Im Karstfeld

Im Karstfeld

Die Alpen bieten auf engem Raum unglaublich viele, schöne Orte. Etliche sind wohlbekannt, doch die meisten verstecken sich irgendwo zwischen schroffen Felsen, dichten Wäldern, und fernab der allseits bekannten Strassen. Einer dieser Orte war mir schon vor einigen Jahren aufgefallen. Das Hinkommen stellte für mich – theoretisch – kein Problem mehr dar. Lange genug hatte ich Zeit gehabt, den Weg zu planen. Und trotzdem besuchte ich immer andere Orte, fotografierte in völlig anderen Gegenden, und ging nie dort hin.

Doch dann kam ein neues Jahr. Während in den Bergen immer noch Winter herrschte und die Schneedecke mancherorts meterdick war, strömte Heissluft in die Schweiz und erzeugte eine unüblich heftige Hitzewelle. Doch gleichzeitig wurden die Planungen für diese eine Tour endlich genauer. Ein Datum stand bereits fest, die Übernachtung war geplant. Nur: einige wichtige Informationen fehlten mir. Blinde Flecken, die ich mit Google Maps, usw. nicht zu schliessen vermochte. Es gab nur eine Möglichkeit: bereits vorher hingehen und mich vor Ort umsehen, Überraschungen ausschliessen und damit auch die letzten blinden Flecken aufdecken.

 

Zwischen Hitze und Schnee

Mitten während des Höhepunkts der Hitzewelle zeigte der Weg nur eine Richtung: aufwärts. Anfangs glücklicherweise in einem gekühlten Fahrzeug sitzend. Oben angekommen, strahlte die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab. Der kleine, holperige Parkplatz war bis auf einen alten, rostigen Van völlig leer. Zwei Leute stiegen aus, packten ebenfalls ihre Sachen und zogen in die andere Richtung davon. Ich nahm meinen Rucksack und machte mich ebenfalls auf den Weg.

 

Eis bei 25°

Die gesamte Szenerie wirkte eigenartig. Es trafen Dinge aufeinander, die kaum unterschiedlicher hätten sein können. Ich lief über dicke Schneefelder, rundherum stand die Alpenflora in Vollblüte. Kalter Schnee und Eis unter meinen Füssen, aber umgeben von 25°… In einer Höhe, die solche Temperaturen eher selten zu spüren bekommt.
Die Schneefelder glichen einem See aus Milch, der mitten in seiner Bewegung erstarrt war. Wellenkämme und -täler erschwerten das Gehen, der alte, krümelige Schnee war rutschig, und mancherorts versperrten Schmelzwasserseen meinen Weg.
Kreuz und quer ging es zwischen karstigen Feldern, blühenden Hügeln, blauen Schmelzwasserseen und dicken Schneefeldern stetig aufwärts durch die wundervolle Landschaft. Ein paar Orte wollte ich mir auf jeden Fall ansehen, doch die Wege dazwischen richteten sich nach den Gegebenheiten vor Ort. Manche kleinere Hindernisse waren leicht zu umgehen, während andere, grössere Hindernisse den Weg völlig versperrten und mich zu Umwegen zwangen.

 

Mein erstes Ziel war eine Schwemmebene. Und beinahe hätte ich sie übersehen, denn sie lag noch versteckt unter einer Schneedecke, die mancherorts über einen Meter dick war. Restschneefelder und Wasser sind mir nie besonders geheuer. Manchmal befinden sich nur wenige Zentimeter Schnee zwischen den Füssen und einem darunter liegenden Gewässer. Mal ist es nur eine Pfütze oder ein kleines Schmelzwasserbächlein, das einem die Füsse nass macht. Doch manchmal geht es tief hinunter, bis man dann auf unerwartet tiefes Wasser trifft. Und irgendwie möchte ich es vermeiden, einmal hüfttief im Wasser zu stehen und festzustellen, dass schwere, harte Schneebrocken auf meinen Beinen liegen und mich daran hindern, aus diesem Kneippbecken wieder herauszukommen.

Der Kies des Flussbettes unter meinen Füssen war weich, der noch junge Fluss breit und flach. Nur wenige Zentimeter tief war er hier, doch durch den weichen Kies sank ich bei jedem Schritt ein wenig ein. Kaltes Wasser strömte in meine Schuhe und der aufgesammelte Schlamm wurde Schritt für Schritt wieder weggespült. Eine Spur aus trübem Wasser bildete sich vor mir, und ich dachte darüber nach, wie die losgelösten Partikel irgendwann im Tal landen würden. Die nassen Füsse waren mir egal und die Abkühlung willkommen. Und dann überkam mich eine unerwartete Ruhe. So, wie es nach einer gewissen Zeit immer geschieht… Sobald die Alltagshektik abklingen kann und die Ruhe offene Türen findet, einströmt und die letzte Unruhe aus einem heraus spült. Und genau so umströmte mich das Wasser, während ich einfach nur da stand und mich in Ruhe umsah.

 

Hervorbrechendes Leben

Was für ein herrlicher Ort! Rundherum Schneefelder und das fliessende Wasser. Und wo kein Schnee mehr lag, war der Boden stellenweise von so vielen Blüten bedeckt, dass kein Grün mehr zu sehen war. Doch ich befand mich nach wie vor mitten im Wasser, flussabwärts gehend… Und erreichte nach einer Engstelle mit tieferem Wasser eine weitere, tiefer gelegene Ebene. Doch diese unterschied sich von der vorherigen. Je näher ich kam, desto klarer wurde mir, dass da wo ich stand, vor kurzem noch ein weiterer, grosser Schmelzwassersee existiert haben musste. Der Abfluss war vermutlich durch Schnee und Eis verstopft, und nur wenige Tage vor meinem Besuch musste der Damm gebrochen und der See abgelaufen sein.

Die Spuren davon waren überall zu sehen. Der gesamte Boden war von einer gleichmässig dicken, inzwischen hart gewordenen Schlammschicht überzogen. Nur dünn, aber ausreichend, um allem die selbe Farbe zu geben. Ohne dass ich es mitbekommen hatte, war die ganze überwältigende Farbe um mich herum einem einzigen, einheitlichen Farbton gewichen. Der Boden war trocken, darum entschied ich mich dazu, an dem Ort eine Pause einzulegen, mich ein wenig hinzusetzen und einfach die Umgebung zu geniessen. Inzwischen hatte ich schon viele Lücken schliessen können, die meisten blinden Flecken waren verschwunden. Einer Übernachtung stand nichts mehr im Wege. Ich setzte mich hin, lauschte dem gemütlichen Plätschern neben mir, und schaute mich ein wenig um.

Da waren keine unterschiedlichen Farben mehr. Jeder Stein hatte die selbe Farbe. Die selbe, wie auch jedes Büschel Gras angenommen hatte. Doch irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich im Augenwinkel vereinzelte Farbtupfer wahrgenommen hätte. Und nach kurzer Zeit entdeckte ich sie dann auch. Unter dem erstarrten Schlammpanzer spürten manche Pflanzen die Wärme der Sonne. Die harte Schlammkruste bekam risse, platzte auf und bröckelte, während schönste Farben aus dem Schlamm hervorbrachen. Ich schaute mir dieses kleine Wunderwerk der Natur in Ruhe an, bevor ich meine Sachen packte und mich auf den Rückweg machte. Denn unterwegs wollte ich mir noch den einen oder anderen Ort anschauen.

 

… und dann entdeckte ich auf zwei kleine Bergseelein, umgeben von blühenden Pflanzen und von karstigen, zerklüfteten Feldern. Sofort war mir klar, dass ich einen dieser Seen im Bild haben möchte. Bei beiden hatte es genug Platz, um übernachten und fotografieren zu können. Zufrieden machte ich ein paar Fotos, um mir die Orte vormerken zu können. Etwas, das ich immer gerne mache – so kann ich mir auch zuhause noch die Gegend genauer ansehen, ohne dort stehen zu müssen. Denn viele Bildausschnitte finden sich erst dann, wenn man lange genug hingeschaut hat. Und wenn einem aus irgendwelchen Gründen vor Ort die Ruhe dazu fehlt, wird es schwieriger.

 

Zwischen Spalten und schmalen Graten

Voller Vorfreude schlug ich den direktesten Weg zurück ein. Er führte mich allerdings mitten durch das zerklüftete Karstfeld direkt vor mir. Die Umgebung veränderte sich schlagartig. Anstelle von prächtigen Blütenpolstern umgaben mich jetzt tiefe Spalten im Gestein.

An meinem Hinterkopf und Waden fühlte ich die Hitze der Sonne, während mein Gesicht der Sonne abgewandt etwas Ruhe geniessen konnte. Theoretisch. Doch die vom Boden zurückgestrahlte Hitze gab mir das Gefühl, als liefe ich über einen Heizstrahler, der mir die Infrarotstrahlung der Sonne zurück ins Gesicht warf. Über einen unglaublich zerklüfteten Heizstrahler, übrigens. Die Spalten waren stellenweise metertief, und aus manchen vernahm ich das leise Geräusch von plätscherndem Wasser. Immer wieder blickte ich hinab in die dunklen Schlitze im Gestein und versuchte mich sicher über sie hinwegzubewegen.

Manchmal waren die übriggebliebenen Stege zwischen den Abgründen weniger als eine Hand breit, die Spalten dafür gefühlt endlos tief. In manchen wuchsen Farne, während andere völlig kahl waren. Manche Felsstreifen waren bereits abgebrochen und hinterliessen messerscharfe Bruchkanten. Ich stellte mir vor was wohl passieren könnte, wenn ich abrutschen würde, und… Nein. Das wollte ich definitiv nicht riskieren. Und so setzte ich einen Fuss vor den anderen, sprang über manch einen Abgrund und fühlte mich zunehmend so, als würde ich innerlich gekocht werden. 25° in der Höhe bei wolkenlosem Himmel und Windstille, ohne auch nur den geringsten Schatten… Es wurde ungemütlich. Die Schneefelder vermied ich vollständig, denn darunter klafften weiterhin tiefe Spalten mit messerscharfen Kanten. Nicht auszudenken was passiert, wenn die Schneedecke unter dem Gewicht eines unachtsamen Wanderers nachgibt, und mitsamt des menschlichen Ballasts in die Tiefe stürzt. Auch wieder so eine Sache, die nicht erlebt werden möchte.

Ich fragte mich, was unten am Grund dieser endlos erscheinenden Löchern zu finden ist. Vermutlich Erde und ein paar pflanzliche Überreste, eventuell etwas Moos, vielleicht ein paar Farne? Oder existierten tief unten kleine Schmelzwasserkanäle, durch die das Wasser abfliessen konnte, ungesehen von allfälligen Besuchern, die darüber hinwegsteigen, ohne es zu bemerken?

 

 

Irgendwann wurden die Spalten flacher und breiter, waren zusehends aufgefüllt mit Erde und herausquellenden Blütenteppichen. Ich war froh, dieses schwierige Gelände hinter mich lassen zu können, und machte mich auf den Weg zurück zum Fahrzeug. Der fehlende Schatten und die 25° in dieser Höhe wurden unangenehm, und ich war froh, endlich in einem Fahrzeug zu sitzen… Ausserhalb der direkten Sonne. Die Strasse führte Kurve um Kurve abwärts, während die Temperatur permanent anstieg. Unten angekommen, begrüssten mich 34° und ein starker Wind blies mir die trockene Hitze entgegen. Was für ein verrücktes Gefühl! Eben noch zwischen Schnee und Eis gestanden, und jetzt bei 34° in einem Windkanal. Sieben Tage hatte ich nun Zeit, bevor ich das nächste Mal wieder dort stehen würde.

 

Aber diesmal mit Sternenhimmel!

Eine Woche war vergangen. Tagelange Hitze und auch nachts kaum Abkühlung verstärkten die Vorfreude auf eine hoffentlich kühle Nacht in den Bergen. Alles war geplant, alles vorbereitet. Diesmal war ich nicht alleine unterwegs. Wir liessen uns hinfahren, um viel Zeit zu sparen. Theoretisch. Doch wie so oft kam alles anders.

 

Die Rucksäcke landeten schwungvoll im Kofferraum, und los ging die Reise. War alles dabei? Waren die Rucksäcke gefüllt mit allem was benötigt wird? Nun… Ja. Das heisst: vermutlich. Denn vor der Abreise herrschte einiges an Hektik. Es war 16:45 als das Auto losfuhr. Eine Viertelstunde später als ich geplant hatte. Und dazu der Feierabendverkehr, der weitere Zeit kostete. Fast eine halbe Stunde war bereits vergangen, bis die Autobahnauffahrt auftauchte. Den Stau zurücklassend ging es nach Süden, ab auf die A12. Kurve um Kurve führte sie durch Tunnel und über Viadukte, entlang des Greyerzersees weiter nach Süden. Und kaum hatten wir den Moléson hinter uns gelassen, wurden auch schon bald die gelben Warnleuchten sichtbar. Warntafeln empfahlen schwereren Gefährten zurückzuschalten und sich auf eine 6%ige Steigung vorzubereiten. Unten angekommen, war ich erleichtert, denn genau auf diesem Abschnitt hatte ich Stau erwartet. Und das hätte den Zeitplan noch weiter verschoben. Schon eimmal stand ich genau dort im Stau fest – eine halbe Stunde lang wegen Verkehrsüberlastung, beinahe zu spät kommend für den Sonnenuntergang. Doch die Autobahn war diesmal staufrei, der Feierabendverkehr am abklingen. Das war gut, so war die Chance auf ein rechtzeitiges Ankommen deutlich höher, und ich ein wenig zuversichtlicher. Die Hinfahrt dauerte insgesamt etwa zwei Stunden, dazu kam noch eine etwa einstündige Wanderung durch Karstfelder und Wasserläufe. Bisher war bereits eine Stunde vergangen, vor uns lag immer noch mehr als die Hälfte der zu fahrenden Strecke. Und die Sonne stand schon besorgniserregend tief am Himmel.

Hoch über dem Genfersee führte die Autobahn durch die Weinreben hindurch, der See glitzerte im Sonnenlicht und Dunst blockierte die Sicht auf den weit entfernten Jura. Ein paar vereinzelte Segelboote schienen den Tag auf dem Wasser zu geniessen… Und irgendwann lag auch der Genfersee hinter uns. Ab ins Wallis, dann die Berge hinauf, und…

Plötzlich tauchten orangefarbene Blinklichter vor uns auf. Aus gut fliessendem Verkehr wurde schlagartig Stau, alles kam zu einem Halt. Zwischendurch ging es – wenn man Glück hatte – eine Wagenlänge im Schritttempo vorwärts. Und die Zeit rannte. Der Zeitplan verschob sich zusehends nach hinten, die schmale Lücke zwischen “geht noch” und “zu spät” wurde enger. Sollte man einfach umdrehen und zurückfahren? Die Entscheidung wurde weiter nach vorne geschoben. Sollten wir bis 19h einen bestimmten Wegpunkt noch nicht erreicht haben, hätte das den Abbruch der ganzen Sache bedeutet. Zu knapp die Zeit, zu gross die Gefahr, vor Erreichen des Ziels in die Dunkelheit hinein zu kommen. Etwas, das bei dem Gelände zu gefährlich gewesen wäre.

Und dann fiel mir auch noch auf: die Jacken lagen nicht im Auto, sondern noch zuhause. Und vor uns lag eine Nacht in den Bergen. Dazu das immer kleiner werdende Zeitfenster, während das Auto mitten im Stau steckte, noch weit vom Ziel entfernt. Nicht gerade die besten Voraussetzungen, doch ich wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Zu sehr freute ich mich auf all die Blumen, die inzwischen da oben blühten. Doch ich musste zugeben, dass die Chance auf Erfolg von Minute zu Minute geringer wurde.
Doch plötzlich wurde aus Stau zähfliessender Verkehr, und kurz darauf konnte man bereits wieder mit normaler Geschwindigkeit weiterfahren. Ein Blick auf die Uhr zeigte: wir hatten im Stau mindestens eine Stunde verloren. 19h rückte näher, und wir waren noch nicht einmal auf dem schmalen, kurvenreichen Bergsträsschen hinauf zum Parkplatz.

19:15h durchquerten wir die Weinreben vor der letzten Abzweigung, die uns auf den letzten Abschnitt brachte. Bis zum Parkplatz dauerte die Fahrt immer noch gute 45min, doch die Hoffnung blieb bestehen. Der Weg führte aufwärts, vorbei an den letzten Nadelbäumen, an Wasserfällen vorbei und durch schmale Tunnel hindurch. Kurve um Kurve weiter hinauf, bis kurz nach 20h endlich der Parkplatz auftauchte. Und die zwei bis anhin unbemerkten Jacken auf der Rückbank wurden ebenfalls entdeckt und eingepackt.

 

Auch an diesem Tag war der Parkplatz leer, und die Sonne versteckte sich bereits hinter den Bergspitzen im Westen. Die harmlosen Schneefelder zu Beginn des Weges waren in den vergangenen sieben Tagen zwar weiter geschmolzen, doch vollständig umgehen konnte man sie nicht. Abermals ging es über diesen erstarrten See aus Milch. Über den westlichen Gipfeln war die Mondsichel zu sehen, und auch sie senkte sich zusehends. Der Abstand zwischen den schroffen Berggipfeln und der Mondsichel war jedes Mal kleiner, wenn ich kurz anhalten und hinaufblicken konnte. Vermutlich war die Sonne schon untergegangen, rot und purpurfarbenen leuchteten die feinen Wolkenschleier am Himmel. Nach einem anstrengenden Anstieg mit Zeitdruck war die Schwemmebene erreicht, von jetzt an ging es nur noch abwärts bis zum Ziel. Allerdings auch noch zwei Mal durchs Wasser, was abermals nasse Füsse zur Folge hatte.

Und kurz vor Einbruch der Dunkelheit war der erste kleine Bergsee erreicht. Ein Weitergehen war ein unnötiges Risiko, also blieben wir da. Im immer spärlicher werdenden Restlicht bauten wir das Tarp auf, bereiteten im Licht der Kopflampen den Schlafplatz vor… und setzten uns ans Wasser.

Die Sterne kamen nur sehr zögerlich hervor. Zusehends dichtere Schleierwolken überzogen den Himmel, doch man konnte sie kaum sehen. Einzig das Fehlen der Sterne zeigte, dass da etwas sein musste. Eigentlich hätte ich die Kamera schon eine Stunde vorher aufstellen können, wenn nicht all die Verzögerungen gewesen wären. Einfach so, um schon vorbereitet zu sein, wenn dann das Licht zu schwinden beginnt. Doch jetzt musste ich mit der fast vollständig dunklen Umgebung zurecht kommen. Es schien sich eine kurze wolkenfreie Lücke am Himmel gebildet zu haben – der Moment, auf den ich gehofft hatte. Und irgendwie schien es zu klappen.

 

 

 

Doch kurz nach dieser Aufnahme zog der Himmel wieder zu, die Wolken wurden dichter. Kurz nach Mitternacht war damit der Tag beendet und das letzte Foto gemacht. Es war an der Zeit, in den Schlafsack zu kriechen und zu schlafen.

Der zunehmend kalte Wind strich über das Tarp, liess es leise flattern. Kein Geräusch war zu hören, kein Flugzeug am Himmel zu sehen. Meine neue aufblasbare Matte war unglaublich bequem, und so lag ich da und genoss die Geräusche und die frische, kühle Luft um mich herum. Das Geräusch des im Wind flatternden Tarps liess mich immer wieder aufwachen, und so blieb die Nacht grösstenteils schlaflos. Ich weiss nicht, wieviel Schlaf ich tatsächlich bekommen hatte. Viel kann es nicht gewesen sein. Doch irgendwann driftete ich in die Traumwelt ab…

Kurz vor Dämmerung öffnete ich die Augen wieder. Im Osten konnte ich das erste Dämmerlicht erahnen, und so kroch ich leise aus dem Schlafsack. Einige Meter vom Tarp entfernt stellte ich den kleinen Gaskocher auf, füllte etwas Wasser in den Topf und liess es bereits aufwärmen. Währenddessen baute ich Stativ und Kamera auf… Und wartete auf das erste Licht.

 

 

 

Der Schlafplatz war schnell aufgeräumt, und nach wenigen Minuten war nichts mehr davon zu sehen. Ganz ohne Zeitdruck begannen wir den Rückweg. Ich wollte die Karstfelder vom ersten Besuch umgehen, was grösstenteils gelang. Hügel um Hügel ging es vorwärts, mal über Schneefelder, mal über tiefe Rillen im Boden. Und plötzlich lag hinter einer weiteren Hügelkuppe ein schöner Bergsee. Die Sonne stand schon recht weit oben am Himmel und heizte alles auf, so war der Entschluss schnell gefasst, sich ein wenig hinzusetzen und eine Pause zu machen.

 

 

 

 

Mit jedem Schritt drückten die Trageriemen des Rucksacks auf die Schultern, langsam wurde das schwere Gepäck ungemütlich. Und dann war der höchste Punkt erreicht. Von nun an ging es wieder nur abwärts. Zuerst am noch jungen Bergbach entlang, danach am Ufer eines grösseren Sees vorbei, bis dann das letzte Stück mit der Seilbahn zurückgelegt werden konnte. Zwischen uns und der Seilbahn lagen noch einige Kilometer Wegstrecke, und nirgendwo war mit Schatten zu rechnen. Doch viel zu schön war die Umgebung, um sich allzu sehr davon ablenken zu lassen. Die zerklüfteten Karstfelder und der Schnee blieb zurück, die jetzige Umgebung war grün, überall blühte es, das Gras der Wiesen stand schon mindestens kniehoch und aus jeder Gesteinsspalte quoll frisches, saftiges Grün hervor.

Auf einmal verschwand die Sonne, Wolken zogen auf. Und keine fünf Minuten später begann es zu regnen. Zuerst nur vereinzelte Tropfen, doch schon sehr bald prasselten rund um uns herum die Regentropfen herab. Was für eine wundervolle Abkühlung!

 

 

Die letzten Meter waren unerwartet anstrengend durch den nun verdunstenden Regen. Der Weg war bereits wieder trocken, doch die Feuchtigkeit hing in der Luft und klebte an allem fest. Und langsam merkte man klar, dass ein neuer Hochsommertag begonnen hatte. Glücklicherweise musste sich der noch müde Verstand nicht mehr um einen Abstieg kümmern, sondern konnte sich zurücklehnen und die Seilbahn ihre Arbeit tun lassen…

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