jura, umgeben von Nadelbäumen und schroffen Kalksteinklippen. Wieder pfiff mir der Wind um die Ohren. Ich trug sogar Winterkleidung, insgesamt vier Schichten schützten meinen Oberkörper. Verrückt wenn man bedenkt, dass wir uns zur Zeit mitten im Sommer befanden.

Und genau deswegen mache ich das. Genau das gefällt mir daran. Man ist jederzeit mitten in der Natur. Man fühlt sie, und manchmal macht sie einem das Fotografieren schwierig. Da draussen, wenn es stürmt, schneit und regnet, der Wind einem beinahe das Stativ umwirft und man selbst die Finger kaum noch spürt. Aber davon profitiert man, denn sobald es anstrengend wird, wird es meist so richtig interessant.

 

Ich wartete weiter. Und als ich merkte, dass es die Wolken neben mir nicht mehr vor Sonnenuntergang ins Bild schaffen würden, drehte ich die Kamera zur Sonne hin. Wenigstens für ein Foto wollte ich die ND-Filter vor die Linse klemmen. Und so entstand noch eine letzte Aufnahme, bevor ich meine Sachen zusammenpackte und vom Chasseron hinabstieg.

 

Und vor mir, während des ganzen Abstiegs, als alles bereits im Schatten lag… Leuchtete der Mont Blanc im letzten, tiefroten Sonnenlicht des Tages. Kurz bevor die Dämmerung endgültig den Tag verdrängte, sich die Nacht über die Westschweiz legte und die ersten Sterne sichtbar wurden.

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