Bergmoore – Eine Alpenlandschaft im Wechsel der Jahreszeiten

Bergmoore – Eine Alpenlandschaft im Wechsel der Jahreszeiten

Hochmoore, Flachmoore.. Moore weit unten, Moore weit oben… Überall sumpfts und matschts unter den Füssen, wenn man nur weiss, wohin man gehen muss. Manche findet man recht einfach, während sich andere etwas verstecken. Um einen dieser Orte geht es hier.

 

Die meisten Plätze finde ich nach wie vor per Google Earth bzw. Google Maps. Irgendwann weiss man in etwa, wonach man suchen muss. Hinter orangefarbenen Flecken in ansonsten grünen Wiesen versteckt sich oftmals eine moorige Landschaft, die man auf diese Weise recht gut erkennen kann. Flache Schwemmebenen in ansonsten unruhigerem Gelände können ebenfalls auf eine interessante Landschaft hindeuten. Und so fand ich auch diesen Ort.

Schon seit langer Zeit begeistert mich die Landschaft auf über 2000m. All die schönen Pflanzen und Landschaftsformen, die man sonst nirgendwo anders findet… Ausser vielleicht im hohen Norden, nachdem man mehrere Tausend Kilometer gefahren und dem Polarkreis schon nahe ist. So war es für mich ab der ersten Sekunde klar, dass ich diesen neu gefundenen Bergsee besuchen muss. Doch das Problem dabei: es war noch Frühling. Frühling bei mir bedeutet warmes Wetter, viele blühende Pflanzen, die ersten T-Shirt tauglichen Tage. Doch auf über 2000m herrscht dann noch Winter. Ganz besonders in Regionen, die dem Wetter besonders ausgeliefert sind. Und genau an einem solchen Ort befand sich der Bergsee, den ich da gefunden hatte. Mitten in einem Gebiet, das sehr unwirtlich ist. Kurze Sommer, dauerhaft mal leichter, meist aber eher stärkerer Wind, wechselnd zwischen sehr feucht und sehr trocken, teils mit Südneigung und damit voll der Sonne ausgesetzt… Permanent umspült von den aufeinandertreffenden Wetterkräften aus Norden und Süden… Und genau dort wo sie aufeinandertreffen, dort auf dem Bergrücken, über den der Wind pausenlos drüberrauscht… Dort war mein Ziel.

 

Also wartete ich… Und wartete… Und wartete. Der Frühling dauerte an… Irgendwann blühte überall der Löwenzahn in den wiesen, das Gras stand hoch und die Obstbäume blühten… Und ich wartete immer noch. Der Frühling verging, der Mai zog durchs Land, und als der Juni anfing, konnte ich nicht mehr länger still dasitzen und warten. Ich wollte raus, wollte die Berge hoch, wollte zu diesem einen Bergsee. Ich wollte davorstehen und ihn mit eigenen Augen sehen, ihn fotografieren können und die Stille um mich herum geniessen. Nicht krumm am PC sitzen und ihn auf verschwommenen Satellitenaufnahmen bewundern.

 

Irgendwann schien mir der Schnee dann ausreichend weit zurückgeschmolzen zu sein. Hier “unten” war der Schnee schon längst weggeschmolzen. Die erste Hitzewelle des Sommers hatte eine Woche vorher selbst auf 2300m noch für 25° gesorgt. Es fühlt sich unglaublich seltsam an, wenn man bei 25° über Schneefelder stapft, dabei von der Sonne gebraten wird und rundherum die typische Alpenflora sieht, die wohl selten solche Temperaturen abbekommt. Für manche Pflanzen war das möglicherweise sogar das erste Mal überhaupt.

Doch die Hitzewelle war grösstenteils vorüber. Wolken zogen durchs land und brachten Regen. Und mit dem Regen kam etwas Abkühlung. Es war immer noch sommerlich warm bis heiss, doch ich hatte erstmal keine Lust mehr auf hohe Temperaturen und wollte hinauf in die Berge.

 

Kurve um Kurve ging es weiter hoch, hinauf in die Berge. Zuerst umgeben von nebligen Wäldern und Schluchten, dann von immer karger werdenden Landschaften. Der Wald wich zurück und irgendwann war er ganz verschwunden, irgendwo weiter unten im Tal zurückgelassen. Anstelle von Nadelbäumen ragten jetzt überall grosse, vor langer Zeit herabgestürzte Felsen empor. Und wo keine Geröllfelder den Boden bedeckten, wuchsen gedrungene Alpenrosen, Heidelbeeren, Farne und andere alpine Pflanzen.

 

Der Himmel war grau, als ich ankam. Eine relativ schnell ziehende, vollständig geschlossene Wolkendecke schob sich über die Berge vor mir. Schnee lag herum, die Landschaft schien noch im Winterschlaf zu sein. Auf dem Gewässer vor mir trieben dicke Eisschollen, und meterdicke Schneefelder bedeckten grosse Teile der Umgebung. Zwischendurch wurde die gesamte Umgebung von einer besonders tief hängenden Wolke eingehüllt, und die Sichtweite reduzierte sich massiv. So weit, dass man das andere Ufer nicht mehr sehen und sich fast wie an einem ruhigen Tag an der Küste fühlen konnte.

Trotzdem packte ich meine Sachen und machte mich auf den Weg. Zum Glück wusste ich genau wohin ich gehen musste, denn Wege waren grossteils unter Schnee versteckt, sowie auch andere Dinge, an denen ich mich ohne Schnee hätte orientieren können. Da ich die Gegend inzwischen oft genug angeschaut hatte, wusste ich auch so, wohin ich zu gehen hatte.

 

 

 

Ohja, so fühlt sich der hohe Norden an.

Augenblicklich fühlte ich mich wie im Norden Schwedens. Die wenigen Zeugen menschlicher Existenz waren schon bald hinter Nebel, Wolken und Hügeln verschwunden. Jetzt war nichts mehr zu sehen oder zu hören, was an Menschen erinnerte. Lediglich der ab und an zwischen dem Schnee hervorblinzelnde Weg zeigte, dass hier ab und zu Menschen entlangkommen. Doch schon bald verliess ich auch diesen letzten Hinweis auf Zivilisation und folgte der Route, die mir schon am Bildschirm am klügsten zu sein schien. Hinzu kamen die Schneefelder, unter denen teilweise Bergbäche entlanggluckerten. Ich konnte sie stellenweise unter meinen Füssen hören – dementsprechend vorsichtig betrat und überschritt ich sie an Orten, wo eine Umgehung unmöglich war.

 

 

Und dann… Erreichte ich die erste Ebene. Zuerst sah ich diese völlig ebene Fläche vor mir, als erster Hinweis darauf, mein Ziel bald erreicht zu haben. Schon wenige Schritte später matschte es unter den Schuhen, und meine Füsse wurden kalt und nass. Nichts, was mich bei der Landschaft besonders überrascht hätte. Und nichts, was mich nun gross stören sollte, solange dadurch keine Blasen an den Füssen entstehen. Ein wenig kalte Füsse würden mir schon nicht schaden. Und so schritt ich vorsichtig am Rande dieser fast überschwemmten Fläche entlang, immer darauf achtend, keine Moose, Flechten und Farne zu zertrampeln, kein Blümchen und Gräslein unter den Schuhen zu zerquetschen, das in ein paar Tagen oder Wochen zu blühen beginnt. Doch bisher schien noch fast alles zu schlafen.

 

 

 

Bald – nach einigen auf und ab – konnte ich den Ort sehen, der mich bis hier hin gelockt hatte. Doch es war noch viel zu früh im Jahr. Erst vor kurzem war die Schnee- und Eisbarriere beim natürlichen Abfluss geborsten, welche zuvor den Schnee und das daraus entstehende Schmelzwasser zurückgehalten hatte. Im Winter neigen solche Verengungen gerne dazu zu vereisen. Es entsteht ein Zapfen; ein Verschluss, hinter dem sich das ganze Wasser langsam aufstaut, bis ein See entsteht. Sobald der Druck dann zu gross wird und die wegschmelzende Schneebarriere dem Druck nicht mehr standhalten kann, bricht sie auf, das Wasser fliesst ab und die Eisdecke legt sich auf den nun wieder freigegebenen Boden.

Ab dann dauert es an weniger Sonnenexponierten Stellen manchmal bis Ende September, bevor sich die letzten Schneereste aufgelöst haben. Mich weiter zu nähern erschien mir zu gefährlich und sinnlos, von hier hatte ich einen viel besseren Überblick. Und die Vegetation befand sich noch teils im Winterschlaf – besonders viel zu sehen gab es somit auch noch nicht. Keine Pflanzen zu bewundern, keine Blüten zu bestaunen und nichts grünes zu fotografieren. Also setzte ich mich einen Moment hin, den Rücken an einen mich vor Wind schützenden Felsen gelehnt und den Blick über die Landschaft schweifen lassend… Und genoss einfach das Dort-Sein, bevor ich mich wieder auf den Rückweg machte.

 

 

 

Einen Monat später – mitten im August – machte ich mich wieder auf den Weg. Diesmal war die Vegetation bereits viel weiter. Was ich immer wieder interessant finde: Auf der Alpennordseite liegen die Zonengrenzen gute 500m tiefer als auf der Alpensüdseite. Während diese Vegetation hier bereits auf 2000 – 2100m zu finden ist, benötigt man südlich der Rhone bereits 2500m und mehr für die selben Pflanzenwelten.

Auf jeden Fall besuchte ich diese Landschaft mehrmals während des Bergsommers. Der erste Sommerbesuch fand während strahlend schönem Sonnenschein mit einigen schnell vorbeiziehenden Wolken statt. Nicht unbedingt Fotografenwetter, zugegeben. Doch manche Landschaften sehen selbst bei Sonnenschein am Mittag fantastisch aus – finde ich zumindest. Und so auch diese.

Denn diesmal hielten mich die zurückgeschmolzenen Schneefelder nicht mehr davon ab, hinabzusteigen und dort hin zu gelangen, wo ich von Anfang an hin wollte.

 

 

 

 

Was für eine traumhafte Welt! Überall unzählige nässeliebende Pflanzen, Wollgras, Moose aller Art, Binsen… Ein Traum für jeden, der moorige Landschaften mag. Und noch dazu absolut menschenleer, still und voller Details, die erkundet werden wollen. Man könnte sich Stunden, ja Tage und Wochen dort aufhalten und es würde einem nicht einmal der Gedanke kommen, man habe alles gesehen.

 

Doch ich hatte ja keine Ahnung, was mich bei meinem nächsten Besuch erwarten würde. Ich dachte, dass ich für sommerliche Verhältnisse und tagsüber, fernab von Sonnenauf- oder -untergang alles gesehen habe… Doch dann gabs Nebel. Und ich war im Himmel – wortwörtlich. Mittendrin in tiefhängenden Wolken, die über den Bergrücken schleiften. Nach kurzer Zeit tropfte es von meiner Sonnenbrille, die Jacke war auf der dem Wind ausgesetzten Seite bereits dunkel und nass geworden… Und rund um mich herum begann das Grün der Moose erst so richtig zu leuchten. Genau dieses Wetter benötigte die Landschaft, um sich von der bestmöglichen Seite zu zeigen.

Scheuchzers Wollgrasköpfchen schaukelten im Wind, das Moos vor mir war herrlich saftig und durch die Feuchtigkeit leuchtend grün, und an manchen Stellen glitzerte der Boden durch hingespülte Bergkristallsplitter. Und ich stand mittendrin in dieser fantastischen Landschaft, mich ständig im Kreis drehend, überall anhaltend um möglichst alles von dieser Stimmung aufzusaugen, nichts zu verpassen… Und machte Fotos.

Zwischendurch wurde die Wolkendecke etwas dünner, und diffuse Lichtfelder zogen über die Landschaft vor mir.

 

 

 

Doch nach einigen Stunden war meine Jacke doppelt so schwer geworden, meine Mütze tropfte pausenlos und der Wind zeigte so langsam Wirkung: mir wurde langsam etwas kühl um die Nase. Also machte ich mich auf den Rückweg… Wohlwissend, dass das nicht der letzte Besuch gewesen ist, und der Herbst erst noch kommt. Dann, wenn sich die Welt noch einmal völlig ändert und von sattgrüner Umgebung nichts mehr zu sehen ist… Stattdessen rote Heidelbeerbüsche kupferrot glänzende Wiesen unterbrechen und für noch mehr Farbe sorgen, als ohnehin vorhanden sein wird.

 

Doch bevor sich der Herbst richtig zeigte, kam bereits der erste Schnee. Ein Anblick, den man nur sehr, sehr selten hat. Frühlingsgefühle im Spätsommer… Solches Tauwetter ist im Flachland im Februar/März normal. Wenn der letzte Schnee taut, es überall gluckert und die Sonne bereits schön wärmt. Doch in den Bergen sieht das anders aus. Der Frühling ist normalerweise nicht so. Da liegt sehr viel Schnee, sehr lange. Alles ist braun und höchstens olivgrün.

Dank des frühen, leichten Schneefalls hingegen, konnte ich diesen seltenen Moment miterleben. Als ich losging, war der Boden noch grossteils verschneit. Doch die warme Fast-Septembersonne – es war der 31. August – liess ihn schnell wieder wegtauen. Dafür konnte ich überall dieses herrliche Gluckern hören. Kleine Bächlein aus Schmelzwasser flossen die Wiesen hinab, und die ersten Grasbüschel deuteten mit dem Farbwechsel bereits den kommenden Herbst voller warmen Farbtönen an.

 

 

 

 

… und dann kam der Herbst. Ende September stattete ich dieser Landschaft den letzten Besuch des Jahres ab – kurz bevor der erste richtige Schneefall alles unter sich versteckte.

Inzwischen war alles ein Meer aus goldenen und kupferfarbenen Wellen aus Gräsern, voller Inseln mit leuchtend roten Heidelbeersträuchern. Genau so wie erwartet und erhofft. Alles leuchtete, und bei näherer Betrachtung hingen die Sträucher voll mit fast schon überreifen, saftigen Heidelbeeren. Hier und da verschwand eine Hand voll davon in meinem Mund, während ich durch die Landschaft wanderte… Hier und da mal anhielt um ein Foto zu machen, und einfach die Umgebung bewunderte.

Als ich dann an meinem Ziel angelangt war, überfuhr mich der Anblick förmlich. Überwältigend war der Anblick, und ich blieb einfach dort sitzen, neben der Kamera. Ich weiss nicht wie lange. Es könnten fünf Minuten gewesen sein oder eine Stunde. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte.

 

 

 

Hier sitze ich nun, diesen Beitrag schreibend und mich bereits auf den Moment freuend, wenn die Schneefelder wieder soweit zurückgewichen sind, dass die Landschaft darunter sichtbar wird… Die Vegetationsperiode wieder so richtig beginnt und alles auf den kurzen, ersten Höhepunkt zusteuert… Dann, wenn alles satt grün leuchtet und man den Boden vor überall hervorquellenden Blumen kaum mehr sehen kann. Und auf den zweiten Höhepunkt, den rotgildenen Herbst, kurz vor dem ersten Schnee.

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