Vor dem Schnee

Vor dem Schnee

Am Abend des ersten Novembers wehte ein starker, mässig warmer Westwind. Die Masten der Schiffe im Hafen bewegten sich in der Dunkelheit im zunehmenden Wind. Das Wetter schien sich über Nacht zu ändern, denn die Bewölkung nahm über den Abend immer weiter zu. Wir thematisierten das Wetter und den folgenden Tag. Blieben unsere Pläne davon unbeeindruckt, oder sollten wir wetterbedingt etwas anderes tun? Die Wellen auf dem Neuenburgersee schlugen gegen die Felsen neben der Promenade in Portalban, der Wind drang durch die Kleidung und zerrte an uns. Zuvor standen wir von Bergen umgeben an einem See, warteten vergeblich auf etwas Farbe am Himmel. Stattdessen zogen kurz vor Einbruch der Nacht farblose, schleierhafte Wolken über den See und versperrten die Sicht auf den Himmel. So konnten wir die Wolken nicht erkennen, doch vermutlich zogen sie in geringer Höhe schnell über uns hinweg. Und die Wetterprognosen für die nächsten Tage versprachen vor allem eines: Regen. Viel davon… Und überall.

Während wir auf der Promenade entlangliefen, waren wir uns noch nicht sicher, ob wir den folgenden Tag wie geplant verbringen sollten. Die letzten Tage des Herbstes waren da, und der erste Vorbote des Winters sollte bereits am darauffolgenden Tag durch die Berge ziehen und sie schneeweiss hinterlassen. Doch tagsüber sollte es durchgehend regnen. War es vernünftig, mehrere Stunden in die Berge hinein zu fahren, wenn der Regen möglicherweise zu stark sein würde? Wassertropfen von den zunehmend grösseren Wellen wehten zu uns herüber, wie ein Vorgeschmack auf den folgenden Tag. Die Entscheidung wurde auf den nächsten Morgen verlegt. Mehr konnten wir ohnehin nicht tun, und die Wettervorhersage blieb unverändert. Regen… Und möglicherweise Schneefall. Danach? Nur noch Schneefall. Der Schlaf kam recht früh, und es folgte eine ruhige Nacht.

 

Hoch hinaus

Ich öffnete die Augen, und irgendwas in mir drängte mich dazu, die Wettervorhersage nochmals anzusehen. Ich hatte schon damit gerechnet, den Tag ruhig zu verbringen, doch manchmal ändern sich im letzten Moment entscheidende Dinge. Und tatsächlich. Es war immer noch Regen vorhergesagt, doch gegen 14h bestand die Chance auf kurze Aufhellungen. Grund genug, es zu versuchen. Also packten wir in Ruhe unsere Sachen… Und machten uns auf den Weg.

Der Weg führte uns auf die Autobahn nach Süden. Vorbei an den wolkenverhangenen Voralpen, dem matt wirkenden, dunklen Greyerzersee entlang. Der Moléson zog unsichtbar an uns vorbei, die Wolken versteckten ihn vollständig. Nach Châtel-St-Denis blinkten uns orangefarbene Warnlampen entgegen. Grosse Tafeln mit Verhaltensregeln für den Schwerverkehr kündigten das steile Autobahnstück bis nach Vevey an. “Le fameus toboggan de l’A12”, wie ihn die Einheimischen nennen. Die Rutschbahn der A12, immer wieder gut für Zeitungsartikel über verbogenes Blech. Spätestens sobald der erste Schnee fällt, würden die Pannenstreifen wieder bevölkert werden von Menschen, die – wieder einmal – den richtigen Zeitpunkt verpasst hatten, ihren Autos Winterreifen zu spendieren. Der Weg führte hinab an den Genfersee, der hinter Nebelschwaden und tiefhängenden Wolken versteckt blieb. Vorbei an der rot-weiss karierten Notfallspur, die in einem Kiesbett endete. Für Schwerverkehr, dessen Bremsen versagen. Ich dachte darüber nach, was passieren würde, wenn ein Lastwagen mit schwerer Fracht in dieses Kiesbett hineinfährt. Es entstünde eine Bugwelle aus Kies, die das Fahrzeug zwar stoppen könnte, aber die Fracht… Würde sich unter Umständen ungehindert weiter nach vorne bewegen. Keine besonders attraktive Vorstellung.

Ein letztes Mal am Lac d’Emosson stehen, goldene Lärchen bewundern, den Blick zum Mont Blanc Massiv und zum türkisfarbenen See bestaunen, bevor der Winter kommt. Und mit etwas Glück ein paar Fotos mit nach Hause nehmen können. So war der Plan. Ich rechnete an einem Tag wie diesem mit wenigen Besuchern am See. Etwas, worauf man sich meist verlassen kann. Doch genau wissen kann man es nie, und manche Dinge entziehen sich der eigenen Aufmerksamkeit gleich vollständig. Einmal musste ich viele Kilometer mehr gehen, weil ausgerechnet an dem Tag ein jährlich stattfindender Lauf über die Berge stattfand. Überraschungen hatte ich schon oft. Doch an diesem Tag schienen keine nennenswerten Überraschungen aufwarten zu können. Selbst etwas Schneefall hätte mich nicht überrascht.

Das Wetter verfinsterte sich zusehends. Die Informationstafeln zum Zustand der Pässe zeigte ebenfalls eindeutig: Es ist der Vorabend des Wintereinbruchs. Der Grosse Sankt Bernhard war bereits geschlossen wegen Schneefall, für andere Pässe galt Rutschgefahr wegen Frost und Schnee. Glücklicherweise war unser Weg nicht davon betroffen, der einzige Pass vor uns war niedriger und in geschützterer Lage. Dafür krochen die Wolken zwischen den Bergen entlang, brachten ab und zu etwas Regen und sorgten für ein düsteres, gespenstisches Szenario. Die letzte grosse Autobahnraststätte auf dem Weg begrüsste uns mit aufgewirbeltem Sand, der sich im starken Wind wie Nadelstiche im Gesicht anfühlte.

Der Wind riss an den Autotüren und liess die Wellen im benachbarten See weisse Krönchen tragen. Die letzte Raststätte, bevor es richtig hinein in die Berge gehen würde. Immer wenn ich ins Wallis gehe, halte ich an dieser Raststätte, um mich mit Essen und Trinken einzudecken. So auch diesmal. Und dann ging es weiter. Ein einfaches Sandwich essend schaute ich aus dem Fenster. Durch die Rebberge ging es hinauf, fast wie in einem Flugzeug. Die Häuser von Martigny wurden zusehends kleiner, bis die Sicht durch beginnende Wälder versperrt wurde. Kurve um Kurve wurde es düsterer, und schon bald verschwand Martigny weit unten in den Wolken. Schlagartig veränderte sich die Stimmung, und aus den nebligen, bewaldeten Hängen blickten schon teilweise kahle Bäume mit knorrigen Ästen. Die Lärchen blickten halb kahl mit schon orangefarbenen Nadeln auf uns herab, und auf der Strasse wirbelten viele Blätter umher.

Wir liessen die Passhöhe hinter uns. Leblos wirkten die Gebäude, der Parkplatz war menschenleer. Für einmal konnte ich im Vorbeifahren den völlig zerstörten Belag des Parkplatzes betrachten. Wieviele Menschen er wohl schon gesehen hatte? Bestimmt viele, und vermutlich schon seit vielen Jahrzehnten.

Der Weg führte wieder abwärts. Vorbei an der rosafarbenen Kirche von Trient, vorbei an den Gorges Mystérieuses. Das Vallée du Trient hinter uns gelassen und fast in Frankreich angelangt, führte uns der Weg wieder aufwärts. Kurve um Kurve ging es hinauf durch die Wolken, weiter, aufwärts bis nach Finhaut. Ein Dorf, das zwischen bodenlosen Schluchten und schroffen Bergspitzen zu hängen scheint; genaut auf einem kleinen Vorsprung, stets so wirkend, als würde ein leichtes Rütteln ausreichen, um alle Häuser abrutschen zulassen… Hinunter in diese tiefe Schlucht, deren Boden ich noch nie zu Gesicht bekommen habe. Inzwischen waren wir permanent von sich schnell bewegenden Wolken eingehüllt, und es regnete Lärchennadeln. Der Weg wurde schmaler, die Häuser wurden kleiner, die Abstände zwischen ihnen grösser, bis das letzte Haus im Rückspiegel im Nebel verschwand. Die Zivilisation war – bis auf die Strasse unter den Rädern – wieder vollständig vom Nebel verschluckt. Unsichtbar, inexistent. Doch… Irgendwas war anders, irgendwas stimmte nicht.

Im Nebel vor uns war etwas. Weisslich stand es mitten auf der Strasse und leuchtete uns entgegen. Ein entgegenkommendes Auto? Doch dann die Gewissheit: eine Schranke. Die Strasse war bereits für den kommenden Winter gesperrt worden, vermutlich am Abend vorher. Kurzerhand entschieden wir uns dazu, den restlichen Weg zu Fuss zurückzulegen. Die noch vor uns liegenden Kurven konnten wir an einer Hand abzählen, und das Wetter zeigte sich gerade nicht von seiner schlechtesten Seite. Und so zogen ging es los.

Schon bald war die Schranke ebenfalls im Nebel verschwunden, und der Weg führte aufwärts. Wie die Nebelfetzen um uns herum stiegen auch wir weiter auf – vorbei an Felsblöcken und alten Lärchen. Mancherorts waren alle Bäume talwärts abgeknickt, die Stämme geborsten, Äste zerrissen; im vergangenen Winter polterte eine Lawine aus den Bergen herab, die wir in dem dichten Nebel kaum erahnen konnten, und riss sie talwärts. Tief hinunter in die Schlucht, deren Boden jetzt nochmals mehrere hundert Meter weiter unten lag.

Als wir die hälfte der Strecke hinter uns gelassen hatten, verschwand der Nebel für einige Zeit. Die Wolken stiegen höher hinauf, und aus den nun sichtbaren Wäldern stiegen Dunstschwaden empor. Nach wie vor regnete es Lärchennadeln, und der Wind strich durch die Blätter, zerrte an ihnen und wirbelte sie um uns herum. Schon bald würden keine Blätter mehr an den Bäumen hängen. Der Winter stand vor der Tür.

 

 

Hinein in die Berge

Nach der letzten Kurve blies uns der vom Mont Blanc her kommende Wind den Regen ins Gesicht. Stark drückte er gegen die Schultern, und Regen prasselte auf uns. Kein allzu starker Regen, aber er reichte aus, um die Sicht nach vorne zu erschweren. Die kleinen, Harten Regentropfen fühlte man deutlich im Gesicht, selbst durch die Jacke hindurch konnte ich sie fühlen. Das Wetter verschlechterte sich mit jeder Sekunde.

Wind und Niederschlag nahmen weiter zu, als rechts von uns ein Tunnel auftauchte. Ein dunkler Eingang mit offenen Metalltoren. Der Wind rüttelte an ihnen und sie polterten blechern im starken Wind. Eine Schranke versperrte den Weg für Fahrzeuge, doch für Menschen zu Fuss blieb genug Platz. Rechts vom Tunneleingang stand eine alte Metalltüre einen Spalt weit offen. Ich wagte einen Blick hinein, doch was ich sah, war keine Überraschung. Der Boden voller nasser Steine und etwas Müll. Von der Wand hing ein Kabelkanal aus Metall, das Kabel hinderte ihn daran herunterzufallen. Und so schaukelte er im Wind, der Stossweise durch den Türspalt hineinwehte.. Und mir die nasskalte, abgestandene Luft aus dem Inneren entgegenwirbelte. Unterwegs hatten wir bereits über diesen Tunnel gesprochen, aber es dann dabei belassen. Doch da standen wir jetzt, direkt vor diesem grossen, dunklen Loch in den Berg hinein, während um uns herum der Wind den Regen umherblies. Also bogen wir ab… Und folgten dem Weg ins Dunkel.

Der Tunnel war unverkleidet, der nackte Fels war schroff und zackig überall um uns herum zu sehen. Risse durchzogen ihn, und überall tropfte Wasser von der Decke, bildete Pfützen und kleine Rinnsale flossen an den Seiten entlang hinab. Mit jedem Schritt wurde es dunkler. Die Farben blieben am Tunneleingang zurück, der Fels wirkte wie alles… Einfarbig. Die Windgeräusche und der Regen von draussen waren verstummt, einzig das blecherne Scheppern der Metalltore war hinter uns zu hören. Doch auch die wurden immer leiser, und das allgegenwärtige Tropfen begann uns von allen Seiten her einzunehmen. Die schwachen Lampen erreichten kaum die andere Tunnelseite und standen so weit auseinander, dass dazwischen Dunkelheit herrschte. Und nach einiger Zeit hielten wir an. Rechts von uns verschwand die Tunnelwand und machte einem völlig schwarzen Loch Platz. Ich stand da, die Augen weit geöffnet und in die Schwärze starrend, und doch konnte ich nichts erkennen. Ich sah nicht, was vor mir lag. Ein weiterer Tunnel? Eine Nische? Ein Loch? Wie weit würde es hinein führen? Hinauf oder abwärts oder doch nur geradeaus? Das einzige was ich von dort spürte, war absolut… Nichts. Dunkelheit und vollständige Leere. Von diesem Gefühl überrascht, holte ich eine Lichtquelle hervor und beleuchtete diesen dunklen Ort. Das eigenartige Gefühl vor der absolutesten Leere zu stehen, verschwand langsam. Es war nur eine Nische, gefüllt mit Staubigem Boden… Und einem alten, völlig verstaubten Boot. Wie lange es wohl schon dort stand? Wie seltsam, ein Boot in einem Tunnel zu sehen.

… wir gingen weiter, die Taschenlampe verschwand wieder in der Tasche. Doch diesmal griffbereit. Auf der linken Seite sahen wir vor uns Helligkeit. Das Licht war nicht orangerot wie das der spärlichen Tunnelbeleuchtung. Es war ein Durchbruch im Fels, von einem Fenster verbaut und mit Sicht nach draussen. Ein Blick auf den See zeigte: draussen beherrschte Wind und Regen die Welt, während es im schützenden Tunnel ruhig war… Bis auf das allumgebende Tropfen. Doch schon bald darauf war das Tageslicht wieder hinter uns, uns die von schwachen Lampen unterbrochene Dunkelheit umgab uns wieder, während das Zeitgefühl… Irgendwo beim Eingang zurückgeblieben war.

Als wir uns dem Tunnelausgang näherten, hatte sich das Wetter erneut geändert. Die Regenschauer waren weitergezogen, und die dichten Wolken hatten sich ebenfalls ein wenig aufgelockert. Weit über dem See stehend blickten wir uns um, und befanden uns… Irgendwo. Weit über dem Wasser. Irgendwo zwischen Felsen und Schnee, in einem norwegischen Fjord, auf vorgelagerten Inseln mit gefühlt ewigem Winter… Oder eben genau hier. Mitten in den Alpen, in Reichweite des Mont Blancs, umgeben von Gletschern und hohen, schneebedeckten Bergen. Und unter uns der türkisfarbene See. Oder doch das Meer?

 

Nach kurzer Zeit sahen wir Vögel. Eine Gruppe Alpendohlen flog an uns vorbei über den See, über die Staumauer hinaus… Und damit auch aus unserem Blick. Alpendohlen, keine Möwen. Wir waren definitiv noch in den Alpen. Doch ohne zu wissen woher wir kamen, hätte man es nicht mehr mit Sicherheit sagen können.

Wir folgten der schmalen Strasse bis auf über 2000m, von wo aus der Blick auf das hintere Ende des Sees frei wurde. Wunderschön tauchten die frisch mit Neuschnee überzuckerten Berge aus den Wolken, Wasserfälle stürzten überall um uns herum die Hänge hinab in den See. Und die letzten, kleinen Lärchen leuchteten golden im ab und zu hindurchscheinenden Sonnenlicht. Der Regen war inzwischen weit milderem aber dennnoch windigen Wetter gewichen, und die Sonnenstrahlen beleuchteten die noch nass glänzenden Felsen um uns herum. Manche abgerundet und grün, andere anthrazitfarbig und schroff… Und mittendrin standen wir, als letzte Menschen vor dem kommenden Wintereinbruch, am Vorabend des ersten Schneefalls, der mindestens eine Woche dauern würde und alles unter einer Schneedecke begraben würde… Bis zum nächsten Jahr, wenn die Schneeschmelze einsetzt und den Weg wieder freigibt.

Nach jeder Kurve entdeckten wir neue Wasserfälle, spannende Felsformationen oder Bäumchen. Manch eine Stelle wirkte sehr einladend, doch wir setzten uns nirgendwo hin, machten keine Pause. Die Tage waren jetzt zum Novemberbeginn bereits deutlich kürzer geworden, vor uns lag noch eine weite Wegstrecke… Und der Tunnel. Den Mont Blanc wollten wir auch noch fotografieren, falls es das Wetter zulassen würde. Etwas, das nur von der Staumauer aus machbar war, oder zumindest aus deren Nähe. Am Ende des Sees entdeckten wir ein kleines Haus – dort schien auch der Weg zu enden. Doch schon vor Erreichen des Häuschens drehten wir um und machten uns auf den Rückweg. Schon so war mir klar, dass wir in die Dunkelheit hinein kommen würden. Die Dämmerung stand vor der Tür, gefolgt von der Nacht… Und anhaltendem Schneefall.

 

 

 

Wir verabschiedeten uns von diesem wundervollen Anblick, begrüssten aber den Blick in die entgegengesetzte Richtung. Denn dort geschah so einiges. Mit freiem Blick in Richtung der Aiguille Verte sahen wir, wie sich auch dort die Wolken lichteten. Immer mehr Bergspitzen wurden sichtbar, bis sich nur noch ein paar Wolkenfetzen um die Spitzen bewegten… Wie Watte, die an Felsspitzen hängen bleibt.

Je weiter wir uns dem Tunnel näherten, desto mehr lockerte die Wolkendecke auf. Die Hänge auf der anderen Seite des Tals wurden bereits von vereinzelten Sonnenstrahlen getroffen und leuchteten golden. So war für uns klar: obwohl die Zeit knapp war, mussten wir es versuchen und einen kleinen Umweg machen, um vielleicht doch noch einen letzten Blick auf den Mont Blanc zu bekommen. Doch zuerst lag der Tunnel vor uns. Das dunkle Loch schien uns zu erwarten. Was für eine absurde Vorstellung, doch wirklich abschütteln liess sie sich nicht – ein nicht näher definierbares Gefühl blieb bestehen.

Kaum schritten wir durch den Tunneleingang und betraten den Berg, hüllte uns sofort das allgegenwärtige Tropfen ein. Augenblicklich waren wir wieder im Bauch des Berges, abgeschottet von jelichen Geräuschen von aussen. Als würde hier Zeit nicht existieren. Selbst die Farben blieben am Eingang zurück. Kein Geräusch war mehr zu hören, kein Licht mehr zu sehen und kein Luftzug zu spüren. Besonders das irritierte mich, denn in solchen Tunneln spürt man normalerweise immer einen gewissen Luftzug. Hier jedoch… Nichts. Nicht der kleinste Hauch war zu fühlen. Und während wir Schritt für Schritt weiter in den Tunnel gingen, verschwand der Eingang hinter einer Kurve… Auch hinter uns wurde es dunkel.

Obwohl die Lampen nach wie vor an den selben Stellen an der Tunnelwand befestigt waren, wirkte die Dunkelheit diesmal einnehmender. Stärker. Und die Abstände zwischen den Lampen länger. Wie kleine Inseln aus Licht, in einem unendlichen Meer aus Dunkelheit.. Ohne Wände, ohne Richtung und ohne Licht. Und die Inseln schienen seit unserem letzten Durchschreiten kleiner geworden zu sein.
Die Augen passen sich der Dunkelheit bis zu einem gewissen Punkt an, werden empfindlicher, öffnen sich weiter, lassen mehr Licht hinein. Dieser Prozess benötigt einige Zeit um sich vollständig zu entfalten, doch schon nach wenigen Minuten nimmt die Sicht bei Dunkelheit spürbar zu. Normalerweise. Doch hier funktionierte es nicht. Irgendwas war eigenartig, und ganz langsam begann es uns unbemerkt zu umgeben… Vor uns führte der Tunnel mit leichtem Gefälle abwärts, der Ausgang war noch von Fels verdeckt. Kein Lüftchen kam uns entgegen, und auch der Ausgang hinter uns war bereits hinter einer Kurve verschwunden. Rundherum nur Fels und weiter vorne eine kleine Lampe an der Tunnelwand… Und das nach wie vor allgegenwärtige Plätschern. Etwas war anders, eigenartig und ungewohnt. Erst spürten wir es nur, konnten es nicht genau definieren. Doch allmählich spürte ich eine Veränderung. Als wäre in der Dunkelheit auch ein Teil von mir selbst verschwunden. Irgendwo in der unendlichen Leere. Denn genau so fühlte es sich an. Es war die absolute Abwesenheit von Licht, obwohl vor uns eine Lichtquelle war. Sie reichte nicht bis zu uns. Die kleine Licht-Insel schien in unendlicher Ferne zu liegen, und wir… Wurden zunehmend zu zwei Gedanken in einem endlosen Raum, zwei miteinander kommunizierende, körperlose Stimmen. Wir blieben stehen, schauten an uns herab und hielten uns die Hände vor Augen, doch es war nichts zu sehen. Kein sich bewegender Schatten, keine Form, keine Struktur. Nichts. Nach wie vor, selbst nachdem wir es angesprochen hatten und uns theoretisch anschauten… Waren wir lediglich zwei Gedanken im Leeren. Spürten wir die Füsse tatsächlich auf dem Boden, oder war es nur die Erinnerung daran? Mir kam die Idee, die Hände zur Lichtquelle hin zu richten um wenigstens die Silhouetten zu erkennen, doch… Es blieb dunkel. Obwohl vor uns die Lichtquelle zu sehen war. Wir konnten sie sehen, aber uns selber nicht. Als hätte sie sich – oder wir uns – in einer anderen Welt befunden.

Ich fragte mich, was wohl passiert, wenn man einfach dort bliebe… Es war nicht einfach nur dunkel. Es fühlte sich anders an als jede Dunkelheit die ich bisher erlebt hatte, und oh davon gab es schon viel in meinem Leben. Sei es in Form von dunklen Nächten irgendwo, oder in Form von anderen Tunneln und Höhlen. Aber so wie hier hatte ich mich noch nie gefühlt. Selbst dann nicht, wenn gar kein Licht vorhanden gewesen ist. Und hier war sogar Licht, aber… Das änderte nichts daran, dass wir beide das selbe Gefühl hatten. Dieses Gefühl, völlig körperlos zu sein, obwohl man sich bewegt… Die Stimme hört, aber nichts sehen kann, das Gegenüber nur im Kopf, als sich gegenübergestellte Gedanken die miteinander kommunizieren und sich durch einen leeren Raum bewegen. Selbst die Zeit schien hier… Anders zu laufen oder beinahe abwesend zu sein.

Wir machten uns wieder auf den Weg. Und nur in der Nähe der Lampen konnten wir uns sehen. Doch kaum war eine Licht-Insel hinter uns, befanden wir uns wieder in der endlosen Leere… Als körperlose Gedanken, die zusammen dem selben Weg folgten… Insel für Insel erreichten, wieder hinter uns liessen… Bis in weiter Ferne der Tunnelausgang sichtbar wurde. Mit jedem Schritt wurde das hereinfallende Licht stärker, bis wir wieder dort standen, wo uns das Wetter Stunden zuvor hineingetrieben hatte.

 

Und als wir draussen waren, begrüssten uns goldene Sonnenstrahlen. Sie beleuchteten die Hänge des Tals vor uns, und die Lärchen leuchteten golden zwischen den vorbeiziehenden Wolkenfetzen hindurch. Was für ein wundervoller Anblick, dieses klare, goldene Licht. Auch gerade nachdem so lange das düstere, bläuliche Licht des dick verhangenen Himmels die Welt um uns herum beherrscht hatte. So viele verschiedene Lichtstimmungen begleiteten uns durch den Tag, und zum Schluss schien sich das Wetter etwas besonderes ausgedacht zu haben. Das goldene Leuchten in den Hängen vor uns war wundervoll, und hinter den weiss leuchtenden, frisch verschneiten Bergen zogen die dunklen Wolken vorbei. Und dann… Zeigte sich die klar leuchtende Mondsichel am Himmel.

Wir genossen diesen Anblick einen Moment lang, und machten uns auf den Rückweg. Mit jedem Schritt wurde es um uns herum dunkler, und als die Schranke vor uns im Licht der Stirnlampe auftauchte, war es um uns herum bereits Nacht geworden. Durch die Dunkelheit ging es zurück. Und im Schutze der Dunkelheit, nachdem der letzte Lichtschein des davon fahrenden Autos erloschen war, fiel die erste Schneeflocke. Und es folgten viele weitere, tagelang.

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