Herbst am Lac d’Emosson

Herbst am Lac d’Emosson

Vor einigen Monaten dachte ich erstmals darüber nach, vom Lac d’Emosson aus zu fotografieren. Die Idee erschien mir ziemlich gut, denn alles schien zu passen. Himmelsrichtung, Berge in Sichtweite, Vordergrund, …

Deswegen machte ich mich einige Zeit später zum ersten Mal auf den Weg und nahm die zwei Stunden Anfahrtszeit auf mich. Ich dachte, es werde relativ einfach sein. Ich würde am Lac d’Emosson aussteigen, einige Höhenmeter aufsteigen, auf den richtigen Moment warten und dann das gewünschte Foto machen. Und ich dachte, es werde nicht sonderlich lange dauern.

Doch schon sehr bald sollte ich feststellen, dass ich damit komplett falsch lag. Und dass – wie so oft in der Landschaftsfotografie – manches hart erarbeitet werden muss, es manchmal mehrere Anläufe benötigt… Und eben auch Kopfsache ist.

 

Im Nebel

Manche Fotos entstehen einfach so. Man hat eine Idee, weiss wie man sie umsetzen möchte, begibt sich vor Ort und macht ganz genau das, was man geplant hatte. Man kehrt nach Hause zurück, und tatsächlich: das Ergebnis entspricht der Vorstellung.

Und dann gibt es diese anderen Fotos. Solche, die sich permanent im Nebel verstecken und die man nicht direkt greifen kann. Eine diffuse Vorstellung einer flüchtigen Idee. Eine, an die man sich nur langsam herantasten kann, immer wieder in fast greifbarer Nähe ist, nur um sich dann doch wieder in Nebel aufzulösen. Eine, die sich erst langsam zu dem entwickelt, was sie schlussendlich sein wird – und sich möglicherweise stark von der ursprünglichen Vorstellung unterscheiden kann.

… oder sich nur wenige Meter daneben befindet.

Am Lac d’Emosson erlebte ich genau einen solchen Fall. Eigentlich wusste ich genau, was zu tun war, um dem Bild in meinem Kopf zu entsprechen. Ich brauchte bloss bei gutem Wetter hinzufahren, die Kamera ein paar Höhenmeter hinaufzutragen, und sie dann auf den Mont Blanc auszurichten.

Doch als ich erstmals aus diesem Grund dort stand… Sah ich den Mont Blanc nicht. Dafür aber eine gewaltige, dunkelgraue und bedrohlich knurrende Gewitterfront auf mich zu kommen. Und für einige Zeit konnte man nicht mehr sagen, ob man sich mitten in den Alpen oder doch nur in einer Autowaschanlage befindet.

 

Insgesamt überrollten mich an diesem Tag vier Gewitter, und ich konnte immer nur die Zeiträume dazwischen nutzen, um die Gegend zu erkunden. Ich lief rastlos umher, suchte zwischen Bäumen und blühenden Alpenpflanzen nach einem hübschen Bildausschnitt. Doch nichts schien zu funktionieren. Zwischendurch wurden Teile des Mont Blancs sichtbar, doch die Bewölkung nahm immer weiter zu.

Alles deutete darauf hin, dass ich an diesem Tag nicht fündig werden würde. Dennoch nutzte ich die Gelegenheit und fotografierte. Denn manchmal entdeckt man erst zuhause die Dinge auf den Fotos, die man vor Ort sehen wollte, aber nicht sehen konnte. Warum? Weil man möglicherweise einen Tunnelblick hatte. Oder einfach nur einen Schritt zu weit links stand. Und so verging die Zeit, die Sonne näherte sich den ersten Gipfeln im Westen. Und die Bewölkung wurde noch dichter. Es war klar, dass es keinen spannenden Sonnenuntergang mehr geben würde. Doch die ständig wechselnde Landschaft aus Fels, Eis und Wolken war äusserst faszinierend. Ich blieb sitzen und schaute dabei zu, wie die Wolken um die uralten Berggipfel strichen. Sie erweckten den Anschein, dass sie körperlos durch die Berge hindurchschweben. Genau wie diese Bildidee in meinem Kopf – irgendwie da, aber dennoch nicht greifbar. Wie Nebel. Einige Zeit verstrich, während ich da so sass. Doch noch länger wollte ich nicht mehr warten, und machte mich wieder auf den Rückweg.

Zwar ohne dem Foto, das ich gerne gehabt hätte… Doch wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht genau, wie dieses Foto überhaupt auszusehen hatte. Nur eine diffuse Vorstellung vom Mont Blanc, Nadelbäumen, schönem Licht vom späten Abend… Und eines interessanten Himmels. Dieser erste Besuch hatte noch einen weiteren Vorteil: ich lernte die Umgebung besser kennen. So konnte sich die Vorstellung in meinem Kopf ein kleines stückchen genauer formen.

 

Der Nebel beginnt sich zu lichten

Zwei Wochen später machte ich mich wieder auf den Weg. Inzwischen blühten da oben viele Blumen. Ich wollte versuchen, diese als Vordergrund zu nutzen um daraus vielleicht das Bild in meinem Kopf zu schaffen. Doch wieder hatte ich mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Ich war nicht zufrieden mit den Blickwinkeln, die ich in den zwei Stunden fand, die ich vor Ort herumspazierte. An jeder Blume hatte ich etwas auszusetzen, an jedem Bäumchen fand ich Gründe die Nase zu rümpfen und weiterzuziehen. All das war nicht, wonach ich suchte. Auch wenn ich nicht wusste, wie das Bild nun genau auszusehen hatte – ich wusste, dass es nicht so war.

Langsam wurde es Abend, die spannendste Mondfinsternis des Jahres stand vor der Tür. Doch ich hatte einen Tunnelblick und war darauf fokussiert, dieser diffusen Bildidee hinterherzurennen, die einfach nicht greifbar zu sein schien. Noch bevor der Mond sich verdunkelte und zusammen mit dem Mars über den kantigen Gipfeln der walliser Alpen aufstieg, machte ich mich auf den Weg zurück und betrachtete die Mondfinsternis unterwegs. Fasziniert von diesem Anblick und ohne Kamera schaute ich dem verdunkelten Mond und dem dafür umso stärker leuchtenden Mars zu, und verstand nicht so recht, was denn nun insgesamt schief gelaufen war.

Die Kamera blieb im Rucksack und mein Blick auf dem Sternenhimmel. Eigentlich wäre das Wetter zur Nacht hin doch noch hervorragend gewesen. Eigentlich wäre so vieles optimal gewesen. Und doch kam ich wieder ohne dieses eine Foto zurück. Wieder schlüpfte es mir zwischen den Fingern hindurch – wie Nebel.

Und doch konnte ich auch diesmal wieder viel daraus lernen. Vor allem, wie ich es nicht machen wollte. Die Möglichkeiten schrumpften und schrumpften. Langsam machte sich der Gedanke breit, dass es vielleicht von dort oben am Lac d’Emosson aus gar nicht möglich sein könnte, dieses eine Foto zu machen. Nicht so, wie ich es mir vielleicht vorstellte. Oder doch?

 

Und wenn sich der Nebel lichtet…

Viele Wochen vergingen, und der Sommer wollte nicht enden. Der August zog ins Land, dann der September. Es war fast durchgehend warm. Zu warm für die Jahreszeit. Und viel zu trocken. Selbst der Oktober brachte lange keine nennenswerte Veränderung oder Abkühlung. Die Lärchen blieben grün, das Wetter klar, die Temperaturen relativ hoch.

 

Und dann war es plötzlich soweit. die Lärchen veränderten ihre Farbe und der Herbst hielt Einzug in den Bergen. Einen letzten Versuch wollte ich im Herbst unternehmen, und nun war er da. Also packte ich wieder einmal meine Sachen und machte mich auf den zwei Stunden dauernden Weg zum Lac d’Emosson. Am frühen Nachmittag kam ich vor Ort an, und diesmal wollte ich die Zeit nutzen, um die Staumauer zu überqueren und mir in Ruhe den See anzuschauen, ohne diesen inneren Drang, den passenden Blickwinkel zu finden und den Mont Blanc fotografieren zu wollen… Oder fast schon zu “müssen”. Auf dem Weg über die Staumauer blickte ich erstmals zum höchsten Berg Europas (je nach Betrachtungsweise) ohne Wolken rund herum… Und liess ihn wo er war. Die Verbissenheit war verschwunden, stattdessen breitete sich eine gewisse Ruhe in mir aus. Meine Aufmerksamkeit galt momentan etwas ganz anderem. Über den Mont Blanc würde ich mir dann später Gedanken machen.

 

 

Ruhig und entspannt spazierte ich am See entlang und bog irgendwann auf einen kleinen Wanderweg ab, der mich schnell über Geröll und an einem Bach entlang nach oben führte. Ich wusste bereits, dass das ein möglicherweise interessanter Ort sein könnte, und wusste auch schon, was ich da oben ausprobieren könnte. Oben angekommen, erwartete mich ein wundervolles Panorama. Der See lag unter mir, und rundherum leuchteten die Berge und Lärchen im goldenen Sonnenlicht. Keine Wolke hing am Himmel, und in der Sonne war es angenehm warm. Ich setzte mich auf den Boden und schaute entspannt der Welt zu.

Und während der Wind dafür sorgte, dass es in der Sonne nicht zu warm wurde, dachte ich darüber nach, was ich später machen könnte. Dann, wenn die Sonne untergehen würde. Der Himmel war so klar, dass ich die Chance nutzen und die Sterne, evtl. auch mitsamt der Milchstrasse fotografieren wollte. Möglichst über dem Mont Blanc.

 

Ich weiss nicht, wie lange ich dort gesessen hatte. Doch irgendwann wachte ich wieder aus den Tagträumereien auf und machte mich auf den Weg zurück auf die andere Seite des Staudammes. Denn von dort hatte ich eine gute Sicht hinunter ins Tal und auf den Mont Blanc.

Die Sonne senkte sich immer weiter. Und durch den Dunst in der Luft wurde das Tal bei Vallorcine von unzähligen Sonnenstrahlen durchflutet, während die Schatten immer grösser wurden… Und das Tal schlussendlich vollkommen beschattet war. Nur noch die umliegenden Gipfel strahlten im Licht der untergehenden Sonne. Auch der Lac d’Emosson selber lag immer weiter im Schatten. Die Sonnenstrahlen beleuchteten die letzten Lärchen…

 

Ich ging gemütlich über die Staumauer, blickte hier und da hinunter… Bis ich wieder auf der anderen Seite war und dem Weg hinauf folgte. Und dann sah ich eine alte Abzweigung. Ein alter, kleiner Weg, blockiert durch hingekarrten Schutt und ohne Markierungen. Zu verlieren hatte ich sowieso nichts, also überkletterte ich die zwei, drei Steine. Vor mir führte ein breiter Weg abwärts, und die Sicht auf den Mont Blanc war hervorragend. Sofort dämmerte es mir: Hier sollte es sein. Alles passte plötzlich zusammen, und das flüchtige Bild, das ich seit Monaten in meinem Kopf umhertrug, lag plötzlich genau vor mir. Aus dem Nebel war etwas durchaus greifbares geworden. Und es war mir augenblicklich klar, dass ich es gefunden hatte. Direkt am Wegesrand.

 

Keine zwei Minuten später stand die Kamera auf dem Stativ. Ich setzte mich daneben und stand ab und zu auf, um die vier benötigten Aufnahmen zu machen, die ich später zu einem Panorama zusammenfügen wollte. So sass ich da, genoss die Ruhe und den langsam endenden Tag.

 

Die Dämmerung hielt Einzug. Langsam gingen die ersten Lichter unten im Tal bei Vallorcine an. Die ersten Vorboten der kommenden Nacht krochen durchs Tal, während der Mont Blanc noch in den letzten, orangeroten Sonnenstrahlen leuchtete. Dann verschwanden auch diese. Das diffuse Restlicht am Horizont beleuchtete die Berge vor mir wie mit einer gigantischen Softbox. Im Tal war es bereits Nacht, und auch über den Bergen begannen die ersten Sterne zu funkeln.

Nach und nach erschienen immer mehr Sterne. Ich wusste, dass ich nicht viel Zeit haben würde, denn schon bald sollte der Mond aufgehen, was mir die Sicht auf die Milchstrasse erschweren würde. Aber es blieb mir genug Zeit, und auch nach dem Mondaufgang wollte ich dessen Licht nutzen, um das eine oder andere Foto zu machen. Ein paar Steinböcke kletterten weiter oben umher, ich konnte sie nur als dunkle Schatten vorbeihuschen sehen. Darauf hoffend, dass sich kein Stein löst und mich oder die Kamera trifft, stand ich da und schaute dem herrlichen Spektakel vor mir zu. Die Milchstrasse bewegte sich langsam über den Himmel, während das letzte Licht des Tages langsam verglühte.

Und dann drehte ich die Kamera etwas nach links. Das kleine, krumme Bäumchen wurde im Sucher sichtbar, die Aiguille Verte rutschte anstelle des Mont Blancs in die Bildmitte, und alles schien zu passen. Mir fiel auf, dass mir dieser Bildausschnitt sogar noch deutlich besser gefiel. Diesmal war ich mir sicher, dass ich das Foto hatte, auf das ich hoffte. Und ich brauchte dafür nichts anderes zu tun, als die Kamera ein paar Grad weiter nach Osten zu drehen.

Zufrieden und mit kalten Fingern packte ich meine Sachen wieder zusammen. Ich hatte endlich das gefunden, wonach ich all die Male gesucht hatte. Sogar noch viel mehr als das. Vor allem auch wieder einmal die Bestätigung, dass man mit Beharrlichkeit weit zu kommen vermag. Und man nie damit aufhören sollte, sich umzudrehen und in alle Richtungen zu blicken; vermeiden sollte, einen Tunnelblick zu entwickeln. Wäre ich an diesem Tag nicht so entspannt und offen für andere Möglichkeiten gewesen – ich hätte dieses eine Foto bestimmt wieder verpasst. Und vermutlich hätte ich es schon viel früher finden können, wäre ich entspannter und offener an die ganze Sache herangegangen.

Was ich daraus lernte, wieder einmal? Niemals diesen Tunnelblick zuzulassen. Denn er verhindert, dass man finden kann, wonach man sucht. Selbst und gerade dann, wenn man gar nicht weiss, wonach man eigentlich sucht und nur einem Gefühl hinterherhetzt. Einer diffusen Idee – wie Nebel.

Im Licht des aufgegangenen Mondes machte ich mich auf den Weg zurück zum Parkplatz.

 

Auf dem Rückweg vom Col de la Forclaz hinunter nach Martigny hielt ich noch einmal kurz an und bewunderte die Sicht hinab ins Rhonetal. Tausende Lichter schienen da unten am Talgrund zu tanzen, während darüber die Sterne glitzerten und der Mond mit seinem fahlen Licht die Schatten leicht aufhellte. Und über dem gesamten Rhonetal hingen feine Nebelschleier. Wie letzte Erinnerungen daran, dass sich dieser Nebel nur dann löst, wenn man nicht der Versuchung erliegt, einen Tunnelblick zu entwickeln.

 

 

Eine Woche später beendete eine Kaltfront den gefühlt ewig dauernden Sommer… Und brachte auch dem Lac d’Emosson den ersten Schnee. Der kurze Zauber des goldenen Herbstes verschwand unter einer dünnen Schneedecke, und die ersten Strassen wurden für den Winter gesperrt.

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