Im alten Moor bei Vraconnaz

Im alten Moor bei Vraconnaz

An der Grenze zu Frankreich steht das älteste Pro Natura Naturschutzgebiet. Schon lange wollte ich es besuchen, und nun war die Zeit gekommen.

Die Mouille de Vraconnaz, wie sie liebevoll von den Einheimischen genannt wird, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Schon vor 400 Jahren bauten die Menschen an diesem Ort Torf ab. Doch das Interesse schwand in den kommenden Jahrhunderten. Inzwischen ist die Mouille de Vraconnaz das älteste Pro Natura Naturschutzgebiet und ist über einhundert Jahre alt – gegründet wurde es 1911.

Und genau da stand ich nun, nachdem ich es vor vielen Jahren per Zufall gesehen hatte. Auf der Durchreise, kurz aus dem Seitenfenster des Autos. Und da war mir augenblicklich klar: “Da musst du hin… Und fotografieren.”

Ich wusste damals nicht, dass es drei oder mehr Jahre dauert, bis ich tatsächlich dort stehen würde. Doch an diesem Freitag stand ich dort und hoffte darauf, dass der Wetterbericht recht behalten werde. Vorhergesagt war ein klarer Abend,  aber noch war der Himmel bedeckt.

Auch wenn die Sonne ab und zu den Boden erreichte – diese Momente wurden rarer, der Himmel dunkler, die Wolkendecke geschlossener. Ich machte mich dennoch auf den Weg, überstieg den Viehrost am Dorfrand von Vraconnaz und folgte dem Weg.

Die löchrigen Kuhfladen auf dem Weg verrieten mir, dass die Kühe schon seit Tagen weg sein mussten, denn es gab keine neueren Anzeichen ihrer Anwesenheit. Doch je weiter ich ging, desto neuer wurden die Spuren. Frische Rutschspuren am Hang, neuere Kuhfladen. Aber zu hören und zu sehen war nichts. Selbst die Vögel waren leise. Doch die leisen Mitbewohner dieser Gegend wurden immer grösser: die Vegetation wurde üppiger. Nach einiger Zeit erreichte ich ein kleines Wäldchen. Für einen kurzen Moment folgte ich dem Weidezaun am Waldrand entlang, um einen Blick hinein zu erhaschen. Und tatsächlich – vor mir lag, wie vermutet, ein kleiner Wald voller knorriger Kiefern und Heidelbeersträuchern, während die Häuser von La Vraconnaz bereits hinter den Bäumen verschwunden waren.

Ich folgte wieder dem Weg, liess den kleinen Wald hinter mir. Und allmählich wurden aus den Wiesen um mich herum dicht bewachsene Flächen. Die Baumdichte nahm zu, und der dichte Bodenbewuchs erreichte schon Brusthöhe.

Und dann war da ein grünes Schild: Naturschutzgebiet. Ich hatte nun also dessen Rand erreicht. Die Tafel informierte darüber, dass man die Wege nicht verlassen solle. Das hatte ich auch nicht vor, also folgte ich weiterhin dem Weg, verliess die Kuhweide über den Durchgang für Wanderer und liess sie hinter mir. Der Weg führte mich weiter über eine Lichtung. Schon nach wenigen Schritten wurde der Bodenbewuchs so dicht, dass ich meine Füsse nicht mehr sehen konnte. Darauf hoffend, dass der Weg keine unsichtbaren Wasserlöcher oder sonstige, unangenehme Überraschungen für mich bereit hielt, tastate ich mich langsam vorwärts.

Nachdem ich die Lichtung durchquert und sich der Weg vor meinen Augen in undurchdringliches Grün verwandelt hatte, drehte ich mich um und ging zurück. Ich wollte nicht riskieren, völlig vom Weg abzukommen und möglicherweise an Orten zu landen, wo ich gar nicht hin wollte.

Wieder auf der Kuhweide angekommen, folgte ich einem kleinen aber deutlich sichtbaren Fussweg nach links. Ich wollte die Moorlandschaft zwischen mir und der untergehenden Sonne – nicht mich zwischen diese beiden Elemente schieben. Denn so würde ich es verunmöglichen, die Szene so zu fotografieren, wie ich wollte. Deshalb versuchte ich hier mein Glück. Der kleine Weg führte mich am Weidezaun entlang, abseits des offiziell von der Tafel ausgewiesenen Naturschutzgebiets. Doch schon bald kamen mir auch hier Zweifel. Der Weg wurde zusehends schmaler und schwerer erkennbar. Und plötzlich raschelte es vor mir, hinter der nächsten Baumgruppe. Zwei Rehe sprangen hervor und verschwanden im hohen Gras und hinter einer weiteren Baumgruppe. Mir wurde klar, dass der vermeindliche Weg von Kühen oder Rehen in den Boden getrampelt wurde. Vorsichtig tastete ich mich weiter vorwärts.

Die Landschaft auf der anderen Seite des Zaunes veränderte sich immer stärker. Aus dichterem Baumbestand wurden zusehends offene Flächen. Unzählige Moosarten wuchsen zwischen den Gräsern auf der anderen Seite des Zaunes, und die einzeln stehenden Bäume waren klein und knorrig. Die Stimmung der Landschaft veränderte sich komplett, und da wusste ich: Genau hier würde ich meine Kamera aufstellen und auf den richtigen Moment warten.

Fasziniert von meiner Umgebung bemerkte ich die dunklen Wolken nicht, die sich aus Nordosten näherten. Und plötzlich begann es zu regnen.

Dunkle Wolkenschleier zogen knapp über die Baumwipfel, und der Regen begann stärker zu werden. Davon unbeeindruckt befestigte ich die Kamera auf dem Stativ und bereitete mich darauf vor, in diesem Wetter zu fotografieren. Das Prasseln des Regens auf meiner Kapuze wurde lauter, und ich musste immer öfters die Frontlinse meiner Kamera von Regentropfen reinigen. Und plötzlich… Öffnete der Himmel seine Schleusen. Der Regen wurde so stark, dass ich die Kamera schnellstmöglich an mich nahm, das Stativ stehen liess und unter den nächsten Nadelbaum flüchtete. Und da stand ich also. Tropfnass mit einer ebenso nassen Kamera in der Hand, mein Stativ am Weidezaun stehend, und auf das Ende des Starkregens wartend.

Ich weiss nicht, wie lange ich unter diesem Baum gestanden und den Regentropfen zugehört habe. Irgendwann liess der Regen soweit nach, dass ich mich wieder unter dem Baum hervortraute. Zurück beim Stativ, befestigte ich die Kamera wieder darauf und wartete auf den richtigen Moment.

Solche starken Regengüsse haben den Vorteil, dass sie die gesamte Umgebung mit unzähligen Wassertröpfchen überziehen. Tröpfchen, die danach in allen Farben glitzern können, sollte denn die Sonne hervorschauen. Alle Oberflächen die zuvor matt waren, sind nach einem Schauer glänzend, die Farben satter. Und die Luftfeuchtigkeit steigt, was Nebelbildung begünstigt.

Nachdem ich die letzten Tropfen von der Kamera gewischt hatte, begann der Himmel aufzuklaren. Es wurde heller am Horizont, und die Wolkenfetzen liessen immer mehr Sonnenlicht hindurch. Darauf hoffend, dass sich die Sonne noch zeigen würde, bevor sie hinter dem Wald am Horizont verschwindet, wartete ich. Und das Warten lohnte sich.

Plötzlich war der Horizont fast wolkenlos, die Sonne erreichte mich und das Moor vor mir. Und wie erhofft begannen die unzähligen Wassertropfen zu glitzern. Vor mir breitete sich ein Meer aus funkelnden Wassertröpfchen aus und ich befand mich mittendrin. Die saubere, vom Regen gereinigte Luft kühlte merklich ab, doch die Sonnenstrahlen wärmten mich spürbar. Die besten Voraussetzungen für Bodennebel. Schon nach wenigen Minuten stiegen die ersten Dunstschwaden aus den umliegenden Wäldern auf. Aus den einzelnen Dunstschwaden wurde ein feiner Nebel zwischen den Bäumen. Im Licht der untergehenden Sonne leuchtete der Himmel in orangefarbenen Tönen.

Obwohl der Regen schon längst vorbei war, hörte man es überall leise tropfen und gurgeln. Das Moor schien damit begonnen zu haben, das Regenwasser hörbar in sich aufzunehmen.

Der sonnendurchflutete Dunst stieg langsam auch aus den Gräsern vor mir auf, als der Himmel immer weiter aufklarte. Der Boden leuchtete im hellen Schein am Horizont, wo kurz zuvor der orangefarbene Feuerball hinter den Fichten des dortigen Waldes verschwunden war. Ich hatte bereits einen schönen Bildausschnitt gewählt und machte im fortschreitenden Farbwechsel meiner Umgebung Fotos. Neugierig, was mich auf meinem weiteren Weg erwarten würde, packte ich meine Sachen zusammen und folgte dem Weidezaun. An manchen Stellen hielt ich nochmals an, drehte mich um und fotografierte diese wundervolle Moorlandschaft.

 

Ich folgte weiter dem Weidezaun, weil ich viel näher an der dortigen Landstrasse war, als dem Weg, den ich zu Beginn genommen hatte. Und auf Experimente in klatschnasser Vegetation bei einbrechender Dunkelheit in einem Moor mit Senklöchern und einer unbekannten Kuhherde hatte ich wirklich keine Lust.

Der Bodennebel wurde stärker, während der Himmel von orange zu lila wechselte. Und immer wieder sah ich Rehe. In jeder Richtung entdeckte ich ihre Köpfe im hohen Gras. Manche rannten durch die wunderschöne Landschaft, andere standen nur da und blickten ruhig mal in meine Richtung, mal zu ihren Artgenossen.

Der Boden unter meinen Füssen wurde wieder trockener, und bald hatte ich eine frisch gemähte Wiese erreicht. Ich kletterte vorsichtig über den Stacheldrahtzaun und stieg zur Strasse hinauf, wo ich noch einmal das Stativ hinstellte. Inzwischen war der Bodennebel dichter geworden, und das Moor im Kessel vor mir war fest in der Hand der sanften Blautöne der fortschreitenden Dämmerung.

Durchnässt und vollkommen entspannt machte ich mich wieder zurück auf den Heimweg. Ich liess die Mouille de Vraconnaz hinter mir. Und wieder bestätigte sich eine Sache: Wenn man dem stärksten Regen trotzt und ausharrt, wird man meist mit umso schöneren Lichstimmungen belohnt… Sobald der Regen nachlässt und die Sonne wieder zu scheinen beginnt.

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