Gorges de la Jogne – Herbst in der Jaunbachschlucht

Gorges de la Jogne – Herbst in der Jaunbachschlucht

Als sich der Herbst nach einem fast endlosen Sommer endlich zeigte, war für mich die Zeit gekommen, wieder einmal die Gorges de la Jogne – die Jaunbachschlucht – in ihrem Herbstkleid zu besuchen.

Bei meinem letzen Besuch war es Frühling, der Mai war da und es regnete. An diesem einen Tag regnete es sogar richtig stark und Neuschnee bedeckte die freiburger Voralpen, als ich wieder aus der Jaunbachschlucht heraus kam. Doch diesmal wars Herbst, nicht Frühling. Und das Wetter schien völlig anders zu sein. Freundlicher, ruhiger. Also machte ich mich auf den Weg in die Gorges de la Jogne.

 

Es war Sonntag. Der erste Tag des diesjährigen Herbstes mit relativ dichtem Nebel. Auf der Hinfahrt konnte man den Greyerzersee nicht einmal erahnen, der Nebel war so dicht. Doch ab Bulle rissen die Nebelschwaden auf, der Moléson und die umliegenden freiburger Voralpen wurden sichtbar. Am Ziel – dem Beginn der Gorges de la Jogne – angelangt, war überhaupt kein Nebel mehr zu sehen. Stattdessen erreichten die ersten Strahlen der goldenen Herbstsonne den gegenüberliegenden Hang. Im leichten Wind rauschten die herbstlich gefärbten Bäume, gemeinsam mit dem dahinfliessenden Jaunbach.

Nachdem ich dem Flusslauf der Jogne, wie der Jaunbach auf französisch heisst, entlangspaziert war, setzte ich mich hin und betrachtete das vorbeiströmende Wasser vor mir. Der Kontrast aus warmen Farben darüber und der kalten Farbe des Wassers bewegte mich schlussendlich dazu, schon hier die Kamera auf das Stativ zu stellen und mit einem ND-Filter die Verschlusszeit zu erhöhen, um sanftes Wasser zu bekommen.

Aus einem lauten, rauschenden Gewässer wurde… Stiller Nebel. Ein auf Foto festgehaltener Moment, eine Zeitspanne von einigen Sekunden. Ich fotografiere gerne mit langen Verschlusszeiten. Der Effekt der Zeit wird für das menschliche Auge plötzlich erfassbar. Die Auswirkungen werden auf einem Foto sichtbar. Aus scharfen Objekten werden weiche Spuren.

Und man (oder zumindest ich) wird viel ruhiger. Alleine schon deshalb, weil mehr notwendig ist, als für ein Foto aus der Hand.

Zuerst will ein schöner Blickwinkel gefunden werden. Dann kommt das Stativ zur Hand und wird aufgestellt, die Kamera darauf befestigt und der Blickwinkel angepasst. Etwas, das manchmal gar nicht so einfach ist. Jeder der selber fotografiert, wird das kennen – dann werden Filterhalter und schlussendlich Filter, manchmal auch ein Fernauslöser an der Kamera befestigt. In dieser Zeit hätte man bereits freihändig ein Foto gemacht und wäre schon längst ausser Sichtweite. Weitergegangen, ohne sich die Zeit zu nehmen, einmal still dazustehen und dem Lauf der Zeit zuzuschauen. Etwas, wovor wohl kaum jemand sicher ist.

 

 

Ich packte mein Zeug wieder zusammen und folgte dem Jaunbach noch ein wenig flussaufwärts, wo ich einen anderen, hübschen Blickwinkel auf das Wasser vermutete. Ganz zufrieden war ich mit dem Blickwinkel nicht, aber immerhin stand das Stativ stabil ohne wegzurutschen. Eine gewisse Art von Luxus, die es nicht immer so schnell gibt. Wieder stellte ich mein Stativ auf… Und das ganze Prozedere begann von vorne. Das ist immer eine sehr wertvolle Zeit, denn diese Zeit benötige ich alleine schon dafür, um die Szenerie um mich herum zu begreifen. Und sie zu begreifen ist notwendig. Denn nur wenn ich sie begreife, fühle und ansatzweise verstehe, kann ich ihre Stärken und Schwächen erkennen. Und nur dann kann ich ihre Stärken im bestmöglichen Licht abbilden und auf Film, bzw. Speicherkarte festhalten. Habe ich nicht genug Zeit um mich mit der Umgwebung vertraut zu machen, werden auch die Fotos dementsprechend. Sie schwimmen obenauf, sind flach und es fehlt schlichtweg an Tiefe und Sinn.

 

Meiner Ansicht nach fehlte irgendwas in der vorherrschenden Stimmung, oder – viel wahrscheinlicher – ich konnte es einfach nicht finden. Daher machte ich mich nach ein paar wenigen Fotos zufrieden auf den Rückweg. Denn ich wusste, dass ich unterwegs noch mehrere, schöne Orte antreffen werde. Den Rückweg verlegte ich direkt ans Wasser und folgte der Jogne an ihrem Ufer, nicht einige Meter weiter oben auf dem normalen Spazierweg.

 

 

Als ich nach einiger Zeit am fliessenden Wasser endgültig den Rückweg antrat, dem Jaunbach für diesen Tag den Rücken zudrehte und zurück zum Parkplatz lief, hörte ich schon von weitem viele Menschen. Sonntagsausflügler mit freude an der Natur – genau wie ich, nur würden die meisten vermutlich an diesen kleinen Orten vorbeispazieren. Kaum einer würde wohl anhalten und sich die selbe Zeit nehmen, um einen kurzen Augenblick lang einfach… Nur zuzuhören, zuzuschauen und den Moment vorbeiziehen lassen. Obwohl es manchen davon vermutlich genau so gut tun würde wie mir selber… Wenn ich es denn hinbekomme und diese Ruhe hineinlassen, bzw. die Unruhe davonziehen lassen kann. Wenn. Manchmal klappt es, manchmal nicht. Aber genau so ist das eben, wenn man die Landschaft als Fotomodell hat. Irgendwas passiert immer, irgendwas lässt sich immer lernen. Mal Dinge um einen herum, mal Dinge in einem selbst. Und sieht man nichts, muss man sich manchmal nur umdrehen oder einen Schritt zur Seite machen. Oder… In sich hineinhören.

 

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