Sturm am Genfersee

Sturm am Genfersee

Der Genfersee. Zweitgrösster See in Mitteleuropa, über 300m tief und bekannt für die zahlreichen Sehenswürdigkeiten. Von den Weinbaugebieten um Lavaux bis hin zum Chateau de Chillon, Montreux mit seinem Jazz Festival, Vevey mit dem Hauptsitz von Nestlé, Genf, der UNO… Besungen und bekannt durch Smoke on the Water… Morgens liegt er oft ruhig da, im Licht der aufgehenden Sonne, mit feinen Nebelschleiern direkt über der Wasseroberfläche, Fischer fahren mit ihren kleinen Booten hinaus auf den See, Kormorane strecken und recken sich…

Doch manchmal wird der Genfersee böse.

Und genau dafür machte ich mich dreimal auf den Weg, um mich mit Kamera, ND-Filter und viel Vorfreude an seine Ufer zu stellen und dem Wetter zu trotzen.

 

Der erste Sturm

Den ersten Sturm erlebte ich an mehreren Orten. Zuerst führte mich der Weg nach Préverenges. Der Wind blies mir den Regen ins Gesicht und gegen die Kamera, der ND-Filter tropfte und es war kaum möglich, ihn trocken zu halten. Der starke Wind kühlte mich schnell aus, und schon bald fühlten sich die Finger wie versteinerte Krallen ohne Feingefühl an.

Durch die Wellen und den Regen bereits nass geworden, wärmte ich mich im Fahrzeug auf. Nach kurzem Überlegen entschied ich mich dazu, einen weiteren Ort am Genfersee anzusteuern. Während der Sturm den See aufwühlte und die Scheiben wegen der nassen Kleidung ständig zu beschlagen drohten, führte mich der Weg durch Lausanne hindurch. Und nach einiger Zeit stand ich wieder am See. Doch bevor ich dort stand, wo ich hin wollte, fand ich eine kleine, unscheinbare Treppe. Sie führte hinein in den See, und die Wellen umspülten sie weiss schäumend. Mir gefiel dieser Anblick, und so verbrachte ich einige Zeit dort, bevor mich mich wieder aufmachte.

Denn das eigentliche Ziel war ein Konstrukt aus Metall und Beton – ein Sprungturm im See. Ich wollte ihn unbedingt bei Sturm fotografieren und hoffte auf schöne Wellen, und… Genau das bekam ich zu sehen. Die Wellen waren stark, der See aufgewühlt, die Wolken unheilvoll dunkel. Während ich da stand, überspülten sie ständig den kleinen, zum Turm führenden Betonweg.

 

Der zweite Sturm

Für den zweiten Sturm suchte ich mir einen Platz an einem anderen, felsigen Uferabschnitt. Die Kamera richtete ich auf einen grossen Felsen, der mehr und mehr von stetig grösser werdenden Wellen umspült wurde. Das Wetter war überraschend – während in einiger Entfernung dunkle Wolken über den See zogen und schnell vorbeiziehende Regenvorhänge sichtbar waren, blieb es an meinem Standort warm und windstill.

 

Die Wellen wurden grösser, und schon bald erreichten sie meine Füsse und das Stativ. Der Fels wurde nicht mehr nur umspült, sondern schon fast vollständig überspült. Und dann kamen die Vögel. Sie flogen in Scharen über mich hinweg – gefolgt von dunklen, tiefhängenden Unwetterwolken. Und kurz nach ihnen kam der Wind und Regen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich allerdings schon das Foto gemacht, das ich haben wollte… Und konnte in aller Ruhe zusammenpacken.

 

 

Der dritte Sturm

Zwischenzeitlich war ich erkältet, doch kaum war ich wieder gesund, stand schon der nächste Sturm an. Für die gesamte Westschweiz wurde eine Sturmwarnung ausgegeben, und es wurde vor Windspitzen bis 100km/h im Flachland gewarnt. Grund genug für mich, meine Sachen zu packen und wieder an den Genfersee zu fahren. Dort war sogar Gewitter vorhergesagt, doch an solch heftiges Unwetter glaubte ich nicht. Noch nicht. Das sollte sich schon bald ändern.

Als ich aus dem Auto stieg, wehte bereits ein ziemlich frischer Wind. Das andere Seeufer war kaum noch zu sehen, Regenschleier zogen über den See. Und während ich am Ufer entlangging, um zu meinem angepeilten Platz zu gelangen, spürte ich bereits, dass etwas in der Luft lag. Etwas… Grösseres, stärkeres als während den beiden Malen zuvor. Diesmal war der See aufgewühlter. Böser. Und es dauerte noch eine Stunde bis zum angekündigten Höhepunkt des Sturms. Eine Kaltfront trieb wieder winterliche Luft durch die Schweiz, und die Wolken sollten in der Nacht noch Schnee bringen. Doch zu dem Zeitpunkt war davon noch nichts zu sehen. Es herrschten 6° und der Wind wurde zunehmend stärker. Die dunklen Wolken am Horizont kamen näher, und auch über den Bergen am Südufer des Genfersees wurde es zusehends düsterer.

Die Wellen wurden aggressiver und rüttelten am Stativ. Die Schuhe wurden nass, aber das war mir egal. Ich war glücklicherweise gut eingepackt; kalt war mir nicht. Im Gegenteil, ich genoss das Wetter. Der Regen wurde stärker und stärker, und ab einem gewissen Punkt war die Sache aussichtslos. Ich konnte den ND-Filter so oft putzen wie ich wollte – sofort war er wieder so verregnet, dass das Wasser an ihm herabtropfte. Also stellte ich die Kamera zur Seite und schaute dem Wetter zu… Darauf wartend, dass der Regen wieder etwas nachlässt. Die Sichtweite wurde immer geringer, bis selbst das benachbarte und recht nahe gelegene Vevey im Regen verschwand.

Und dann verschwanden die Regenschwaden. Die Wolken rissen für einen kurzen Augenblick auf, und die Sonne erreichte den See.

Doch schon kurz darauf verschwand die Sonne wieder, und der Sturm wurde noch bedrohlicher. Die Wolken dunkler, der Wind bedrohlicher, die Wellen höher. Nur ein einziges, kleines Wolkenloch am Himmel zeigte noch ein wenig blauen Himmel…

Und schon bald verschwand auch dieses letzte Wolkenloch… Und die dunklen Wolken beherrschten wieder die Szenerie. Der Wind wurde lauter denn je. Während die Gewitterzelle vor mir über dem See kräftig blitzte, stürzte eine weitere Gewitterzelle über die Berge rund um den Grammont herab. Mit lautem Tosen und gewalttätigem Fauchen stürzten die kalten Wind- und Regenmassen herab auf den See und erwischten mich von der Seite. Mächtig ragte die Gewitterzelle über dem See empor und verdunkelte – zusammen mit der anderen – den Himmel vollständig. Kurz bevor mich die andere Gewitterzelle erreichte, machte ich noch ein letztes Foto.

 

Und dann… Packte ich schnell alles zusammen und machte mich auf dem Rückweg. Gerade rechtzeitig. Auf dem Rückweg wurde der See richtig böse – ja fast schon tollwütig. Die Wellen wurden immer höher, schlugen gegen die grossen Felsblöcke am Ufer und spritzten Meterhoch hinauf… Und brachen über mir zusammen. Welle um Welle erwischte mich, bis ich bis auf die Unterwäsche durchnässt war.

Nach kurzer Zeit erreichte ich das Auto… Und freute mich darauf, mir zuhause die Fotos anzusehen… Eingepackt in eine warme, trockene Decke.

 

 

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